Und dann riefen die Vergessenen nach den Faschisten

In Torre Maura bei Rom fühlen sich viele Bürger von der Politik im Stich gelassen. Als Dutzende Sinti und Roma dort eine Bleibe erhalten sollen, entlädt sich ihr Hass.

Zum Abzug der 77 Sinti und Roma zeigen Quartierbewohner den Faschistengruss. Foto: Antonio Masiello (Getty Images)

Zum Abzug der 77 Sinti und Roma zeigen Quartierbewohner den Faschistengruss. Foto: Antonio Masiello (Getty Images)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

In Torre Maura, einem Aussenbezirk Roms, Stadtteil IV., 90'000 Einwohner, sind sie es nicht gewohnt, dass das Fernsehen vorbeischaut. Man hat dort draussen an der Ringstrasse eher das Gefühl, man werde chronisch von allen vergessen. Torre Maura ist, was die Römer eine «borgata» nennen, eine schwierige Vorstadt mit heruntergekommenen Sozialbauten und hoher Arbeitslosigkeit, eine Parallelwelt, nicht weit entfernt von der Pracht der alten Stadt. Pier Paolo Pasolini beschrieb die schlimmen Zustände in den «borgate» schon vor 50 Jahren, besser sind sie nicht geworden.

Nun aber war das nationale Fernsehen da, die ganze Woche. Und die Bilder, die Italien aus Torre Maura zu sehen bekam, waren nicht schön. Sie waren verstörend, eine Explosion von Wut und Hass, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hat.

Aufstand live auf Facebook

Die römische Stadtverwaltung hatte beschlossen, zwei Dutzend Familien von Roma und Sinti, die davor auf einem Campingplatz gelebt hatten, in einer alten Klinik unterzubringen, ihre Wohnsituation zu stabilisieren, ihnen bei der Integration zu helfen. In dem schmucklosen Palazzo hatten seit 2013 Zuwanderer aus Afrika gewohnt, immer neue. Das gab selten Probleme, weil die jungen Männer aus Afrika mit der Jugend des Viertels Fussball spielten. Die Roma aber wurden empfangen, als wären sie alle Verbrecher. 77 waren es insgesamt, unter ihnen 33 Kinder.

Einige Bewohner von Torre Maura ärgerten sich so sehr darüber, dass man den Familien eine Unterkunft in ihrer Mitte gab, wo sie selbst doch nahe am Existenzminimum lebten, dass sie einschlägige Fürsprecher zu Hilfe riefen. Politische Parteien, von denen sie wussten, dass sie sich nicht hinter Parolen verstecken würden: Die neofaschistischen Formationen Casa Pound und Forza Nuova schickten ihre Leute, um Torre Maura gegen 77 Roma und Sinti zu verteidigen. Sie steckten Abfallcontainer in Brand, das Auto der städtischen Sozialbehörde.

Casa Pound übertrug den «Aufstand von Torre Maura», wie er jetzt heisst, live auf Facebook. Man sah da zum Beispiel, wie besonders aufgebrachte Erwachsene die Brötchen, die für die Kinder in der Klinik gedacht waren, aufs Trottoir warfen und zertrampelten. Dazu die schrille Stimme einer Frau: «An Hunger sollt ihr verrecken», brüllt sie. Man hört auch «Scheisszigeuner», «Affen», «Räuber», «Bastarden, haut ab». 300 Menschen formten den Mob.

Virginia Raggi krebst zurück

Als Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi davon hörte, sagte sie: «Vor dem Rassenhass werden wir nicht weichen.» Für die Politikerin der Cinque Stelle, die bei ihrem Wahlsieg vor bald drei Jahren in Torre Maura fast 80 Prozent der Stimmen erreicht hatte, war das ein erstaunlich entschlossener Auftritt. Die Haltung hielt allerdings nur einige Stunden. Dann entschied die Bürgermeisterin, die 77 Roma wieder auszuquartieren – allesamt. Wohin genau, wusste man zunächst nicht.

Als die ersten Menschen weggebracht wurden, standen 100 Anwohner und Mitglieder der rechtsextremen Parteien stramm triumphierend Spalier. Manche stimmten die Nationalhymne an. Eine Gruppe von Männern reckte dazu den rechten Arm in die Höhe zum faschistischen Gruss. Auch davon gibt es Bilder. Die römische Staatsanwaltschaft hat jetzt Ermittlungen eröffnet.

Salvini mischt sich ein

In den italienischen Talkshows wird nun darüber diskutiert, ob der Hass in der Peripherie mildernde Umstände verdient hat, weil die Menschen da draussen seit Jahrzehnten vernachlässigt und vergessen würden, von Staat und Politik. Oder ob nicht viel eher gar nichts rechtfertigt, was in Torre Maura geschah. «La Repubblica» sieht in den zertrampelten Brötchen «ein Sakrileg». Selbst Matteo Salvini, Italiens fremdenfeindlicher Innenminister, sagte danach: «Brot ist heilig.»

Doch Salvini beliess es nicht dabei. Es sei nicht richtig, sagte er noch, dass über Orten wie Torre Maura alle Probleme abgeladen würden. Er brauchte das Verb «scaricare», entsorgen. Wie beim Müll. Da bei Salvini nichts zufällig ist, keine Unsäglichkeit, wirkte dieser Satz wie ein Plädoyer für die rassistischen Brüller.

Eine ermutigende Szene gab es dann doch noch in Torre Maura, ebenfalls live mitgeschnitten. Da sieht man Simone, 15 Jahre alt, ein Junge aus Torre Maura, der sich den Leuten von Casa Pound entgegenstellt, mutig und sprachgewandt. Simone sagt ihnen ins Gesicht, sie seien doch nur da, um die Gemüter der Menschen gegen eine Minderheit aufzuhetzen, aus politischem Kalkül. Die Neofaschisten sind eine Weile recht sprachlos. Dann tätschelt einer Simone gönnerhaft die Wange, als wäre der der dumme Junge.

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