Magnet Deutschland, Schweiz umfahren

Nicht ganz Europa ist vom Flüchtlingsansturm gleich betroffen. So bewältigt etwa allein Deutschland fast 40 Prozent aller Gesuche, während die Zahlen in der Schweiz nicht annähernd so stark steigen.

Kein Ansturm: Diese beiden Männer konnten gestern am Bahnhof Buchs SG zehn Asylsuchende empfangen, die per Zug aus Wien anreisten.

Kein Ansturm: Diese beiden Männer konnten gestern am Bahnhof Buchs SG zehn Asylsuchende empfangen, die per Zug aus Wien anreisten.

(Bild: Keystone)

Peter Meier@bernpem

Derzeit versuchen so viele Menschen nach Europa zu kommen wie nie zuvor. Weit über 420'000 Asylsuchende sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits in den 30 Staaten des Schengen/Dublin-Raums eingetroffen. Millionen sollen noch vor den Toren Europas stehen – vornehmlich aus Afrika, dem Nahen Osten, dem Westbalkan.

Doch längst nicht alle Staaten sind von dem Ansturm gleich betroffen. So nehmen derzeit etwa Deutschland, Ungarn, Italien, Frankreich, Schweden und Österreich fast alle Migranten auf, die in die EU kommen. Allein Deutschland hat fast 40 Prozent aller Asylanträge zu bewältigen. Die Bundesregierung hat darum ihre Prognose jüngst drastisch nach oben korrigiert: Sie rechnet nun für 2015 mit 800'000 Asylanträgen – doppelt so viele wie ursprünglich erwartet und viermal so viele wie 2014. In der Schweiz hingegen hält das Staatssekretariat für Migration (SEM) an seiner bisherigen Prognose fest und geht von rund 29'000 Asylgesuchen aus.

Für die grossen regionalen Unterschiede bei den Asylgesuchszahlen lassen sich laut Migrationsbehörden und -experten grob drei Hauptgründe nennen:

Fluchtroute: War im letzten Jahr die Überfahrt übers zentrale Mittelmeer die mit Abstand am häufigsten genutzte Route nach Europa, hat in den letzten Monaten der Landweg über den Balkan an Bedeutung gewonnen. «Menschen, die über diese östlichen Landrouten in den EU-Raum kommen, wollen in erster Linie via Österreich und Deutschland nach Westeuropa», sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin. «Die Schweiz hingegen gehört nicht zu ihren bevorzugten Destinationen.»

Über diese Route kommen vor allem Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Pakistan und Afghanistan. Das SEM vermutet, dass aktuell ein Grossteil von ihnen aus Flüchtlingscamps im Libanon, in Jordanien und vor allem der Türkei stammen, dem grössten Aufnahmeland in der Region, wo inzwischen 1,8 Millionen syrische Flüchtlinge leben. Weil diese Aufnahmeländer in der Region an ihrer Grenzen stiessen und für die Flüchtlinge zugleich eine Rückkehr in die Heimat in absehbarer Zeit immer unwahrscheinlicher werde, entscheide sich offenbar eine wachsende Zahl von ihnen für die Weiterflucht nach Europa, so Reichlin.

Für die Schweiz bleibt dagegen die Mittelmeerroute relevant, da sie in deren unmittelbarer Verlängerung liegt. Dieser Weg wird weiterhin vor allem von Migranten aus Subsahara-Afrika gewählt – primär aus Eritrea, Somalia, Nigeria, dem Sudan.

Diaspora: Neben der geografischen Lage eines europäischen Ziellandes ist auch die Diaspora zentral. Flüchtlinge zieht es primär in Länder, in denen bereits Familienmitglieder, Bekannte oder Landsleute leben. Syrer reisen daher oft nach Deutschland, Dänemark, Schweden oder Holland. Die Schweiz dagegen hat eine der grössten eritreischen Gemeinden in Europa und ist daher ein Anziehungspunkt für nachfolgende Flüchtlinge aus dem Land am Horn von Afrika.

Asylpraxis: Ausschlaggebend für die Wahl eines Ziellandes sind laut Martin Reichlin nicht zuletzt auch die jeweiligen Rahmenbedingungen für Flüchtlinge. Die sind innerhalb Europas höchst unterschiedlich, weil es trotz der Schengen/Dublin-Verträge weder eine gemeinsame europäische Migrationspolitik noch einheitliche Standards gibt. Das beginnt etwa beim Aufnahmeverfahren, das in West- und Nordeuropa effektiv und fair ist, während die Bedingungen in Süd- und Osteuropa häufig unzumutbar sind – gerade etwa punkto Unterbringung und medizinischer Versorgung.

Eine grosse Rolle spielen laut Reichlin auch die Zukunftsperspektiven: Dauer des Asylverfahrens, Chancen auf permanentes Bleiberecht, Zugang zu Arbeitsmarkt und Sozialhilfe, Preisniveau. Hier seien die Bedingungen in manchen EU-Staaten günstiger als hierzulande. Bestes Beispiel: Die Schweiz strich für Asylsuchende aus dem Westbalkan alle Geldleistungen und fertigt die aussichtslosen Gesuche heute im 48-Stunden-Verfahren ab. Beides wird nun auch in Deutschland diskutiert, wo derzeit rund 40 Prozent aller Asylanträge aus dem Westbalkan stammen.

Berner Zeitung

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