Warum die neue Krim-Brücke für Putin so wichtig ist

Russland bezeichnet das Megaprojekt als «Symbol der Einheit» – zentral sind aber politische, wirtschaftliche und militärische Gründe.

Inszenierung mit hohem symbolischem Wert: Der russische Präsident Wladimir Putin eröffnet die neue Brücke auf die Krim. (Video: Tamedia)

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Zu den vielen Rollen, die Wladimir Putin in der Vergangenheit ausgefüllt hat, ist eine weitere hinzugekommen. Nach seinen Gastspielen als Angler, Jäger, Vogelschützer und Taucher ist der russische Präsident nun auch noch Lastwagenfahrer. Am Steuer eines orangefar­benen Kamaz-Lastwagens fuhr Putin am Dienstag als Erster über die frisch fertiggestellte Brücke vom russischen Festland auf die Krim. Das Staatsfernsehen übertrug die Fahrt live und kommentierte sie wie ein Autorennen.

Seine neuste Rolle: Putin gab bei der Eröffnung den Lastwagenfahrer. (Bild: Keystone)

Wie hoch der symbolische Wert ist, der dieser Reise beigemessen wird, zeigte schon ein Wort, das Putin vor Abfahrt in die Mikrofone der staatlichen Sender rief: «Pojechali!» Übersetzt heisst das so viel wie «los gehts» oder «Abfahrt», aber jeder Mensch, der im sowjetisch geprägten Kulturraum gross geworden ist, erinnert sich natürlich, dass der Kosmonaut Juri Gagarin am 12. April 1961 mit diesen Worten zu seinem ersten Weltraumflug gestartet ist – als erster Mensch der Welt überhaupt.

«Die Brücke ist ein Symbol unserer Einheit und Freiheit», sagte Putin, der nach Angaben seines Sprechers seit mehreren Jahren einen LKW-Führerschein besitzt. Die Fertigstellung des Baus stehe in einer Reihe mit den grössten russischen Erfolgsgeschichten. Mit 19 Kilometern hat die neue Verbindung die Vasco-da-Gama-Brücke in Lissabon als längste Brücke Europas abgelöst.

Frühzeitig fertig trotz Sanktionen

Für Putin ist die Eröffnung in vielerlei Hinsicht ein Propagandacoup. Seit der umstrittenen Annexion der Krim durch Russland hatte der Bau der Brücke auf die Halbinsel für ihn oberste Priorität. Noch am 18. März 2014, dem Tag, als er im Kreml seine Anschlussrede hielt und den Vertrag mit der Krim-Regierung unterschrieb, veröffentlichte Moskau auf persönliche Initiative des Präsidenten eine Ausschreibung für den Bau einer Brücke zum russischen Festland – trotz der Sanktionen, welche die EU und die USA wegen der Annexion verhängten.

Zunächst waren Investoren und Bauunternehmen vor einer Beteiligung zurückgeschreckt. Für Geschäfte auf der Krim, insbesondere aber für ein Engagement in den Bereichen Energie und Infrastruktur drohen Unternehmern strenge Sanktionen, weshalb bis heute nicht einmal Russlands grösste Bank, die staatliche Sberbank, Filialen auf der Krim betreibt.

Schliesslich bekam die Firma Stroygazmontazh den Zuschlag für die Brücke. Sie gehört Arkadi Rotenberg, einem Freund Putins seit den gemeinsamen Tagen im Judoclub in Sankt Petersburg. Der Auftrag wurde ohne Ausschreibung vergeben, angeblich, weil es keine anderen Interessenten gab. Rotenberg selbst und seine Firma Stroygazmontazh stehen bereits seit 2014 auf der Sanktionsliste der USA. Rotenberg erklärte derweil, er betrachte den Bau der Brücke als seinen «Beitrag zur Entwicklung unseres Landes».

Mit der Fertigstellung ein halbes Jahr vor dem geplanten Termin demonstriert Moskau jetzt, dass es auch unter internationalem Druck in der Lage ist, Grossprojekte zu verwirklichen. Alle Blockaden des Westens hätten den Bau nicht aufhalten können, sagte Putin bei der Einweihung vor Ingenieuren und Bauarbeitern. Schon in verschiedenen Epochen, sogar unter dem Zar, hätten die Menschen von dieser Brücke geträumt. «Dank Ihrer Arbeit ist das Wunder nun vollbracht.»

Megaprojekt: Die neu erstellte Verbindung ist die längste Brücke Europas. (Bild: Reuters)

Pläne für eine Brücke auf die Krim gab es seit 100 Jahren. Einmal stand sogar schon eine, wenn auch nur für kurze Zeit. 1943 hatte sie Hitler-Architekt Albert Speer entworfen, um der Wehrmacht den Weg von der besetzten Krim nach Südrussland zu eröffnen. Sie wurde zerstört, bevor der erste Zug darüberfahren konnte. Als der Wind im Februar 1945 schwere Eisschollen gegen die Pfeiler drückte, knickten sie ein.

Seither galten die Meerenge und ihr Untergrund als schwer bebaubar. Auch heuer war das Megaprojekt nicht nur wegen der Sanktionen ein riskantes Unterfangen. Starke Strömung und ein unruhiger Untergrund stellen die Ingenieure vor grosse Herausforderungen. Für Moskau ist die Brücke deshalb eine Unterbeweisstellung russischer Baumeisterkunst.

Eine Landverbindung hat die Krim nur mit der Ukraine, von Russland aus war sie nur mit der Fähre oder dem Flugzeug zu erreichen. In der Hochsaison mussten die Urlauber deshalb manchmal Stunden warten, bei starkem Wind und Seegang muss der Fährverkehr eingestellt werden. Die Ukraine hatte nach der Besetzung der Halbinsel durch Russland alle Verbindungen gekappt. Züge fahren nicht mehr, Autofahrer müssen einen langen Parcours von Kontrollen der ukrainischen und russischen Grenztruppen über sich ergehen lassen. Auch die Lieferung von Wasser und Elektrizität hat die Ukraine gestoppt.

Verbindet die Krim mit der gegenüberliegenden südrussischen Halbinsel Taman: Die neu erstellte Brücke. (Grafik: dca)

Der Kreml verspricht sich von der Fertigstellung der Autostrecke darum einen wirtschaftlichen Erfolg. Die neue Verbindung soll den Tourismus und Warenverkehr in die beliebte Urlaubsregion am Schwarzen Meer ankurbeln. Bewohner der Krim hoffen darauf, dass mit mehr Güterlieferungen Lebensmittel und andere Produkte wieder günstiger werden. Fünfzehn Minuten dauert nun die Fahrt über die Brücke.

Wirtschaftlich ist sie jedoch weniger bedeutend als politisch, vollzieht sie doch den Anschluss an Russland nunmehr auch physisch: Die Krim wird an die russische Infrastruktur angebunden. Das hat sie dann allerdings vielen Orten in Russland voraus, zu denen keine befestigten Fernstrassen führen. Um die drei Milliarden Euro aufzubringen, die der Bau umgerechnet gekostet hat, wurden andere, lange geplante Brücken und Strassen in Russland nicht realisiert.

Die neue Brücke hat besondere politische Bedeutung als Teil der von Putin verkündeten «Heimholung» der Krim. Mit ihrer Einweihung zeigt er der Welt und seinen Landsleuten, dass die Krim von nun an zu Russland gehört und die Annexion irreversibel ist.

Putin verliert die Ukraine an den Westen

Damit stellt sich Putin aus Sicht von Beobachtern aber auch selbst ein Bein. Denn anstatt die Ukrainer in den eigenen Einflussbereich zurückzuholen, treibt er sie mit dem Bau nun definitiv in die Arme des Westens. Die Ukraine wertet die Eröffnung als Verstoss gegen das Völkerrecht. «Die russischen Invasoren, welche die Krim vorübergehend besetzt halten, handeln weiterhin ausserhalb internationalen Rechts», liess sich Ukraines Premierminister Wladimir Groisman in einem Interview zitieren.

Unterstützung erhielt er von verschiedenen anderen Regierungen. Das US-Aussenministerium bezeichnete die Krim in einer Mitteilung als «Teil der Ukraine». Der Brückenbau sei ohne die Zustimmung der Regierung der Ukraine erfolgt und zeige, dass Russland versuche, die ungesetzliche Vereinnahmung der Halbinsel zu untermauern. Zudem bereite er der Ukraine Probleme, weil die Grösse der Schiffe, die darunter die Meerenge Strasse von Kertsch passieren können, limitiert sei.

«Das ist eine weitere Verletzung der ukrainischen Souveränität.»Sprecherin der EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini

«Frankreich verurteilt diese Brücke, die der Ukraine den vollen Zugang zu ihren international anerkannten Hoheitsgewässern entzieht», liess auch das französische Aussenministerium verlauten. Grossbritannien erklärte, es handle sich um ein «weiteres Beispiel für das gefährliche Verhalten Russlands».

Und die Europäische Union bezeichnete den Bau als Verletzung der ukrainischen Souveränität. «Die Konstruktion der Brücke zielt darauf ab, die illegal annektierte Halbinsel weiter zwangsweise mit Russland zu verschmelzen», sagte eine Sprecherin der EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini.

Die Entrüstung des Westens ist auch mit der strategischen Lage der Krim zu erklären. In der Strasse von Kertsch zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer gelegen, spielt die Halbinsel eine zentrale Rolle in der russischen Militärstrategie in der Region. Sollte sich der Konflikt mit der Ukraine erneut zuspitzen, könnte Moskau einen Teil der ukrainischen Küste blockieren.

Ist bereits für den Autoverkehr freigegeben: Russen feiern ihre erste Fahrt auf der neuen Krim-Brücke. (Bild: Reuters)

Putin inszenierte die Einweihung der Brücke denn auch als Machtdemonstration. Zunächst öffnete er nur den vierspurigen Autoteil der Brücke. Eine zweispurige Trasse speziell für Lastwagen soll im Herbst fertig werden, Ende 2019 kommt noch eine zweigleisige Eisenbahnstrecke hinzu. «Das hier ist der erste Teil, aber wahrscheinlich auch der wichtigste», sagte er auf der Brücke. Ab Mittwoch ist sie bereits für den Autoverkehr freigegeben.

Putins Rolle als Lastwagenfahrer ist indes noch in anderer Hinsicht symbolisch: Ausgerechnet die russischen Lastwagenfahrer waren es nämlich, die in den vergangenen Jahren besonders hartnäckig protestierten. Ihr Zorn richtet sich gegen eine Maut, die von einer Firma eingezogen wird, die dem Sohn von Arkadi Rotenberg gehört. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 16:45 Uhr

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