Theresa May ist zwar im Amt, aber nicht mehr an der Macht

England-Korrespondent Jochen Wittmann zur Rolle der britischen Premierministerin Theresa May.

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Wenn Theresa May in diesen ­Tagen in der Öffentlichkeit auftritt, dann macht sie selten eine überzeugende Figur. Trifft eine Frage sie unvorbereitet, dann kann die Maske fallen, und sie hat ihre Mimik nicht unter Kontrolle, lacht nervös, wirkt vergesslich. Die Frau, die heute vor einem Jahr das Amt der britischen Premierministerin antrat, ist gezeichnet vom Machtverlust.

In den vorgezogenen Neuwahlen Anfang ­Juni hatte sie ihre absolute Mehrheit verloren. Jetzt weiss Theresa May: Sie ist nur noch Premierministerin auf Zeit. In die nächsten Wahlen, geplant für Juni 2022, wird sie ihre Partei auf keinen Fall führen. Kurz nachdem Theresa May Ende März ihren Brief nach Brüssel geschickt hatte, in dem Grossbritannien offiziell den Austritt aus der Europäischen Union erklärte, trat die Premierministerin wieder vor die Tür von 10 Downing Street und kündigte an, vorgezogene Neuwahlen abhalten zu wollen. Die seien notwendig, sagte May, um «die Sicherheit und Stabilität» für erfolgreiche Brexit-Verhandlungen zu sichern.

Jeder hielt es für einen brillanten Plan: May holt sich angesichts einer am Boden liegenden Labour-Partei eine satte absolute Mehrheit und hat dann Handlungsfreiheit. Es kam anders. Labour ­erzielte 40 Prozent, nur 2 Prozentpunkte weniger als die Konservativen. Die Leute entschieden sich für eine der beiden grossen Volksparteien und vergassen die kleinen. Die Polarisierung der Gesellschaft, nicht zuletzt aufgrund des Brexit, vertiefte sich.

Und ein zusätzlicher und nicht unerheblicher Faktor beim Wahlausgang war die persönliche Schwäche von Theresa May. Sie verweigerte sich Fernsehdebatten und den Diskussionen mit dem Mann und der Frau auf der Strasse. Wenn sie doch einmal von den Bürgern gestellt wurde, vermied sie klare Antworten.

Jetzt wird der Brexit ihr Schicksal. Die Konservativen haben intern entschieden, dass May bis zum Ende der Verhandlungen als Premierministerin verbleibt, aber danach, rechtzeitig vor den nächsten Wahlen, abgelöst werden soll. Offiziell gilt immer noch die harte Linie beim Brexit, die May in ihrer Lancaster-House-Rede Anfang des Jahres gezogen hatte: Grossbritannien will aus Binnenmarkt und Zollunion austreten und die Gerichtsbarkeit des Europäischen Gerichtshofes nicht mehr anerkennen. Doch eine wieder erstarkte Opposition und Hinterbänkler ihrer eigenen Partei werden May dazu bringen, ihre Position aufzuweichen. Ein Jahr nach Antritt ist Theresa May zwar im Amt, aber nicht mehr an der Macht.

Mail: ausland@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2017, 08:29 Uhr

Jochen Wittmann
ausland@bernerzeitung.ch

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