Was der gigantische Flughafen-Umzug über die Türkei erzählt

Der neue Flughafen von Istanbul ist in Betrieb. Erdogans Prestigeprojekt soll bis 2028 der grösste Flughafen der Welt werden.

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Christiane Schlötzer@schloetzer

Die letzte Maschine war weg, Flugnummer TK-54 nach Singapur, mit 319 Passagieren an Bord. Alle hatten Handyfotos gemacht, einige hatten geweint, als sie die Ansage hörten: «Verehrte Passagiere, der Atatürk-Flughafen, der 100 Jahre der türkischen Luftfahrt diente, wird heute Nacht für Linienflüge geschlossen.» Dann wurden die Anzeigetafeln dunkel, das Licht an den Gates ging aus, und alle, die noch ausharrten, das Bodenpersonal und die Sicherheitsleute, tanzten.

Draussen auf der Flughafenstrasse krachten schon davor acht Autos aufeinander, weil einer die letzte Maschine fotografieren wollte und dabei zu langsam fuhr. Es gab nur einen Sachschaden. Es war der einzige Unfall, der im Zusammenhang mit dem gigantischen Istanbuler Flughafenumzug bis zum Sonntag gemeldet wurde.

Die grösste Transportoperation der Luftfahrtgeschichte

Die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines (THY) gab bekannt, sie habe den «Big Bang» genannten Transfer zwölf Stunden schneller erledigt als geplant. Vorgesehen waren 45 Stunden, für 47'300 Tonnen Fracht, das Volumen von etwa 5000 Lastwagenladungen. Sie wurden vom alten Flughafen am Marmarameer zum neuen Riesenairport am Schwarzen Meer gebracht. Dabei wurden, alles zusammengerechnet, 400'000 Kilometer zurückgelegt, also zehn Erdumrundungen, «in der grössten Transportoperation der Luftfahrtgeschichte», so rechnete die THY vor.

Wie ein Flughafen umzieht, machte 1992 München vor, als Riem aufgelöst wurde. Seitdem gilt München weitweit als Vorbild für eine solche Operation. Im Erdinger Moos hatte man vorher monatelang mit Soldaten und alten Koffern simuliert. In Istanbul wurde dagegen schon ab 29. Oktober – der offiziellen Eröffnung zum Republikfeiertag – täglich mit einigen Inlands- und wenigen Auslandsflügen der neue Megaairport im Betrieb getestet. Und der Komplettumzug wurde ohne weitere Erklärung drei Mal verschoben.

Der Atatürk-Flughafen hiess früher «Yesilköy», wörtlich «Grünes Dorf», nach dem gleichnamigen Stadtteil auf der europäischen Seite Istanbuls. Dort entstand schon 1912 ein Flughafen, zuerst für militärische Zwecke. Nach dem Militärputsch 1980 wurde er nach dem Republikgründer benannt. Mehrfach wurde der Airport ausgebaut, zuletzt war der Platz auf dem Boden so knapp, dass auch der Luftraum ständig überfüllt war.

Grund dafür war das sprunghafte Wachstum von THY, die 1933 mit fünf Flugzeugen startete und heute mit 333 Passagier- und Frachtmaschinen 257 internationale Ziele in 124 Ländern bedient, und dazu 49 Routen in der Türkei. «Atatürk» lag einst weit vor der Stadt, die wuchs dann bis ans Flugfeld heran, und beim Anflug sah man die Hausdächer unter den Flügeln.

Zuerst sollte weiter im Süden gebaut werden, dann entschied sich die Regierung für ein ehemaliges Zechengelände im Norden. Gegen diesen Ort gab es viele Einwände von Naturschützern, die das Abholzen von 657'000 Bäumen beklagten. Auch manche Experten für Flugsicherheit äusserten Bedenken, wegen häufig starker Winde vom Schwarzen Meer, und weil die Region Zugvogelgebiet ist. Vor den Gerichten setzte sich die Regierung durch.

Nach 25 Jahren fällt der Airport an den Staat

Fünf grosse Baufirmen, die als regierungsnah gelten, bekamen den Zuschlag. Sie haben bislang offiziell 10,5 Milliarden Euro investiert, knapp sieben Milliarden waren geplant. Die Firmen bilden auch die Flughafengesellschaft IGA. Nach 25 Jahren fällt der Airport an den Staat. Bis dahin zahlt die IGA Miete, hat aber für zwölf Jahre eine Staatsgarantie für eine profitable Auslastung.

Dasselbe Modell gilt auch für andere türkische Grossprojekte, hat sich aber bereits bei der dritten Istanbuler Brücke und dem Autotunnel unter dem Marmarameer als teuer für den Staat erwiesen. Von der Opposition wird es deshalb kritisiert. Beim neuen Flughafen sehen die Betreiber kein Risiko, dass der Staat draufzahlt. 90 Millionen Passagiere soll der zunächst pro Jahr abfertigen können. Nach dem für 2028 geplanten Vollausbau mit dann sechs Startbahnen sollen es 200 Millionen sein. Damit wäre das Prestigeprojekt von Präsident Recep Tayyip Erdogan nach heutigem Stand der grösste Flughafen der Welt.

Von der Innenstadt kann die Fahrt eineinhalb Stunden dauern

Den Luftdrehkreuzen Dubai, London oder Frankfurt soll Istanbul schon vorher Konkurrenz machen. «Ein Monument des Sieges» nannte Erdogan den Airport bei der Grundsteinlegung im Juni 2014. Der hat mit 7650 Hektar achtmal so viel Fläche wie der alte. Gebaut wurde in Rekordtempo. Hoch war auch die Unfallbilanz. 30 Todesfälle gab die Betreibergesellschaft zu, wies aber Berichte über Sicherheitsmängel am Bau zurück. Die Gewerkschaft zählte mehr Tote, sie beklagte auch hohen Zeitdruck und oft verspätete Bezahlung.

Video: Erdogans gigantisches Prestigeprojekt

Erst 2020 soll die U-Bahn zum neuen Airport fertig sein, Busse übernehmen bis dahin die Anbindung. Von der Innenstadt kann die Fahrt eineinhalb Stunden dauern, Reisende müssen also mehr Zeit als bisher mitbringen. Auch im Flughafen sind die Wege weit, bis zu zwei Kilometer vom Check-in zum entferntesten Gate. Die IGA verspricht, dass dafür alle Kontrollen schneller ablaufen werden als in «Atatürk», wo es oft Megaschlangen gab.

Der Name des neuen Airports ist nur «Istanbul», Vorschläge aus der AKP, ihn nach Erdogan zu benennen, wurden nicht erhört. Das IATA-Kürzel heisst IST, dasselbe trug der Atatürk Airport, der nun ISL heisst und noch eine Weile für Frachtflugzeuge und ein paar VIP-Maschinen geöffnet bleibt. Dann soll dort ein Park entstehen: Yesilköy wird wieder grün.

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