Wo der Antisemitismus zunimmt

Die Europäische Union hat erstmals eine gross angelegte Befragung der jüdischen Bevölkerung durchgeführt. Zwei Drittel halten den Antisemitismus für ein Problem – und viele finden, dass er ansteigt.

In den dunkel eingefärbten Ländern hat eine deutliche Mehrheit der befragten Juden den Eindruck, der Antisemitismus habe in den letzten fünf Jahren zugenommen.

In den dunkel eingefärbten Ländern hat eine deutliche Mehrheit der befragten Juden den Eindruck, der Antisemitismus habe in den letzten fünf Jahren zugenommen.

(Bild: Screenshot fra.europa.eu)

Für 66 Prozent der Juden, die in der EU leben, ist Antisemitismus immer noch ein grosses oder ziemlich grosses Problem, wie eine Studie der Europäischen Union zeigt. Die Ergebnisse der Befragung wurde von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) in Wien präsentiert.

FRA-Direktor Morten Kjaerum sagte: «76 Prozent der Personen, die in den letzten fünf Jahren antisemitischen Angriffen ausgesetzt waren, gaben an, die Vorfälle nicht angezeigt zu haben.»

Weiterbildung für Polizei gefordert

Die Ergebnisse zeigten Handlungsbedarf auf, sagte Kjaerum: Man könne nicht weiter leugnen, dass es immer noch Antisemitismus in der EU gebe. Speziell für die Polizei müsse es Weiterbildungen geben. Besonders beeindruckt zeigte sich Kjaerum davon, dass 30 Prozent der Befragten ernsthaft in Betracht ziehen, aufgrund ihrer Angst vor Antisemitismus ihr Land zu verlassen.

In sieben von acht Länder gab zudem eine Mehrheit der Befragten an, sie hätten den Eindruck, der Antisemitismus habe in den letzten fünf Jahren zugenommen. Besonders hoch ist die Zustimmungsrate zu dieser Aussage in Ungarn, Frankreich und Belgien (siehe Grafik).

Die Studie wurde in acht EU-Mitgliedsstaaten durchgeführt, in denen laut Schätzungen 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in der Union leben: Belgien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Lettland, Schweden und Ungarn.

Das Besondere an der Untersuchung ist laut Kjaerum, dass diesmal wirklich die betroffene Minderheit befragt wurde, in welcher Form und wie stark sie die Angst vor antisemitischen Angriffen erlebt. 38 Prozent der Teilnehmer gaben an, das Tragen von Attributen, die sie als Juden identifizieren könnten, zu vermeiden.

Kjaerum verwies auf die deutlichen Unterschiede der Ergebnisse der einzelnen Länder, vor allem in Bezug auf die Bereitschaft, einen Vorfall anzuzeigen: «Wir sollten uns an den Ländern orientieren, die eine hohe Anzeigenrate haben.» So wird laut den Erhebungen beispielsweise in Grossbritannien und Deutschland deutlich mehr angezeigt als etwa in Ungarn.

Serge Cwajgenbaum, Generalsekretär des Jüdischen Europakongresses (EJC), sass ebenfalls am Podium und bedankte sich bei der FRA. «Die FRA hat damit gute Arbeit geleistet und hilft uns, an Glaubwürdigkeit zu gewinnen», sagte er.

Angst vor der Zukunft

Antisemitismus sei keine jüdische, sondern eine demokratische Angelegenheit, betonte Cwajgenbaum und rief die Politik zum Handeln auf. «Ich persönlich lebe nicht in Angst, doch als Bürger der Europäischen Union habe ich Angst vor den Zeiten, die kommen werden.»

Der ehemalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Ariel Muzicant, als Vizepräsident des EJC bei der Präsentation vertreten, erinnerte daran, dass vor allem das Internet anfällig für antisemitische Inhalte sei und spielte auf die Seite Alpen-Donau.info an, die 2011 vom Netz genommen wurde.

«Wir hatten in Österreich ein Problem mit einer extremen rechten, extrem brutalen Internetseite, die daher geschlossen werden musste. Die Redefreiheit endet dort, wo Hasskriminalität beginnt», betonte Muzicant.

mw/sda

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