Trockenübung im Treibhaus

«Zeitpunkt»-Redaktor Jürg Steiner äussert sich zum Klimagipfel von Paris.

Jürg Steiner@Guegi

Vom Papst über US-Präsident Barack Obama und Chinas Leader Xi Jinping bis hin zur Schweizer Umweltministerin Doris Leuthard: Praktisch alle, die auf dieser Welt etwas zu sagen haben, beschwören die rund 40'000 Teilnehmer am Pariser Mega-Klimagipfeltreffen, dessen Beginn auf Sonntag vorverschoben wurde.

Damit am zweiwöchigen, unter rigorosen Sicherheitsvorkehrungen stattfindenden Verhandlungsmarathon ein Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase zustande kommt, an dem sich (fast) alle Länder der Welt beteiligen. Es wäre ein Signal für ­gemeinsames globales Handeln, das Seltenheitswert hat. Immerhin. Im Kampf gegen den Klimawandel allerdings wird ein allfälliger Pariser Vertrag nicht mehr wert sein als eine Beruhigungspille mit beschränkter Wirkung.

Die Realität ist: Die fossile Energie erfreut sich global trotz Herbeiredens der Energiewende bester Perspektiven – besonders bei den voraussichtlich noch jahrelang tiefen Ölpreisen. In asiatischen und afrikanischen Ländern werden in den nächsten Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen neu mit Elektrizität versorgt – hauptsächlich dank zunehmendem Kohle- und Erdölverbrauch (an dem auch das Terrorregime des Islamischen Staats mitverdient).

2030 werden weltweit gemäss Expertenschätzungen pro Jahr rund doppelt so viele Flugpassagiere unterwegs sein wie heute. Gegen diese harten ökonomischen Realitäten sind auch Heerscharen zweifellos eifriger und beschlagener Klimadiplomaten chancenlos.

Zumal die Hürden für einen neuen Klimavertrag so weit abgesenkt worden sind, dass er höchstens zaghafte Wirkung entfalten würde, wenn er zustande käme. Illusionslos feiert man es bereits vor Beginn als diplomatischen Erfolg, dass keine der 195 Länderdelegationen in Paris die Existenz des menschgemachten Klimawandels noch ernsthaft anzweifelt.

Und praktisch alle UNO-Staaten haben schon vor dem Pariser Gipfel ihre Massnahmenpakete eingereicht, wie sie zwischen 2020 und 2030 ihren Treibhausgas-Ausstoss zu reduzieren gedenken. Freiwillig! Aber eben auch ohne Zusicherung, ob sie tatsächlich umgesetzt werden. Ohne milliardenschwere Umverteilung von reichen zu armen Ländern wird gar nichts laufen. Und selbst wenn: Kein Land muss mit Sanktionen rechnen, wenn es seine eigenen Klimaziele bis 2030 verfehlt.

Auch die Schweiz nicht. Sie ist im internationalen Vergleich ein klimapolitischer Musterknabe, aber auch der schweizerische Massnahmenkatalog verfehlt das Ziel, dass sich die Erde bis 2100 um höchstens zwei Grad erwärmt. Dass Klimapolitik Priorität hat, ist ein Lippen­bekenntnis. Die 195 Delegationen werden sich in Paris zwar bis zur Erschöpfung verausgaben: Aber was sie tun, bleibt eine verzweifelte Trockenübung.

Berner Zeitung

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