«Für mich blieb er ein normaler Häftling»

Interview

Der weisse Gefängniswärter Christo Brand war 17 Jahre lang für Nelson Mandela zuständig. Nach anfänglicher Fremdheit und Skepsis wurde ihm der Freiheitskämpfer zu einem engen Freund.

  • loading indicator
Johannes Dieterich@tagesanzeiger

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Nelson Mandela?
Ich kam mit einer Gruppe von 21 jungen Gefängniswärtern im November 1978 nach Robben Island. Dort wurde ich der B-Sektion der Haftanstalt zugeteilt, in der die Führer der politischen Häftlinge sassen. Wenn wir morgens die Zellen inspizierten, standen die Gefangenen von ihrem Schlafplatz auf, der damals noch aus einer blossen Matte und Wolldecken bestand. Weil Mandela sehr gross war, ragten seine Füsse immer über die Matte auf den Zement hinaus. Er stand auf und grüsste freundlich. Er war überhaupt immer sehr freundlich, mit nur sehr wenigen Ausnahmen. Im Lauf des Tages fragte ich jemanden, wieso diese Leute denn eingesperrt seien. Man sagte mir: «Das sind Terroristen. Sie versuchen die Regierung zu stürzen und töten unsere Kinder.» Ich hatte den Namen Nelson Mandela zuvor noch nie gehört.

Sie hatten keine Ahnung, wer ­Nelson Mandela war?
Ich bin auf einer Farm gross geworden, und meine Eltern sprachen nicht über Politik. Als ich zum ersten Mal von Robben Island freibekam, fragte mich mein Onkel, ob ich Mandela gesehen hätte. Ich erzählte ihm, dass das ein ganz gewöhnlicher Gefangener sei. Ich hasste die Häftlinge zunächst. Ein Freund von mir war ein Jahr zuvor an der namibischen Grenze im Gefecht mit schwarzen Befreiungskämpfern umgekommen. Ich schwor mir, zu diesen gefährlichen Leuten Distanz zu halten.

Wie hat sich das dann verändert?
Allmählich. Ein Zwischenfall, der mir Mandela als Mensch näherbrachte, war wohl besonders wichtig. Seine Frau Winnie hatte für einen Besuchstermin ein Baby in einer Decke auf die Insel geschmuggelt, es war ein Enkel Mandelas. Winnie fragte mich, ob sie Mandela das Kind zeigen könne. Das war mir aber zu riskant, denn Winnie hätte das bestimmt Journalisten erzählt, und dann wäre ich dran gewesen. Kinder waren auf Robben Island verboten. Also sagte ich Nein. Doch am Schluss des Besuchs musste Winnie noch etwas erledigen und drückte mir das Baby in die Arme. Ich wollte mich wehren: Schliesslich hatte ich bis dahin noch nie ein schwarzes Baby gehalten. Winnie liess sich davon nicht beeindrucken. Als sie draussen war, nahm ich die Chance wahr, ging zu Mandela und gab ihm das Kind. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Danach war unser Verhältnis anders: Wir fingen an, über persönliche Dinge zu reden.

Zum Beispiel?
Er fragte mich, woher ich käme und was meine Ziele im Leben seien. Er wollte von allen Wärtern wissen, warum sie sich nicht weiterbildeten. Er suchte zu motivieren, selbst wenn man sein Feind war. Einmal schmuggelte er einen Brief an meine Frau aus dem Gefängnis, in dem er sie aufforderte, mich zum Studieren anzuhalten.

Er selbst studierte die ganze Zeit.
 Ja. Ich war sogar sein Studienbeauftragter. Ich beaufsichtigte ihn bei seinem Examen für die Fernuniversität und half ihm bei der Anmeldung. Er übte mit mir auch sein Afrikaans. Er war viermal in diesem Fach durchgefallen und forderte mich auf, nur noch Afrikaans mit ihm zu sprechen. Auf meine Anregung hin schrieb er einen 500 Worte langen Essay auf Afrikaans über seinen ersten Spaziergang am Strand von Robben Island.

Wann haben Sie herausgefunden, welche Bedeutung Mandela im schwarzen Befreiungskampf hatte?
Nachdem mein Onkel nach ihm gefragt hatte, versuchte ich mehr über ihn herauszufinden. Für mich blieb er aber trotzdem ein ganz normaler Häftling. Er stach nicht heraus. Das kam erst später im Pollsmore-Gefängnis, als die Ge­spräche mit der Regierung begannen. Auf Robben Island war eher Walter Sisulu die Führerpersönlichkeit. Ihn fragte Mandela jedes Mal um Rat, wenn eine Entscheidung zu treffen war.

Hatte Mandela nicht die ­Ausstrahlung eines Führers?
Nein, er war nüchtern und unkompliziert. Er schaffte es immer, dass sich die Leute um ihn herum wohlfühlten – selbst, als er Präsident war. Als ich ihn in dieser Eigenschaft mal im Gang im Parlament sah, rief ich «Hallo, Nelson!». Seine Leibwärter fauchten mich an, dass ich den Präsidenten nicht beim Vornamen rufen könnte. Er rief mich jedoch zu sich, legte seinen Arm um mich und sagte: «Das ist Herr Brand, den müsst ihr immer zu mir durch lassen.»

Sie nannten ihn Nelson und er nannte Sie Herr Brand?
 Ja, Nelson oder Mandela.

Und er nannte Sie Herr Brand?
Als ich zum Sergeanten ernannt wurde, nannte er mich sogar Sergeant Brand. Er respektierte immer meinen Rang.

Dass Mandela Afrikaans lernte, lag vermutlich nicht nur an seinen Studien. War es nicht auch Teil seiner Taktik, die Gefängniswärter auf seine Seite zu bringen?
Das ist richtig. Wenn ein Schwarzer Englisch mit dir spricht, versuchst du ihn zu ignorieren. Wenn er Afrikaans spricht, hast du mehr Respekt vor ihm. Mandela lernte unsere Sprache, um uns besser zu verstehen.

Was ihm auch später zu Hilfe kam.
Nicht zuletzt aus diesem Grund verlief der Übergangsprozess so störungsfrei. Mandela kannte die Ängste der Weissen, die Furcht, von den Schwarzen ins Meer geworfen zu werden. Er hatte sie an uns Gefängniswärtern studiert. Er verstand es, die Weissen zu beruhigen, und auf diese Weise die Versöhnung einzu­leiten.

Er hat mit Ihnen trainiert, was er später bei den Verhandlungen einsetzte?
Ja, wir haben oft über Politik geredet. Mandela machte uns klar, dass sie für ihre Rechte und ihre Freiheit kämpften. Ich fragte mich: Warum stellt uns die Regierung auf die eine und die Schwarzen auf die andere Seite? Für mich war die Apartheid Blödsinn.

Sie waren selbst kein Rassist?
Mein Vater war arm. Als armer Weisser wurde man wie ein Schwarzer behandelt. Wir durften reiche Farmer nicht durch den Haupteingang ihrer Farmhäuser aufsuchen, sondern mussten wie die Schwarzen den Hintereingang benützen. Ich wusste, wie Schwarze fühlten.

Wann kamen Sie zu der Überzeugung, dass es sich bei den Gefangenen nicht um Bestien, ­sondern um Menschen handelte?
Als ich einen Motorradunfall hatte, und die Verkehrspolizei Geld von mir einforderte. Ich erzählte Mandela, dass ich einen Anwalt aufsuchen müsse. Er sagte: «Lass mich das mal machen» und setzte einen langen handgeschriebenen Brief auf, den meine Frau abtippte. Es kam zu einem ausführlichen Briefwechsel, und am Ende musste ich keinen Cent bezahlen.

Zu Ihrer Aufgabe gehörte auch, Mandelas Briefe zu zensieren. ­Haben Sie öfters absichtlich etwas durchgehen lassen?
Nein, das ging nicht. Von allen Briefen wurden Kopien an die Sicherheitspolizei geschickt. Es wäre zu riskant gewesen, Briefe aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Ausserdem wurden alle Telefonleitungen von Robben Island abgehört. Und wenn ich das Wochenende freihatte, wurde ich gelegentlich beobachtet. Ab und zu bekamen auch meine Freunde Besuch von der Sicherheitspolizei. Sie wollten wissen, was ich meinen Freunden von der Insel erzähle.

Hatten sie jemals Probleme mit der Gefängnisverwaltung?
Nicht wirklich. Mandela und Sisulu waren sehr besorgt, dass ich für all die kleinen Gefallen, die ich ihnen tat, Probleme bekommen könnte. Wir hatten Glück.

Haben Ihre Kollegen Ihnen manchmal vorgeworfen, zu nett zu den ­Gefangenen zu sein?
Ein Gefängnisdirektor pflegte mich Kaffir-Boetjie zu nennen (deutsch: Kaffer-Bub, Schimpfwort für Weisse mit guten Beziehungen zu Schwarzen, die Red.). Noch vor einem Jahr, als wir uns zufällig über den Weg liefen, fragte er mich: «Na, Kaffir-Boetjie, wie geht es deinen Freunden?» Noch heute gibt es Leute, die wegen meiner Freundschaft mit Mandela nichts mit mir zu tun haben wollen.

Waren manche Wärter gegenüber den Häftlingen auch gewalttätig?
Nur vor meiner Zeit, in den 60er-Jahren. Da kam es vor, dass Wärter auf Gefangene urinierten, wenn diese nach etwas zu trinken fragten. Damals waren die Wärter noch riesige grobe Kerle. Später haben sie dann besser ausgebildetes Personal, das auch Englisch sprach, ausgewählt.

Was war verantwortlich für die Verbesserung der Haftbedingungen?
Vor allem das Internationale Komitee des Roten Kreuzes. Dessen Vertreter besuchten die Insel ab den 70er-Jahren regelmässig. Die Häftlinge trugen ihnen ihre Beschwerden vor. Die wurden dann an den Gefängnisdirektor, das Ministerium und das Parlament weiter­geleitet. Allmählich konnten die Gefangenen öfters Besucher empfangen, und die Besuchszeiten wurden verlängert. 1980 bekamen sie Betten, später durften sie Zeitung lesen und Radio hören und ab 1985 gab es sogar TV. Die Geräte mussten sie sich allerdings selber kaufen.

Tut Ihnen manches auch Leid von den 17 Jahren, die Sie Mandelas Wärter waren?
Ich hätte die Häftlinge gewiss noch besser behandeln können. Ich musste aber meinen Job tun. Generell finde ich es sehr schade, dass Mandela so lange im Gefängnis sass. Er war ja schon ein alter Mann, als er freikam. Er hätte früher freigelassen werden sollen, dann wäre das mit der Versöhnung auch noch ­besser gelaufen.

War Mandela in Ihren Augen ein Freiheitskämpfer?
Er war ein Freiheitskämpfer für sein Volk. Und dies nicht nur für die schwarze Bevölkerung. Er hat uns alle befreit und für das neue Südafrika vorbereitet.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt