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Viktor Orbans schöne neue Fussballwelt

Neue Stadien, Millionen für Vereine: Ungarns Regierungschef will sein Land zur Fussball-Supermacht machen. Wäre da nur nicht der verheerende Auftritt vom Freitagabend.

Bernhard Odehnal, Felcsut
Das Markowecz-Stadion in Felcsut, wo Viktor Orban herkommt, soll rund 20 Millionen Franken kosten. Der Neubau im 1800-Einwohner-Ort wird im Frühjahr 2014 eröffnet. Der FC Felcsut schaffte dank staatlicher Förderung im Umfang von 10 Millionen Franken den Aufstieg in die oberste Liga Ungarns.
Das Markowecz-Stadion in Felcsut, wo Viktor Orban herkommt, soll rund 20 Millionen Franken kosten. Der Neubau im 1800-Einwohner-Ort wird im Frühjahr 2014 eröffnet. Der FC Felcsut schaffte dank staatlicher Förderung im Umfang von 10 Millionen Franken den Aufstieg in die oberste Liga Ungarns.
Der 50-jährige Ministerpräsident von Ungarn ist selber ein begeisterter Hobbyfussballer. In der Regierungsarbeit von Orban hat Fussball eine hohe Priorität. Bisher sollen über 400 Millionen Franken in den Bau neuer Stadien sowie in die Förderung seiner Lieblingsvereine geflossen sein.
Der 50-jährige Ministerpräsident von Ungarn ist selber ein begeisterter Hobbyfussballer. In der Regierungsarbeit von Orban hat Fussball eine hohe Priorität. Bisher sollen über 400 Millionen Franken in den Bau neuer Stadien sowie in die Förderung seiner Lieblingsvereine geflossen sein.
In Felcsut befindet sich auch die Ferenc-Puskas-Akademie. Die architektonisch auffällige Institution zur Förderung des heimischen Fussballs entstand zu Ehren des grössten ungarischen Fussballer aller Zeiten.
In Felcsut befindet sich auch die Ferenc-Puskas-Akademie. Die architektonisch auffällige Institution zur Förderung des heimischen Fussballs entstand zu Ehren des grössten ungarischen Fussballer aller Zeiten.
Puskas (1927-2006) war Captain und Goalgetter der legendären ungarischen Nationalmannschaft, die an der WM 1954 im Berner Wankdorf den Final gegen Deutschland verlor. Puskus – hier rechts im Bild gegen einen Deutschen – spielte danach in der grossen Mannschaft von Real Madrid.
Puskas (1927-2006) war Captain und Goalgetter der legendären ungarischen Nationalmannschaft, die an der WM 1954 im Berner Wankdorf den Final gegen Deutschland verlor. Puskus – hier rechts im Bild gegen einen Deutschen – spielte danach in der grossen Mannschaft von Real Madrid.
Ungarns Regierung will Budapest zu einem der Austragungsorte der EM 2020 machen. Das altersschwache Ferenc-Puskas-Stadion, ehemals Nep-Stadion, soll für 300 Millionen Franken umgebaut und modernisiert werden.
Ungarns Regierung will Budapest zu einem der Austragungsorte der EM 2020 machen. Das altersschwache Ferenc-Puskas-Stadion, ehemals Nep-Stadion, soll für 300 Millionen Franken umgebaut und modernisiert werden.
Ausserdem wird derzeit das Fussball-Stadion in der zweitgrössen ungarischen Stadt Debrecen für rund 48 Millionen Franken erneuert und erweitert.
Ausserdem wird derzeit das Fussball-Stadion in der zweitgrössen ungarischen Stadt Debrecen für rund 48 Millionen Franken erneuert und erweitert.
Orban (obere Reihe rechts) und seine Partei Fidesz pflegen enge Kontakte zu Fussballkreisen. Zum Beispiel zu Sandor Csanyi (obere Reihe in der Mitte), der den ungarischen Fussballverband präsidiert. Csanyi ist zudem Chef der grössten ungarischen Bank OTB sowie Besitzer von Ländereien und Lebensmittelbetrieben.
Orban (obere Reihe rechts) und seine Partei Fidesz pflegen enge Kontakte zu Fussballkreisen. Zum Beispiel zu Sandor Csanyi (obere Reihe in der Mitte), der den ungarischen Fussballverband präsidiert. Csanyi ist zudem Chef der grössten ungarischen Bank OTB sowie Besitzer von Ländereien und Lebensmittelbetrieben.
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Das Ergebnis war ein Schock für das ganze Land. Mit 1:8 verlor Ungarn am Freitagabend in Amsterdam den Qualifikationsmatch für die WM 2014 gegen die Niederlande. Die Ungarn liegen nun in ihrer Gruppe an vierter Stelle, hinter Rumänien und der Türkei. Nur ein Wunder könnte sie jetzt noch nach Brasilien bringen. Ein Sieg beim heutigen Match gegen Andorra wird nicht reichen, es müssten auch die um den zweiten Gruppenplatz konkurrenzierenden Mannschaften haushoch verlieren.

Der Schock ist besonders gross, weil Fussball in Ungarn seit Amtsantritt der Regierung von Viktor Orban eine politische Angelegenheit ist. Der 50-Jährige ist begeisterter Hobbyspieler und machte den Sport zur Priorität in der Regierungsarbeit. Über 400 Millionen Franken fliessen seit dem Wahlsieg von Orbans Partei Fidesz in den Bau neuer Stadien und die Förderung seiner Lieblingsvereine. Orbans Welt dreht sich um den Fussball, und wer dem Ministerpräsidenten nahe steht, hat auch in dieser Fussballwelt eine wichtige Funktion.

Mächtige sitzen beisammen

So zum Beispiel Sandor Csanyi, Vorstandsvorsitzender der grössten ungarischen Bank OTB, Besitzer von Ländereien und Lebensmittelbetrieben: Er ist Präsident des ungarischen Fussballverbands. Oft sitzt Csanyi neben Orban auf der Tribüne, wenn deren Lieblingsclubs Ferencvaros oder Videoton spielen. Der VIP-Bereich im Stadion ist in Orbans Ungarn zum Pendant der Tribünen an der Moskauer Kremlmauer geworden: ein reiches Analysefeld für «Orbanologen» und ein guter Indikator, wer gerade mehr und wer weniger in der Gunst des Regierungschefs steht.

Der grösste Budapester Fussballverein, Ferencvaros, wird von Fidesz kontrolliert. Vereinsvorstand Gabor Kubatov ist hauptberuflich Generalsekretär der Regierungspartei. Die Fanclubs des Vereins sind für ihre Nähe zum Rechtsextremismus und ihre Gewaltbereitschaft bekannt. Ende April wurde der Vorsitzende der Raoul-Wallenberg-Vereinigung von Hooligans niedergeschlagen, weil er sie aufforderte, «Sieg Heil!»-Rufe zu unterlassen. Dennoch werden die Fanclubs von Fidesz für Ordnerdienste bei Parteiveranstaltungen und vor der Parteizentrale eingesetzt.

Nach antisemitischen Ausfällen bei einem Länderspiel gegen Israel verurteilte die Fifa den ungarischen Fussballverband zu einer Geldstrafe und zur Austragung des WM-Qualifikationsspiels gegen Rumänien in Bukarest vor leeren Rängen. Ungarische Fussballfans kamen dennoch in die rumänische Hauptstadt und attackierten eine Roma-Siedlung.

Bewerbung für EM 2020

Trotz des schlechten Rufs der ungarischen Fans möchte Orban Budapest zu einem der Austragungsorte der EM 2020 machen, die in ganz Europa stattfinden soll. Dafür soll das altersschwache Ferenc-Puskas-Stadion für 300 Millionen Franken komplett umgebaut und modernisiert werden. Daneben soll auch der Verein Ferencvaros ein neues Stadion bekommen, mit angeschlossenem Einkaufszentrum. Dafür stünden rund 50 Millionen Franken Subvention bereit, schreibt die Onlinezeitung «Pester Lloyd».Dabei liegt das Zentrum von Orbans schöner neuer Fussballwelt gar nicht in Budapest, sondern in seinem Geburtsort Felcsut, 30 Kilometer westlich der Hauptstadt. Dort haben eine private Stiftung Orbans sowie seine Freunde und Familienmitglieder viel Land, Gutshöfe und Hotels gekauft sowie eine Fussball-Akademie eröffnet. Nun bekommt der 1800-Einwohner-Ort neben dieser «Ferenc-Puskas-Akademie» (benannt nach Ungarns Fussballhelden der 50er-Jahre) auch noch ein Stadion für 3500 Besucher. Der Rohbau ist fast fertig, die mächtigen Betonsäulen werfen ihren Schatten auf Orbans kleines Landhaus in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die «organische Architektur» des Stadions und der Akademie, mit Holzverstrebungen, die an menschliche Rippen erinnern sollen, stammen vom 2011 verstorbenen Architekten Imre Markowecz. Das Markowecz-Stadion soll rund 20 Millionen Franken kosten und kurz vor den Wahlen im Frühjahr 2014 eröffnet werden. Bezahlt werde der Bau ausschliesslich durch private Spenden, heisst es auf der Website der Akademie. Allerdings ermöglicht ein neues Gesetz, dass Spenden für «spektakuläre Teamsportarten» fast vollständig von der Steuer abgeschrieben werden können.

Den Gegnern unterlegen

Abgesehen von der Monsterbaustelle, sieht Felcsut aus wie viele andere Dörfer in der ungarischen Tiefebene. Die Alten bleiben, die Jungen ziehen weg. Geschäfte schliessen, viele Häuser stehen zum Verkauf. Der öffentliche Verkehr ist auf eine Buslinie in den Nachbarort beschränkt. Der lokale Fussballverein FC Felcsut war ein weitgehend unbekannter Zweitligist.

Im kommenden Jahr, wenn das Stadion fertiggestellt ist, will Orban jedoch die Endrunde der U-19-Europameisterschaft nach Felcsut holen. Der FC Felcsut konnte dank einer Finanzspritze aus der staatlichen Fussballförderung bereits in die erste Liga aufsteigen. Laut ungarischen Medien war dieser Aufstieg der Regierung knapp 10 Millionen Franken wert. Andere Vereine erhielten höchstens 2 Millionen. Bis jetzt zeigen die Ausgaben beim ungarischen Fussball freilich wenig Auswirkungen. Sofort nach dem Debakel von Amsterdam trat Nationaltrainer Sandor Egervari wegen der «miserablen Vorstellung» seiner Mannschaft zurück. Mit der Erklärung: die Gegner seien Ungarn leider «in allen Belangen weit überlegen».

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