«Wir alle sind ‹dreckige Franzosen›»

Die Abscheu über die Barbarei der Jihadisten und die Angst vor dem Terrorismus sorgen in Frankreich für ein nationales Zusammenrücken.

Gemeinsam auf der Strasse: In Frankreich protestieren Muslime zusammen mit Christen gegen die Gewalt von Islamisten.

Gemeinsam auf der Strasse: In Frankreich protestieren Muslime zusammen mit Christen gegen die Gewalt von Islamisten.

(Bild: Keystone AP)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Die Angst schweisst zusammen. Seit der Enthauptung des Bergführers Hervé Gourdel durch die algerische Terrorgruppe «Soldaten des Kalifats» wächst in Frankreich das Bedürfnis zum nationalen Zusammenrücken in Politik und Gesellschaft. Jeden Tag gibt es nun Kundgebungen, überall im Land, an denen der ermordeten Geisel gedacht wird. Gourdel ist zum Symbol des Unsäglichen geworden, seine Hinrichtung zum Mahnmal der Barbarei. «Er wurde getötet, weil er Franzose ist», sagt Präsident François Hollande, «weil sein Land gegen den Terrorismus kämpft, weil er ein Vertreter eines freien Volkes war, unseres Volkes, das die menschliche Würde gegen die Barbarei verteidigt.» In dieser Formel finden sich alle wieder. Sie soll die Moral der Franzosen festigen. In Umfragen sagen 80 Prozent, sie fürchteten sich vor Anschlägen auf heimischem Boden.

Am stärksten treibt es Frankreichs Muslime auf die Strasse. Bei vielen von ihnen mischt sich in die Abscheu vor dem Terror die Angst vor der Stigmatisierung. Die Islamfeindlichkeit war schon vor den jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten stetig gewachsen – angeheizt von Frankreichs extremer Rechten und genährt von den Provokationen antilaizistischer Salafisten. Nun aber, da bekannt geworden ist, dass aus keinem westlichen Land mehr Jihadisten in den Irak und nach Syrien aufbrechen als aus Frankreich, könnten sich diese Spannungen noch verschärfen.

Überdeutliche Worte gegen die Gewalt

In den Zeitungen melden sich bekannte Franzosen muslimischen Glaubens, die sich gedrängt fühlen, mit überdeutlichen Worten die Gewalt der Terroristen zu verurteilen. Im «Figaro» überschreibt eine Gruppe von Anwälten, Journalisten, Rektoren von Moscheen und Wissenschaftlern ihren Gastbeitrag so: «Wir alle sind ‹dreckige Franzosen›.» Der Satz ist als Replik auf den kürzlich ergangenen Gewaltaufruf des Islamischen Staats gegen Westler gedacht, in dem die Franzosen als «besonders boshaft und dreckig» beschrieben wurden. Der Slogan «Nous sommes tous des ­‹sales Français›» prangte auch auf der Frontseite der linken «Libération».

«Le Parisien» veröffentlichte gleich sechs Seiten mit bewegenden und trotzigen Zeugnissen von französischen Muslimen aus allen Schichten. Die frühere Städteministerin Fadela Amara zum Beispiel sagte es so: «Ich fühle mich von diesen Terroristen verhöhnt, erniedrigt in meiner muslimischen Identität.» Darum gehe sie auf die Strasse: «Wir dürfen nicht schweigen. Alle Franzosen sollen wissen, dass das mit dem Islam nicht zu tun hat.»

Die perfekten Verdächtigen

Es gibt aber auch Misstöne. So weigerte sich zum Beispiel die Vereinigung gegen die Islamophobie, den Aufrufen des islamischen Dachverbands zu folgen. Alle Franzosen müssten demonstrieren, unbesehen der Religion. Andernfalls würde den Muslimen unterschwellig doch nur wieder die Rolle der «perfekten Verdächtigen» zugeschoben. Die Regierung ist darum bemüht, ebendiese Gefahr zu entschärfen. Bei einer Rede im Parlament sprach Premier Manuel Valls von der «absoluten Notwendigkeit», zwischen Islamismus und Islam zu unterscheiden: «Der Islam ist die zweitgrösste Religion Frankreichs, sagte er, «und sie ist ein Trumpf unseres Landes.»

Valls hatte die Abgeordneten zu einer Debatte über die seit anderthalb Wochen laufenden Luftschläge Frankreichs im Irak geladen. Eine Abstimmung gab es nicht. Anders als in den meisten Demokratien braucht in Frankreich der Präsident kein Plazet, um in den Krieg zu ziehen. Erst nach vier Monaten muss er sich eine Weiterführung der Operation vom Parlament genehmigen lassen.

Hollande hatte seinen Premier nur in die Nationalversammlung geschickt, um an der «nationalen Einheit» gegen den Terrorismus zu bauen. Das gelang ganz leicht. Wie zuvor schon bei den Einsätzen in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik scharten sich die französische Parteien fast ausnahmslos und einstimmig hinter dem sonst so unpopulären Präsidenten. Fragen gab es nur zu den Kosten der Operation, nicht zu den Modalitäten. Die Union nationale ist zum republikanischen Reflex geworden.

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