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Warten auf Chodorkowski

Hunderte Journalisten kämpften vor dem ersten öffentlichen Auftritt des russischen Kremlkritikers nach seiner Freilassung um den besten Platz. Für seine Leibwächter war die Pressekonferenz in Berlin ein Härtetest.

Blitzlichtgewitter: Michail Chodorkowski an der Pressekonferenz in Berlin.
Blitzlichtgewitter: Michail Chodorkowski an der Pressekonferenz in Berlin.
Keystone
Die Pressekonferenz wurde auf grossen Bildschirmen gezeigt: Journalisten hören dem freigelassenen Oligarchen zu.
Die Pressekonferenz wurde auf grossen Bildschirmen gezeigt: Journalisten hören dem freigelassenen Oligarchen zu.
AFP
Zeigt sich in einem dunklen Anzug und mit kurzgeschorenen  Haaren: Michail Chodorkowski in Berlin.
Zeigt sich in einem dunklen Anzug und mit kurzgeschorenen Haaren: Michail Chodorkowski in Berlin.
Keystone
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Kurz bevor er endlich im Berliner Mauermuseum vor die Presse treten soll, verliert die Security die Nerven. «Wir brechen ab», ruft einer der Leibwächter von Michail Chodorkowski seinen Kollegen zu, doch so einfach ist das nicht. Vor ihnen stehen eng aneinandergequetscht hunderte Journalisten, drängeln und warten, was der russische Kreml-Kritiker und frühere Oligarch wohl zu sagen hat nach zehn Jahren Haft. Wie er über seine Begnadigung durch Präsident Wladimir Putin denkt und was er nun anstellen will.

Doch statt abzubrechen, schnappt sich ein anderer Leibwächter ein Mikrofon. «Machen Sie den Gang frei! Treten Sie zurück! Sonst kommen Chodorkowskis Eltern nicht durch. Und dann wird auch er nicht kommen!» Doch kaum einer rührt sich. Eine Fotoreporterin mit einer kiloschweren Kamera in den Händen giftet eine zweite an. «Das hier ist nicht Ihr Platz. Ich stand hier vorher.»

Fünf Minuten für ein Foto

Eine russische Reporterin füllt die Zeit mit einer Ansage für das Portal «Life News», ein Kameramann reicht von hinten einen Apparat über ein Dutzend Köpfe nach vorn, vielleicht ist dort die Sicht besser. Chodorkowski selbst prangt bislang nur als Foto auf dem weissen T-Shirt eines Journalisten, «Free Khodorkovsky». «Wir brechen das hier ab, wenn Sie nicht sofort den Gang freimachen!», dröhnt es wieder aus dem Lautsprecher.

Und dann legt die Security selbst Hand an. Sie kämpft eine schmale Gasse frei, bildet einen schützenden Kreis um Boris Chodorkowski und Marina Chodorkowskaja und geleitet die Eltern des Ex-Häftlings nach vorn in die erste Reihe. Zerbrechlich sieht der Vater aus, als könne er sich keinen Reim darauf machen, was da gerade geschieht. Die Fotografen stürzen sich auf sie, bekommen fünf Minuten für ihren Kampf ums Foto.

Ein Nervenbündel

Wenig später wird Chodorkowski vorsichtig im Blitzlichtgewitter durch die Menge geleitet und zum Podium geschoben. Viele klatschen ihm zu. In dunklem Anzug und Krawatte und mit kurzgeschorenen Haaren läuft er vorüber, er lächelt, er wirkt gesund und fast schüchtern. Museumsdirektorin Alexandra Hildebrandt an seiner Seite gleicht hingegen einem Nervenbündel. «Gehen Sie bitte zurück! Setzen Sie sich hin! Wir wollen doch in Ruhe kommunizieren. Alles ist gut», ruft sie schliesslich, als sie endlich mit Chodorkowski auf dem Podium sitzt.

Für den 50-Jährigen ist es der erste öffentliche Auftritt seit seiner Begnadigung am Freitag. Zehn Jahre hatte der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos wegen Betrugs und Steuerhinterziehung in russischer Haft verbracht. Seine Verurteilung galt vielen als politisch motiviert. Morgens zwei Uhr wird er am Freitag geweckt, am Nachmittag landet er überraschend in Berlin.

Voller Dankbarkeit

Dort sitzt er nun am Sonntag am ehemaligen Checkpoint Charlie und ist voller Dankbarkeit. Für seine Freilassung, für Ex-Aussenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der vermittelt hatte, für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und für die Arbeit der Medien. «Überwältigend» fand er die Aufmerksamkeit für ihn. Doch: «Ich bin nicht der letzte politische Gefangene in Russland.» Er werde daher alles dafür tun, um sich für alle anderen einzusetzen. Als er seinen noch inhaftierten Ex-Geschäftspartner Platon Lebedew erwähnt, seufzt er.

Auf den grossen Zukunftsentwurf wartet sein Publikum am Sonntag aber vergeblich. «Ich bin ja erst 36 Stunden in Freiheit.» Nur soviel: In die Politik will er nicht, in die Wirtschaft muss er nicht, stattdessen will er sich gesellschaftlich engagieren. Alles Weitere soll folgen. «Erlauben Sie mir ein wenig Privatsphäre», sagt er schliesslich noch. Und vor ihm haben hunderte Journalisten schon wieder den Finger am Auslöser.

AFP/wid

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