Abou, der Deserteur

Reportage

Verletzte Rebellen aus Syrien sind in den Libanon geflüchtet. Bernerzeitung.ch/Newsnetz hat in einem Spital mit jungen Syrern über den Bürgerkrieg und ihre Zukunft gesprochen.

Der Krieg in der Heimat hat sie im Libanon zusammengebracht: Husain (19), Abou (27), Ibrahim (23) und Faris (26) (von links nach rechts).

Der Krieg in der Heimat hat sie im Libanon zusammengebracht: Husain (19), Abou (27), Ibrahim (23) und Faris (26) (von links nach rechts).

(Bild: Paul Assaker)

Rebellen stellt man sich anders vor. Die fünf Syrer, die ihre Kriegsverletzungen in einem Spital nahe Tripoli im Libanon behandeln lassen, sind freundlich und zu Scherzen aufgelegt. Obwohl Ramadan ist, stecken sich zwei von ihnen eine Zigarette an. Religion habe in Syrien nie eine grosse Rolle gespielt, erklärt einer der Raucher.

Sie kennen sich erst, seit sie im selben Spital liegen. Der Jüngste der Gruppe ist 19, der Älteste 27, er heisst Abou. Sein fahles Gesicht und die tief eingesunkenen Augen lassen ihn um Jahre älter wirken. Sein Körper ist ausgezehrt, bei einer Grösse von etwa 1,80 Meter wiegt er nicht mehr als 60 Kilo. Solange er sitzt, verdeckt die Jogginghose seine Verletzungen. Erst wenn der Mann aufsteht und sein linkes Bein schleppend hinter sich her schleift, macht sich die Kugel, die im rechten Oberschenkel ein- und im linken wieder austrat, bemerkbar. Er wurde von einem Sniper getroffen.

Auf der Flucht viel Blut verloren

Die syrischen Rebellen brachten die Verwundeten mit Autos in der Dunkelheit an die Landesgrenzen. In den neun Stunden, die es dauerte, bis Abou verarztet wurde, verlor er viel Blut. Manche Strecken mussten die Verletzten zu Fuss zurücklegen. Diejenigen Männer, die nicht mehr gehen konnten, wurden auf dem Rücken anderer getragen, bis sie an der Grenze von Helfern des Roten Kreuzes notdürftig versorgt und in libanesische Spitäler gebracht wurden.

Mohamed ist in einem anderen Spital untergebracht, aber vermutlich ist er auf ähnliche Weise in den Libanon gelangt. Er sagt, dass er sich nicht genau an seine Flucht erinnern könne. Der 19-Jährige wurde vor drei Monaten in einer Menschenansammlung von einem Geschoss getroffen. Seither sitzt er im Rollstuhl und wartet darauf, operiert zu werden. Von seinen Eltern in der Heimat hat er nichts mehr gehört, im Libanon kennt er niemanden. Geld hat er keines, niemand hier hat Geld. Mohamed war nicht bei den Rebellen. Aber wenn er wieder gesund sei, gehe er zurück nach Syrien, um mit ihnen gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Seine grossen, hellen Augen funkeln. Ein Lächeln huscht Mohamed über das Gesicht, während er das sagt.

Zurück nach Hause – Krieg hin oder her

Ahmed ist 13 Jahre alt. Er träumt nicht davon, Kämpfer zu werden. Das könnte er auch gar nicht, denn sein rechtes Bein musste amputiert werden. Wenn er gross ist, möchte er Arzt sein. Ärzte haben dem Jungen aus der Nähe von Homs das Leben gerettet. Ahmed spielte auf der Strasse vor seinem Haus, als eine Bombe einschlug. Irgendwie gelangte er in den Libanon, wo ihn das Rote Kreuz versorgte und in das Spital brachte. Nein, jetzt habe er keine Schmerzen mehr, sagt der Siebtklässler. Aber seine Eltern und der Bruder fehlen ihm. Sie schafften es nicht über die Grenze.

Die jungen Krankenschwestern kümmern sich liebevoll um ihn, streichen ihm über den dunkelblonden Haarschopf, und er telefoniert täglich mit seiner Familie in Syrien. Das lindert sein Heimweh nicht. Er will zurück nach Hause – Krieg hin oder her.

Das Leben in Homs ist unerträglich

Abou, der Rebellenkämpfer mit den durchschossenen Beinen, erzählt, er sei Offizier in Assads Armee und in Damaskus stationiert gewesen. «Kaum begannen die Demonstrationen, durften die Armeeangehörigen keine Mobiltelefone mehr benutzen und nur noch regierungstreue TV-Sender schauen», erinnert sich Abou. Doch Informationslecks gibt es immer.

Seine Eltern erzählten ihm, das Leben in Homs sei unerträglich. Sie hätten Zustände von Chaos und Gewalt geschildert. Zwei seiner besten Freunde wurden getötet. «Ich konnte es nicht mehr ertragen zuzusehen.» Abou desertierte als einer der Ersten mit zehn seiner Soldaten und den Waffen, die sie tragen konnten. Er rief weitere Offiziere an, die sich bereit erklärten, der Armee den Rücken zu kehren und zu den Rebellen überzulaufen. Am Anfang seien die ungefähr 50 Deserteure unorganisiert und schlecht ausgerüstet gewesen. Lange konnten sie den Streitkräften des Regimes so nicht standhalten. Deshalb begannen sie, Armeekonvois zu attackieren, um an Waffen zu gelangen.

«Syrer sollen endlich in Freiheit und Demokratie leben»

Erst acht Monate nach Ausbruch der Unruhen erhielt die zusammengewürfelte Truppe in Homs einen Befehlshaber: Ein Oberst der Armee, der zu den Rebellen übergelaufen war, übernahm das Kommando. Die Kämpfer gaben ihrer Einheit den Namen al-Assi – so heisst ein Fluss in Syrien, der Türkei und im Libanon. Dass die al-Qaida oder andere ausländische Netzwerke Kämpfer nach Syrien geschickt hätten, sei nicht wahr, sagt Abou. Zu Beginn hätten sie auch keine Zivilisten in ihre Reihen aufgenommen. «Wir hatten keine Waffen und konnten sie auch nicht ausbilden.» Die Al-Assi-Einheit habe überhaupt keine Hilfe von aussen erhalten, keine Waffen und auch kein Geld. «Ich bin enttäuscht von unseren Kommandanten, die in der Türkei sitzen.»

Was nach dem Krieg in Syrien kommt, weiss keiner der jungen Männer, die sich in einem Spital im Libanon kennengelernt haben. «Das syrische Volk soll endlich in Freiheit und Demokratie leben»: Das ist das Einzige, was Abou vorschwebt. Politisch ist er nicht wählerisch, auch wenn die Alawiten an die Macht kommen sollten. «Ich akzeptiere jede Macht, die das syrische Volk während dieser Revolution nicht angegriffen und verletzt hat.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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