Wir haben Sorgen, Kosovo hat Probleme

Was treibt die Menschen in Kosovo und in der Schweiz um? Ein Sorgenbarometer.

Präsident Hashim Thaçi beschwichtigte kürzlich, bei Faustschlägen seines Bruders habe es sich um ein «sporadisches Handgemenge» gehandelt: Thaçi an einer Konferenz in Genf. (Archivbild)

Präsident Hashim Thaçi beschwichtigte kürzlich, bei Faustschlägen seines Bruders habe es sich um ein «sporadisches Handgemenge» gehandelt: Thaçi an einer Konferenz in Genf. (Archivbild)

(Bild: Keystone Cyril Zingaro)

Enver Robelli@enver_robelli

Die Schweiz ist ein Paradies. Davon sind hochrangige Politiker in Bern überzeugt. Unser Land sei ein «petit paradis», erklärte neuerdings ein Bundesrat, als er mit sonorer Stimme seinen Rücktritt bekannt gab. Wie immer erschüttern solche Erkenntnisse niemanden in der Medienszene, und wenn jemand auf die Idee käme, die Worte des Magistraten in einem langen Essay zu würdigen, dann müsste er eine gehörige Menge an Spott ertragen.

Die Schweiz hat andere Sorgen. Die EU würde zum Beispiel die Eidgenossenschaft gerne aufnehmen, am liebsten vor Kosovo, aber die Schweizer sind darauf nicht erpicht. Im bequemen Reduit lässt sich wunderbar streiten über Kuhhörner, Hornknospen und – ganz wichtig! – über den «historischen Parkplatzkompromiss» in Zürich.

Wenn die inländischen Themen ausgehen, bedient man sich unverschämt im nahen Ausland: In den Zeitungen wird regelmässig über üble Prellungen und Hautabschürfungen berichtet, die Forscher auf dem Körper des jungsteinzeitlichen Jägers Ötzi entdeckt haben.

In einem funktionierenden Staat muss man lernen, die Langeweile des politischen Betriebs zu lieben. Daraus entsteht oft Grossartiges. Zwar leben laut dem Weltglücksreport der Vereinten Nationen die glücklichsten Menschen der Welt in Finnland. Die Schweiz aber belegt den fünften Platz. Klingt doch auch nicht schlecht! Für den «World Happiness Report», eine Art Glücks- und Sorgenbarometer, wurden in 156 Ländern Faktoren wie Wohlstand, Lebenserwartung, Korruption und Freiheit untersucht. Kosovo steht auf Platz 66, umzingelt von Glückshochburgen wie Libyen, Turkmenistan oder Moldawien.

Ein «sporadisches Handgemenge»

Im Vergleich mit der Schweiz ist Kosovo ein Tollhaus – vor allem für Journalisten. Sie kommen kaum nach, über Skandale, Korruptionsaffären, Machtmissbräuche und andere Gemeinheiten der Politiker und ihrer Familienangehörigen zu berichten. Gerade hat der Bruder des Präsidenten zwei Geschäftspartner mit Fäusten traktiert. Hashim Thaçi, so heisst der Staatschef, beschwichtigte umgehend: Es handle sich um ein «sporadisches Handgemenge». Kurz davor hatten Polizisten in einem Auto Waffen und Drogen gefunden, die dem Sohn des Geheimdienstchefs gehören sollen. Die Justiz tut nun alles, um den mutmasslichen Delinquenten zu schonen. Anders in der Schweiz, wo der Sohn eines Bundesrats mit seinem Auto in eine Hausmauer prallte und die Öffentlichkeit vom Prozess ausschliessen wollte. Vergeblich.

Das Sündenregister der kosovarischen Politik lässt sich beliebig verlängern: Der Aussenminister, ein umstrittener Geschäftsmann mit Zweitwohnsitz im Tessin, soll mehrere Konsularbeamte gesetzeswidrig ernannt haben. Ein Staatsanwalt, der die Renten der Schein-Kriegsveteranen unter die Lupe nehmen wollte, wurde derart massiv beschimpft und bedroht, dass er in die USA flüchtete. Die Betrüger jubeln. Ministerpräsident Ramush Haradinaj, ein muskelbepackter und bauernschlauer Kriegsheld, verfluchte den Ankläger als Dieb und Feigling.

Während des bewaffneten Widerstandes gegen die serbische Staatsmacht hatte Kosovo kaum mehr als 12'000 Rebellen. Nun will fast jeder in der kleinen Balkan-Republik ein grosser Kalaschnikow-Held sein, etwa 40'000 haben es geschafft: Sie beziehen Renten für ihre angeblichen «Verdienste für Freiheit und Vaterland». Darunter sind auch Personen, die gemäss kosovarischen Medienberichten Ende der 90er-Jahre noch in den Windeln lagen.

Ein Netzwerk von Gefälligkeiten

Hinter der wundersamen Vermehrung der «Lügen-Kämpfer» verbirgt sich ein System: Wer mit einer Rente aus der Staatskasse alimentiert wird, wählt jene Parteien, die so etwas möglich machen – also die Parteien von Staatschef Thaçi oder Premier Haradinaj, die Ende der 90er-Jahre dem helvetischen «petit paradis» den Rücken kehrten und in den Krieg zogen.

In diesem korrupten Klientelsystem haben sich viele Kosovaren selber wohnlich eingerichtet. Doch das Netzwerk von Patronage und Gefälligkeiten, Filz, Vetternwirtschaft und Bestechung muss von den Politikern laufend ausgebaut werden, um die Macht zu sichern. So überraschen kosovarische Politiker immer wieder mit scharfsichtigen Einfällen. Die jetzige Regierung in Pristina zählt beispielsweise 80 stellvertretende Minister. Vielleicht sind es ein paar mehr, nicht einmal der Regierungschef ist in der Lage, die Anzahl der Kabinettsmitglieder zu nennen.

Was machen sie eigentlich den ganzen Tag? Einen kleinen Einblick in ihren Arbeitsalltag konnte man am Dienstag gewinnen, als eine Vizeaussenministerin der breiten Öffentlichkeit erklärte, der Karibikstaat Antigua und Barbuda habe die Visumspflicht für kosovarische Bürger aufgehoben – allerdings nur für jene mit einem Diplomatenpass.

Politik ist in Kosovo oft unendlicher Spass auf Kosten der Bürger, die einen hohen Preis bezahlen. Kein Volk in Europa ist mehr isoliert als die Kosovaren. Die EU hat bisher den Visumszwang für Kosovaren nicht abgeschafft, weil die Machthaber die Bedingungen dafür lange nicht erfüllt haben. Kürzlich hiess es in Brüssel, bald komme die Reisefreiheit für Kosovos Bürger. Dann landete ein stellvertretender Minister im Gefängnis – er soll Schmiergeld angenommen haben. Fünf Minister stehen unter Anklage, aber sie sind einflussreich, sie dürfen bleiben und sie dürfen regieren. Im unvergleichlichen «petit paradis» Kosovo.

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