Indien – «ein Koloss auf schwachen Füssen»

Indien, bald das bevölkerungsreichste Land der Welt, befeuert den Traum des ewigen globalen Wirtschaftswachstums. Indien-Kenner Bernard Imhasly erklärt, was den indischen Elefanten vom chinesischen Drachen unterscheidet.

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Jürg Steiner@Guegi

Chinas Wirtschaft schwächelt, was die ganze Welt alarmiert. Jetzt kommt die grosse Zeit von Indien, Herr Imhasly!
Bernard Imhasly: Ich muss Sie leider enttäuschen. Indien wird nie ein zweites China werden. Indien ist chaotischer, gemächlicher, verfestigter in seinen kulturellen und religiösen Traditionen. Indien macht keinen grossen Sprung nach vorn, sondern höchstens kleine Schritte.

Tatsächlich? Eben hat die UNO Prognosen veröffentlicht, gemäss denen Indien bereits im Jahr 2022 China als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholen wird.
Stimmt, und viele indische Politiker reden von der demografischen Dividende, die das Land daraus ziehen kann. Sie meinen damit: Indien ist das einzige grosse Land, das noch auf längere Zeit effektiv jung bleibt. Im Gegensatz zu den USA, Westeuropa, Russland, die ein zunehmendes Überalterungsproblem haben. Im Unterschied auch zu China mit seiner Einkindpolitik. Kein anderes grosses Land kann diese Perspektive der Jugendlichkeit bieten.

Aber?
Wenn Indien davon profitieren wollte, müsste man die jungen Leute auch beschäftigen können. Doch das ist das grosse Problem. Zwölf Millionen junge Menschen kommen in Indien jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt, eine Million pro Monat. Der industrielle Sektor ist zu klein, als dass er diese Masse aufnehmen könnte. Hingegen verfügt höchstens ein Zehntel der jungen Inder über eine Ausbildung, die sie wirklich arbeitsmarktfähig machen würde. Deshalb hat Indien trotz seines riesigen Reservoirs einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Das ist dramatisch. Indien ist ein Koloss, der auf schwachen Füssen steht.

Indien müsste auf das duale Bildungssystem mit Berufslehre und höherer Schulbildung setzen, wie die Schweiz oder Deutschland.
Das ist einfacher gesagt als getan. Man kann ein solches System nicht einfach einführen, und das hat auch mit tiefsitzenden kulturellen Einstellungen zu tun. In der Kastenordnung gilt das Grundprinzip, dass sich die Elite nicht die Hände schmutzig macht. Je mehr man das tut, desto tiefer steht man sozial.

Mit welchen Folgen?
Jeder, der ein paar Jahre Schulbildung absolviert hat, strebt nach einem Bürojob. Handwerkliche Berufe wie Maurer, Elektriker, Sanitärinstallateur, bei uns als Pfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs anerkannt, sind für Inderinnen und Inder nichts Erstrebenswertes.

Sind die Kasten in der globalisierten indischen Gesellschaft tatsächlich immer noch das dominante gesellschaftliche Ordnungssystem?
Um zu verstehen, wie sie funktioniert, muss man die Kastenordnung von verschiedenen Seiten anschauen. Von aussen sieht man vor allem die gesellschaftliche Diskriminierung der Angehörigen unterer Kasten...

...deren Hoffnung auf soziale Mobilität vor allem darin besteht, in einer höheren Kaste wiedergeboren zu werden.
Genau. Aber diese Diskriminierung nimmt in der modernen indischen Gesellschaft eher ab, weil viele Menschen nicht mehr das ganze Leben in ihrem Dorf verbringen, sondern auf der Suche nach Arbeit in die Städte ziehen, wo das Leben viel anonymer ist und zahlreiche an die Kaste gebundene Tabus – etwa bei der Ernährung – nicht mehr eingehalten werden können. Gleichzeitig aber wird der Schutzmechanismus des Kastensystems eher stärker.

Schutzmechanismus?
Ja, und das ist jetzt die indische Innensicht. Seit der Unabhängigkeit bemüht sich der indische Staat, das asoziale Kastensystem zu überwinden. Er sagt: Je tiefer die Kaste, desto mehr Schutz.

Konkret?
Beispielsweise sind für die Dalits, die auf den untersten Stufen des Kastensystems stehen, bestimmte Quoten an Lernplätzen in Schulen bis hinauf an die Universität reserviert. Dass ein solches Reservationssystem sogar für Jobs beim Staat gilt, ist noch fast wichtiger – besonders, weil gerade der landwirtschaftliche Sektor in einer existenziellen Krise steckt. Und im Gegensatz zur Schweiz sind über 50 Prozent der Bevölkerung von ihm abhängig.

Es hat sogar Vorteile, einer tiefen Kaste anzugehören?
Es gibt heute Angehörige mittlerer Bauernkasten, die sich wegen dieser Quotenregelungen zu Dalits hinunterstufen lassen möchten. Das zeigt, dass das Kastensystem nach wie vor prägend ist. Und attraktiv.

Sie erleben derzeit live mit, was der neue Ministerpräsident Narendra Modi in Indien auslöst.
Er ist jetzt ein gutes Jahr im Amt, und ich glaube, man kann eines festhalten: Auch Narendra Modi, der sich als Erneuerer anpries, muss sich den Realitäten der riesigen, streitlustigen indischen Demokratie beugen, die nur schwer zu bewegen ist.

Aber das Wirtschaftswachstum ist doch wieder in Gang gekommen.
Absolut, Modi ist es gelungen, Indien einen Energieschub, eine Art «Yes, we can»-Euphorie zu verpassen, die sich auch im Wirtschaftswachstum von derzeit rund 7 Prozent ausdrückt. Die «Make in India»-Kampagne zur Schaffung neuer Industriestandorte ist eine typische Modi-Initiative. Entscheidend ist aber aus meiner Sicht die Frage, ob sich diese Bemühungen wirklich in ein Beschäftigungswachstum übersetzen.

Sieht es nicht danach aus?
Nach wie vor trüben die staatliche Bürokratie, aber auch die demokratischen Institutionen das Klima für die Wirtschaft. Im Unterschied zu China kann die Regierung in Indien nicht einfach einen wirtschaftlichen Kurs verordnen. Reformen werden politisch bekämpft und blockiert oder verzögert. Die Einführung der Mehrwertsteuer zum Beispiel, die wichtig wäre für die indische Wirtschaft, kommt kaum vom Fleck.

Welche Auswirkungen hat dieser Reformstau?
Er wirkt sich zum Beispiel auf die Anpassungsfähigkeit der indischen Wirtschaft aus. Ein Beispiel ist die Textilindustrie, die in Indien bereits im 19.Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte. Sie wäre eine Stärke von Indien. Im Globalisierungsschub der letzten zwanzig Jahre etablierte sich aber trotzdem China als Hauptdestination der textilen Grossindustrie. Jetzt ist China in Schwierigkeiten, aber nicht Indien nutzt Chinas höhere Lohnkosten, sondern das kleine Bangladesh, das heute mehr Textilexporte ausweist als das riesige Indien.

Mich erstaunt Ihr kritischer Blick auf die indische Wirtschaft. Im westlichen Bewusstsein dominieren die pulsierenden Business-Districts von Mumbai, Bangalore oder Pune mit Scharen von weltmarkttauglichen IT-Spezialisten.
Man muss eines wissen: Bei allen Wahrheiten, die man über Indien erzählt – wahr ist immer auch das Gegenteil.

Gut zu wissen.
Was man oft ausser Acht lässt: Über die Hälfte der indischen Bevölkerung, also sechs- bis siebenhundert Millionen Menschen, sind von der Landwirtschaft abgängig, und diese befindet sich in einer fundamentalen Krise. Die Landteilung ist so weit fortgeschritten, dass 70 Prozent der Bauern nicht mehr über Parzellen verfügen, die mindestens die wirtschaftlich sinnvolle Minimalgrösse von zwei Hektaren umfassen. Dazu kommt, dass in immer mehr indischen Bezirken Wassernot herrscht. Neben den Millionen von jungen Indern müsste der Industrie- und Dienstleistungssektor auch Arbeitsplätze für Hunderte Millionen Bauern schaffen. Davon ist er weit entfernt – ein enormer Stressfaktor für das Land.

Regierungschef Modi ist ein Hindu-Nationalist. Man fürchtete, er würde den indischen Säkularismus – man ist zuerst Inder und erst nachher Hindu, Sikh oder Muslim – hintertreiben.
Nach meiner Einschätzung hat sich Modi als Machtpolitiker erwiesen, der nur dann zum Ideologen wird, wenn es ihm politisch nützt. Er hat bisher darauf verzichtet, nationalistische Gefühle aktiv zu bedienen. Aber man muss natürlich wissen, dass der politische Rückhalt seiner Partei vor allem auf dem im ganzen Land sehr gut vernetzten radikalen hinduistischen Freiwilligenverband RSS beruht.

Das heisst?
Dessen Ideologie – wir müssen als Hindus stark werden, nicht als Inder – darf Modi nicht verraten. Deshalb unternimmt er kaum etwas, wenn es zu Gewaltakten gegen Muslime kommt. Auf der anderen Seite haben die hinduistischen Nationalisten eine rückständige Auffassung von Wirtschaft, die sich an der gandhischen Utopie einer abgeschotteten Dorfökonomie orientiert. Damit kann Modi im Zeitalter der Globalisierung gar nichts anfangen.

Sehr viel kann Modi mit Yoga anfangen. Er hat in seiner Regierung ein Ministerium für Yoga, Ayurveda, Homöopathie und Naturheilkunde geschaffen und den Welt-Yogatag ausgerufen.
Modi ist Spitzenklasse, was Imagebranding angeht. Er forciert Jugendlichkeit und Körperlichkeit, er selber ist Vegetarier, steht morgens um 4 auf, hält sich mit Pranayama-Atemübungen im Gleichgewicht – und kommuniziert das alles sehr offensiv. Seine Yogainitiative halte ich für einen Versuch, Indien als Soft-Power-Weltmacht zu etablieren.

Soft-Power-Weltmacht?
Modi hat die Limiten Indiens als Wirtschafts- und Militärmacht erkannt. Gleichzeitig sieht er, welche negativen Auswirkungen das oft harte Vorgehen Chinas, das sich den Zugang zu Einfluss und Ressourcen einfach erkauft, auf das chinesische Image in der Welt hat. Indien hat der Weltzivilisation mit Yoga Werte gebracht, die Modi jetzt kapitalisieren möchte. Aber ich glaube nicht, dass er damit sehr erfolgreich sein wird.

Warum nicht?
Yoga hat zwar indische Wurzeln. Aber zum Lifestyle-Trend, dem Millionen Menschen auf der ganzen Welt folgen, wurde es in den USA. Yoga, wie es heute betrieben wird, würde ich eher als indisches Hors-sol-Produkt bezeichnen, dessen Beitrag zu Indiens Soft Power limitiert ist. Was Indien nützen würde, ist nicht, dass möglichst viele Leute das körperliche Hatha-Yoga machen. Sondern dass sie Karma-Yoga praktizieren können.

Karma-Yoga?
Das heisst, dass sie durch Yoga der Tat oder der Arbeit Einkommen und Wohlstand schaffen.

Interessieren sich die Inder überhaupt für Yoga?
Die urbane Mittelschicht, die in modernen Jobs arbeitet, schon. Es gibt in den grossen Metropolen Yogastudios, wie bei uns. Im Dorf in der Nähe von Mumbai, wo ich lebe, würde ich aber niemanden kennen, der Yoga macht.

Die indische Mittelschicht wächst, und oft heisst es, der steigende Wohlstand mache aus Vegetariern Fleischesser.
Mag sein, dass das zutrifft für Leute, die lange im Ausland gelebt haben und nun nach Indien zurückkehren. Aber sonst ist das absolut kein Trend, den ich beobachten würde. Im Gegenteil. Der Vegetarismus ist nicht von der Gesundheit her begründet, sondern von Religion und Kaste. Und gerade in den Geschäftskasten, aus denen die meisten erfolgreichen Unternehmer stammen, sind fast alle Vegetarier. Ich würde wetten, dass von den vielen neureichen Finanzanalysten in Delhi oder Mumbai 90 Prozent Vegetarier sind.

Sie leben seit dreissig Jahren in Indien. Wird es Ihnen nie zu viel, unter so vielen Menschen zu sein?
Nein, ich fühle mich wohl unter Menschen. Wir kommen mit der Fähre beim Gateway of India an, wenn wir aus unserem Dorf nach Mumbai gehen. Der riesige Platz ist immer zum Bersten mit Menschen gefüllt, das ganze Leben findet auf der Strasse statt. 50 Prozent der Menschen in Indien sind unter 25 Jahre alt, und die vielen armen Leute strahlen eine angriffige Energie aus, weil sie ein besseres Leben wollen. Aber nicht verbissen, sondern eher fröhlich und positiv. Ich als alter Mann, der ich dort wirklich bin, empfinde das als sehr erfrischend und bekräftigend.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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