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Vom Ganoven-Look zur Gandhi-Aura

Michail Chodorkowski ging als Rebell ins Gefängnis und kam als Heiliger raus – zumindest scheinbar. Doch wie echt sind sein schüchterner Auftritt, sein Gandhi-Look und das sanfte Lächeln wirklich?

Schnauz, enger Anzug und Hornbrille: Chodorkowski 1997 im Ganoven-Look.
Schnauz, enger Anzug und Hornbrille: Chodorkowski 1997 im Ganoven-Look.
Reuters
Im Style eines westlichen Managers: Chodorkowski 2003, als er auf dem Höhepunkt seiner Managerkarriere wegen des Streits mit dem Kreml von seinen Ämtern zurücktrat.
Im Style eines westlichen Managers: Chodorkowski 2003, als er auf dem Höhepunkt seiner Managerkarriere wegen des Streits mit dem Kreml von seinen Ämtern zurücktrat.
Reuters
Passend zur scheinbaren inneren Veränderung auch sein Äusseres: Glatze, feines Brillengestell und der sanfte Blick prägen das Bild von Chodorkowski.
Passend zur scheinbaren inneren Veränderung auch sein Äusseres: Glatze, feines Brillengestell und der sanfte Blick prägen das Bild von Chodorkowski.
Reuters
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Der Mann richtet gross an. «Im Gefängnis bin ich ein anderer Mensch geworden», sagt Michail Chodorkowski von sich selber nach 10 Jahren Gefangenschaft. Rein äusserlich gesehen muss man ihm zustimmen: Seine Nase ziert eine Brille mit feinem Gestell und runden Gläsern, auf dem Kopf ragen nur ein paar kurz geschorene Haare gen Himmel. Wenn wir es nicht besser wüssten, könnte man den Mann glatt mit dem Dalai Lama oder Mahatma Gandhi verwechseln.

Ganz anders seine Vergangenheit. Diese zeigt zuerst einen jungen Mann mit dunklem Schnauz, dicker Hornbrille und engem Anzug – Chodorkowski quasi im Ganoven-Look. Dass er ein gerissener Wirtschaftskenner war und die Gunst der Stunde auszunutzen wusste, bewies er mit seiner steilen Karriere im Fahrwasser der wirren Jahre unter der Führung von Boris Jelzin.

Der Ex-Milliardär spricht von sozialer Verantwortung

In den folgenden Jahren als Jukos-Boss und Multimilliardär legte er an Gewicht zu – nicht nur, was die Machtfülle betrifft. Rasiert, mit grau melierter Managerfrisur im West-Style trat er in der Öffentlichkeit auf. Dann verschwand er im sibirischen Schnee hinter Gitterstäben.

Dort also hat er über seine Vergangenheit sinniert. So intensiv offenbar, dass ein «neuer» Chodorkowski herausgekommen ist. Einer, der Sätze sagt wie «Russische Unternehmer müssen mehr soziale Verantwortung übernehmen» oder «Wir dürfen die Pflicht gegenüber unseren Bürgern nicht vernachlässigen». Die Familie hält er hoch, der Gesellschaft will er «etwas zurückgeben».

Zugfahrt ohne Bodyguards

Seinen scheinbaren inneren Wandel unterstreicht er mit dem Wandel seines Äusseren. Und die Übereinstimmung ist so passend, man könnte glauben, die Veränderung wäre von einem Image-Profi begleitet worden. Nicht nur Brille und Glatze zeigen einen anderen Chodorkowski, auch seine öffentlichen Auftritte passen zum Bild des eiskalten Managers, der geläutert ist: Zur Pressekonferenz in Berlin bewegte er sich sanft lächelnd und leicht schüchtern, er sprach leise und mit kurzen Denkpausen zu den Medien. Inzwischen bewegt er sich ohne Bodyguards – welcher (Ex-)Oligarch würde das tun –, fährt Zug und trägt Kleider wie Otto Normalverbraucher.

Der Imagewandel aber funktioniert offenbar. Der Mann im Gandhi-Look erregt grösstes öffentliches Interesse, er wird wie ein Star gefeiert. Journalisten wollen von ihm wissen, wie er sich für die russische Zivilgesellschaft einsetzen wolle, Amnesty spannt ihn als Zeugen ein.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Mission Metamorphose also gelungen? Wir wissen es nicht, er muss es erst noch beweisen. Wie überzeugend wirkt einer, der in wirren Zeiten zu Milliarden kam und noch heute mutmasslich über Millionen Dollar im dreistelligen Bereich verfügt und dann plötzlich von «sozialer Verantwortung» spricht?

Gleichzeitig – wie er seine früheren Anzüge in die Kleidersammlung entsorgt – müsste er wohl mit seiner Jukos-Vergangenheit aufräumen und die Finanzen offenlegen, sprich Transparenz schaffen. Seinen jetzigen weisen Worten muss er Taten folgen lassen. Damit würde er an Glaubwürdigkeit gewinnen, was seinem plötzlichen Weltverbesserer-Image nur guttun könnte. Und dann würde seine Dalai-Lama-Aura nicht mehr nur transparent schimmern.

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