Wie die Linke die Arbeiter vergessen hat

Ungeschminkt schildert der französische Soziologe Didier Eribon im epochalen Buch «Rückkehr nach Reims», wie seine einst linke Arbeiterfamilie nun den rechtspopulistischen Front National wählt. Schuld daran sei auch die Linke, sagt Eribon.

Rechtes Nationalgefühl statt linkes Klassengefühl: Französische Arbeiter, die den Front National wählen.

Rechtes Nationalgefühl statt linkes Klassengefühl: Französische Arbeiter, die den Front National wählen.

(Bild: Keystone)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Es ist eine zentrale politische Frage des Jahres: Wie kam es dazu, dass die Arbeiterschaft sich von den Linksparteien abgewandt hat und nun in den USA Donald Trump oder in Frankreich den Front National wählt? Die Linke weist den Vorwurf bislang zurück, auch sie selber trage eine Verantwortung, weil sie die Arbeiter fallen gelassen habe.

Das Buch der Stunde

Aber jetzt diskutieren Linke in Westeuropa über ein Buch, das genau das beschreibt: wie die Linke die Arbeiterschaft sitzen gelassen hat. Das Buch trägt den unspektakulären Titel «Rückkehr nach Reims». Geschrieben hat es der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon (63). Hätte ein Absender aus dem bürgerlichen Lager die Kritik formuliert, würde die Linke wohl weggehören. Eribon aber ist ein Linker. Weil er das harte Arbeitermilieu und den Seitenwechsel französischer Arbeiter zum Front National am Fall seiner eigenen Familie schonungslos in der Ich-Form beschreibt, ist er besonders glaubwürdig.

«Rückkehr nach Reims» ist zwar schon 2009 erschienen, gilt nun aber als «Buch der Stunde». Nicht nur, weil es erst jetzt auf Deutsch übersetzt worden ist, sondern weil es auf einmal hochaktuell ist. In den USA haben unter anderem Industriearbeiter Donald Trump zum Wahlsieg verholfen. Bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich von morgen Sonntag sowie bei Frankreichs anstehenden Präsidentenwahlen steht ein Ansturm der Rechtspopulisten bevor.

Auch die Schweizer SP will ­Eribon konsultieren. SP-Nationalrat Cédric Wermuth, Aargauer Turbo am linken Flügel, lud ihn im November zur Diskussion in die Schweiz. Weil Eribon krank geworden war, fiel der Anlass aus. Er soll nachgeholt werden.

Grobes Arbeitermilieu

Das Buch beginnt mit Eribons Rückkehr in seine Geburtsstadt Reims. Jahrzehntelang hat der in Paris lebende Soziologe seine Familie gemieden. Nach dem Tod des Vaters besucht er seine Mutter in der nordöstlich von Paris gelegenen, früheren Industriestadt, blättert mit ihr Fotoalben durch, führt lange Gespräche.

Eribon realisiert, dass er sich als Homosexueller zwar mit seiner sexuellen Aussenseiterrolle beschäftigt hat, aber nie richtig mit seiner «sozialen Scham», ein Arbeiterkind zu sein. Die «Rückkehr nach Reims» ist auch eine Rückkehr in sein Herkunftsmilieu, dem er als Student wie ein «Klassenflüchtling» entkommen wollte. Seine Herkunft, erkennt Eribon, wird man nie ganz los.

Drastisch lässt er die grobe Welt seiner Jugend aufleben. Der Vater arbeitet ein Leben lang in der Fabrik. Die begabte Mutter wird Putzfrau. Die Ehe ist von Anfang ein Unglück. In einem möblierten Zimmer, dann in einer ­engen Sozialwohnung eskalieren die Streite der Eltern. Als Schockerlebnis seiner Kindheit beschreibt Eribon, wie ihn die vom Vater geworfene Schnapsflasche nur knapp verfehlt.

Die Arbeiter im Viertel seiner Eltern wählen zwar stolz die Kommunistische Partei. Obwohl diese sich international versteht und für Gleichberechtigung einsteht, erinnert sich Eribon aber an das krude Mackertum der Arbeiter, an den «Alltagsrassismus» gegenüber nordafrikanischen Einwanderern.

Soziologe Didier Eribon, linker ­Kritiker der Linken. Bild: zvg

Harte Selektion durch Bildung

«Die schulische Selektion schlug früh und in voller Härte zu», schreibt Eribon. Nach der Grundschule wechselt man im Arbeitermilieu der 1960er-Jahre nahtlos in die Arbeitswelt. Ein Bruder Eribons tritt mit 15 Jahren die Metzgerlehre an, die in der Nachbarschaft gerade ausgeschrieben ist. Heute lebt er, vom harten Job geschädigt, von Sozialhilfe. Eri-bon spricht vom «verkappten Bürgerkrieg», der in Frankreich auch heute noch durch ungleiche Bildungschancen gegen die Unterschicht im Gang sei.

Als einziger Sohn der Familie besucht Eribon das Gymnasium. Es ist der Beginn seines Klassenwechsels. Im bürgerlichen Milieu, das er nun betritt, lässt man ihn seine Minderwertigkeit spüren. Eribon trainiert sich seine laute Art und den provinziellen Dialekt ab, bald verleugnet er seine Herkunft. Mit seinen Eltern lässt er sich lieber nicht blicken.

Eribon entdeckt Kultur und Literatur – eine Welt, die seiner ­Familie fremd war. Er realisiert: Den Bildungsbürgern kommen ihre Privilegien und ihre Elitenzugehörigkeit so normal und selbstverständlich vor wie den Heterosexuellen ihre Sexualität. Als Schwuler und Arbeiterkind aber muss sich Eribon seinen Platz erst erkämpfen.

Abkehr von der Arbeiterklasse

Erst durch die Gespräche mit seiner Mutter erkennt er, dass die marxistischen Linksintellektuellen, deren Bücher er als Student verehrt hat, ein falsches Bild der Arbeiter entwerfen. Es ist ein ­glorifiziertes Bild einer selbstbewussten Klasse, die aus einer globalen Perspektive für die Revolution kämpft, für die Überwindung der Ungleichheit zwischen Arm und Reich, zwischen Erster und Dritter Welt. Aus Erfahrung weiss Eribon, dass in seiner Herkunftswelt das eigene Land und das eigene Wohnquartier wichtiger sind als die globale Gerechtigkeit.

Für seine Eltern sei die Revolution nicht ein Ziel gewesen, sondern «ein Mythos, eine verbale Notwehr gegen böswillige Kräfte wie die Reichen, die Rechtsextremen, die Mächtigen, die Kapitalisten», schreibt Eribon. Die Welt ist für sie aufgeteilt in zwei Lager: wir kleinen Leute und die anderen. Eribons Schluss: Die linken Vordenker entwerfen eine geschönte Fiktion der Arbeiterwelt, mit der sie das Selbstverständnis der Underdogs missachten.

Als François Mitterrand von 1981 bis 1995 erster sozialistischer Präsident Frankreichs ist, beobachtet Eribon sogar in der Linken eine neoliberale Wende. Die Sozialisten hätten nicht mehr von Ausbeutung und Klassenkampf gesprochen, dafür aber von Eigenverantwortung. Der Unterschicht wird nun vorgehalten, sie sei selber schuld an ihrer Lage. Nicht nur Englands konservative Premierministerin Margaret Thatcher, sondern auch linke Politiker bauen den Sozialstaat ab. Für Eribon ist das ein historischer Verrat der Linken an ihrer Stammwählerschaft und der Beginn der linken Lebenslüge, dass es keine Klassenunterschiede mehr gebe. «Die Linke sprach nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern der Regierenden», bilanziert Eribon.

Überlaufen zum Feind

Erst nach mehrmaliger Nachfrage gesteht Eribons Mutter, dass sie, die frühere Kommunistenwählerin, den rechtspopulistischen Front National (FN) gewählt hat. «Nur einmal, als Warnschuss», erklärt sie dem Sohn. Es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Die Mutter und die Brüder wählen nun alle den FN. Mit ihnen ganze Vorstädte und Landstädte, in denen Frankreichs weisser unterer Mittelstand lebt.

Eribon spricht von einer «Neuverteilung der politischen Karten»: «Die Unterprivilegierten wandten sich jener Partei zu, die sich als einzige um sie zu kümmern schien und ihnen zumindest einen Dialog anbot, der ihrer Lebensrealität einen Sinn zu ver­leihen suchte.» Warum genau laufen sie auf ihrer Suche nach gesellschaftlicher Bestätigung plötzlich zum früheren ideologischen Feind von Rechtsaussen über? Weil ihnen der Front National ein Angebot mache, ihre kollektive Identität und Würde zu verteidigen, sagt Eribon.

Viele Industriejobs sind seit den 1960er-Jahren wegrationalisiert worden, der klassische Arbeiter verschwindet. Der untere Mittelstand wird zum heterogenen Sammelsurium kleiner Angestellten, Hilfsarbeiter, Handwerker. Sie bauen ein neues Wir-Gefühl auf, indem sie sich nicht mehr vom Bürgertum und von den Reichen abgrenzen, sondern als Franzosen von den Ausländern. Sie stellen ihren Klassenstolz unter neuen Vorzeichen wieder her, sagt Eribon, unter nationalen und ethnischen.

Neu ist das nicht. Schon in den 1960er-Jahren hat Eribon von seinen Eltern und Brüdern gehört: «Die Einwanderer kriegen unsere Sozialhilfe und unser Kindergeld, die verdrängen uns aus unseren Wohnungen und übernehmen unser Land.» Eribon teilt diese Ansichten nicht. Aber er verurteilt sie auch nicht politisch korrekt als Aussage von Rassisten, die man von guten linken Arbeitern unterscheiden muss. Er weiss vielmehr, dass es diesen «Alltagsrassismus» – als Reaktion auf das enge eigene Milieu und die Einwanderung in Frankreichs Vorstädte – bei einer Mehrzahl der Arbeiter gibt. Und dass sich diese Mehrheit von der Linken abgewandt hat.

Was tun?

Was soll die Linke nun tun? Wieder den Klassenkampf ausrufen, wie das Christian Levrat, Präsident der SP Schweiz, getan hat, als er nach der Trump-Wahl in einem Interview trotzig befand: «Die Antwort auf die Fremdenfeindlichkeit ist der Klassenkampf»? Falsch, sagt Didier Eri-bon. Die Linke müsse wieder anerkennen, dass es Klassen und Klassengegensätze gebe. Mit der «mythischen Beschwörungsformel des Klassenkampfes», die nie der Realität der Arbeiter entsprochen habe, hole sie aber keine verlorene Stimme zurück.

Didier Eribon hat kein Rezept, das die Linke zu alten Erfolgen zurückführen würde. Vielmehr macht er sichtbar, dass die Linke in einem Dilemma steckt. Sie vertritt heute erfolgreich den urbanen Mittelstand und kann vor ­allem dort punkten. Die sozialstaatlichen Errungenschaften, die die Arbeiter der Linken verdanken, sind selbstverständlich geworden. Die Linke hat dem unteren Mittelstand mit seinen Verlustängsten wenig zu sagen.

Am Samstag und Sonntag diskutiert der SP-Parteitag in Thun ein wirtschaftspolitisches Positionspapier, das im Vorfeld zu reden gab. Medien meinen, darin einen Versuch der SP zu sehen, dem Kapitalismus mit Klassenkampfrhetorik zu Leibe zu rücken. Im theoretischen Papier kommt der Begriff Klassenkampf aber gar nicht vor. Auch konkrete Sorgen heutiger Arbeitnehmer fehlen: die hohen Krankenkassenprämien oder die Langzeitarbeitslosigkeit der Altersgruppe 50 plus.

Die SP belegt mit dem Papier, was Didier Eribon der Linken vorhält: dass sie an den Alltagssorgen der weniger Privilegierten vorbeipolitisiert.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Edition Suhrkamp, Fr. 23.–.

Berner Zeitung

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