Wird Missbrauchsskandal zum Bumerang für den Papst?

Rom-Korrespondent Dominik Straub über die Missbrauchsvorwürfe gegen den Finanzchef des Vatikans.

Der australische Kurienkardinal George Pell, Finanzchef des Vatikans und Nummer 3 im Kirchenstaat, wird von einem Missbrauchsskandal eingeholt. Er hat sein Amt vorüber­gehend niedergelegt, um sich in seiner Heimat gegen die Vorwürfe zu verteidigen.

Zunächst gilt auch für Kardinal George Pell, was für alle Angeschuldigten gilt: die Unschuldsvermutung. Dennoch wird der Fall Pell zu einer immer grösseren Belastung für Papst Franziskus. Auf dem Spiel steht nichts weniger als seine Glaubwürdigkeit bei der Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern und ­Jugendlichen durch katholische Priester. Also bei der Affäre, die der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten am meisten zugesetzt hat.

Schon die Ernennung Pells zum mächtigen vatikanischen Finanzchef hatte bei Opferverbänden Irritation ausgelöst: Die Vertuschungsvorwürfe an die Adresse des ehemaligen Erzbischofs von Sydney waren damals, im Jahr 2014, längst bekannt. Dass er persönlich Missbräuche begangen habe, hat er aber immer vehement in Abrede gestellt: Nichts sei ihm fremder als das. In Befragungen durch die australische Untersuchungskommission im Jahr 2015 und durch die australische Polizei im Jahr 2016 hatte Pell jedoch eingeräumt, dass die australische Kirche Kindesmissbrauch jahrelang heruntergespielt und «schreckliche Fehler» begangen habe. Auch er selber habe damals «die starke Tendenz gehabt, eher einem Priester zu glauben, der die Taten bestritt, als dem Opfer, das ihn beschuldigte». Pell versicherte indessen, er selber habe nie von irgendwelchen konkreten Taten gehört und diese vertuscht. Für Kardinal Pell sind die aktuellen Anschuldigungen deswegen nichts anderes als eine «Rufmordkampagne».

Kein Papst vor Franziskus hat den Missbrauch wortgewaltiger verurteilt. Der Argentinier hat eine vatikanische Sonderkommission eingesetzt und ein eigenes Tribunal versprochen, vor dem die fehlbaren Priester zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Doch die Situation hat sich seit dem Pontifikat von Benedikt XVI. nicht wirklich verbessert: Die Sonderkommission hat in den ersten vier Jahren ihres Bestehens nur dreimal getagt; zwei Mitglieder sind aus Protest gegen die Untätigkeit zurückgetreten beziehungs­weise haben eine Auszeit genommen.

Der kräftig gebaute und einen rustikalen Umgangston pflegende Pell wird im Vatikan von allen nur «der Ranger» genannt – dass der Papst umgehend verlauten liess, er glaube seinem australischen «Ranger» dessen Unschuldsbeteuerungen, scheint vor diesem Hintergrund zumindest unvorsichtig. Sollte Franziskus’ Vertrauter und Topmitarbeiter schuldig gesprochen werden, bekämen die Vorwürfe, der Papst lasse es bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei Lippenbekenntnissen bewenden, neue Nahrung. Es droht ein Bumerang – dieser ist bekanntlich eine australische Erfindung.

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