Zum Hauptinhalt springen

Wunderkind auf dem Königsthron

Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron, erst 39-jährig, will die alte Nation von Grund auf erneuern und wird bereits mit John F. Kennedy und Tony Blair verglichen. Hat Frankreich seinen Retter gefunden?

Emmanuel Macron ist der neue starke Mann an der Staatsspitze Frankreichs.
Emmanuel Macron ist der neue starke Mann an der Staatsspitze Frankreichs.
Keystone

Emmanuel Macron kennt zweifellos die Maxime des Poeten ­René Char, den er in seinem Philosophiestudium kennen lernte: «Versuch dein Glück, pack deine Chance – während sie dir zuschauen, werden sie sich an dich gewöhnen.»

Noch sind die Franzosen allerdings ziemlich perplex. Sie kennen Macron erst seit 2014, als ihn Präsident François Hollande zu seinem Wirtschaftsminister ernannte. Erst Ende letzten Jahres erklärte der Newcomer seine Präsidentschaftskandidatur, ohne von einer Partei unterstützt zu werden. Seine gerade ein Jahr alte Bewegung «En Marche» zählt zwar über 200'000 Anhänger, doch die haben sich per blossem Mausklick eingetragen.

Das wirkt etwas virtuell und vage, ähnlich wie Macrons politischer Positionsbezug «weder links noch rechts», der so völlig mit dem Zweilagersystem der Fünften Republik bricht. Allein, die Franzosen legten im ersten Präsidentschaftswahlgang am meisten Stimmzettel – 24 Prozent - für den 39-Jährigen ein, für einen Jungspund also, der bei der Bank Rothschild als Firmenfusionierer arbeitete, aber noch nie eine auch nur lokale Wahl bestritten hatte.

Ein Besessener mit Glück

Im tausendjährigen Frankreich, das gewiefte alte Präsidentenmänner wie Charles de Gaulle, François Mitterrand oder Jacques Chirac ins Elysée entsandte, hat das fast etwas Surreales, Mystisches. Als wäre Emmanuel (hebräisch: Gott sei mit uns) wie seinerzeit Jeanne d’Arc einer Stimme gefolgt, die ihn anhielt, Frankreich zu retten. Macron hörte zweifellos eine Stimme – die seinige. Der charmante, aus dem Nichts gekommene Präsident glaubte felsenfest an sich.

Er sei sogar «besessen von sich», ätzt der Sozialist und kurzfristige Weggefährte Julien Dray. Nur so kann ein Schüler seine eigene Lehrerin, eine bestandene, um 24 Jahre ältere Familienmutter, erobern und später heiraten; nur so kann einer ein altes, konservatives Land wie Frankreich im Handstreich nehmen, auch wenn er nicht Napoleon heisst.

Gewiss hatte Macron auch Glück: Wie durch göttliche Fügung wichen alle seine sozialliberalen Gegner zur Seite – zuerst Hollande, dann Premier Manuel Valls, schliesslich Alain Juppé räumten mehr oder weniger ­unfreiwillig den Weg durch die ­politische Mitte. Der talentierte Mr. Macron vermag nicht nur «über Wasser zu gehen», wie das Pariser Blatt «L’Opinion» schrieb – er trennte auch das Meer zur politischen Rechten und Linken, um seine Anhänger sicher zwischendurch zu führen.

Ihrer 20'000 kamen ihn im April in einem Pariser Konzertsaal schauen, und er fragte sie mit Inbrunst: «Spürt ihr die Kraft dieser Versammlung?» Als er Luft holte, schrie einer dazwischen: «Je t’aime, Monsieur Macron, merde!» – ich lieb dich, verdammt noch mal! Der junge Kandidat dankte es per Handkuss, dann stimmte die riesige Halle auf unsichtbares Geheiss die Liebeshymne für die Nation an, die «Marseillaise», und die kollektive Kommunion war vollkommen. Allons enfants de la patrie, l’amour est arrivé.

«Nichts Gutes ohne Liebe»

Die Liebe ist Macrons Programm. In seinem Buch «Révolution» (2016) beschreibt er, wie er in der Provinzstadt Amiens in «Zärtlichkeit und Vertrauen» aufgewachsen sei, um danach in Paris beim Philosophen Paul Ricœur («Der Eros ist im Sein») unterzukommen. Dann besuchte Macron die Eliteschule ENA, wurde Vizesekretär im Elysée-Palast und rechtzeitig Wirtschaftsminister. «Man bringt nichts Gutes zustande ohne Liebe», schreibt Macron in seiner Profess und bekennt sich darin zu seiner «freudigen Leidenschaft für die Freiheit, Europa, die Wissenschaften, das Universelle».

Welch Kontrast zum Dark Vador der französischen Politik, der Widersacherin Marine Le Pen. Die Lichtgestalt Macron steht für die Lebensfreude und Energie der Jugend, die keine Konventionen braucht. Bei einer Snapchat-Diskussion schrieb ihm unlängst ein Student, der um Macrons ältere Gattin weiss: «Ich fahre auf meine Strafrechtsprofessorin ab, was soll ich tun?» Zuerst müsse er herausfinden, ob das Gefühl gegenseitig sei, antwortete der Präsidentschaftskandidat. «Wenn dem so ist, nur drauflos, keine Tabus. Wenn nicht, stellen Sie sich selbst infrage.»

Ja, Macron kann mit den Jungen. Er ist ja selber einer. Aber er steht auch seinen Mann. Er ist fähig, inmitten von wütenden Arbeitern und Streikposten das Wort zu führen wie vorige Woche vor einer Fabrik in Amiens. Er hat in knallharten TV-Debatten erfahrene Politveteranen wie François Fillon oder Jean-Luc Mélenchon aus dem Feld geschlagen. Macron liebt die Seinen, aber nicht wie ein Kumpel, sondern wie ein Chef.

In «Révolution» doziert er, er sei neben dem Prinzip der Gleichheit «immer auch für die vertikale Dimension eingetreten». Die Franzosen hätten den Tod von König Ludwig XVI. 1793 nicht gewollt und lebten seither in einer emotionellen und imaginären Leere. Wodurch sie auszufüllen wäre, sagt der Kandidat auch gleich: «Vom Staatspräsidenten wird erwartet, dass er diese Funktion wahrnimmt.»

Wo ist die Revolution?

Nur, warum heisst sein Bekennungsbuch eigentlich «Révolu­tion»? Das Programm des selbst ­ernannten Erneuerers ist keineswegs bahnbrechend. Eher biedere Mitte. Wagt sich Macron einmal zu sehr nach links oder nach rechts, krebst er gleich zurück. «Emmanuel spaltet nicht gern, er verabscheut das sogar», meinte ein ehemaliger Studienkollege in dem Buch «Emmanuel Macron, ein so perfekter junger Mann» der «Figaro»-Journalistin Anne Fulda. «Er liebt es, wenn ihn alle lieben.»

In der Politik überdauert die Liebe allerdings selten den Wahlsieg. Schon gar nicht, wenn man als Retter der Nation antritt, das heisst als mutiger Reformer, der den verknöcherten Zentral- und Beamtenstaat aufbrechen will. Macron hat die Nation vor dem Le-Pen-Gespenst gerettet. Ob er auch das Zeug hat, der französische Tony Blair oder Gerhard Schröder zu werden, muss sich in den nächsten 5 Jahren weisen. Ein Buchtitel macht noch keine Revolution.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch