«Statt bewegender Reden fordern wir Taten»

«Niemals wieder»: Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Juden und Roma fordern nun, dass bisher nicht anerkannte Nazi-Opfer endlich entschädigt werden.

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Zum 75. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 haben Vertreter von Juden und Roma in Deutschland eine schnelle Anerkennung und Entschädigung der noch nicht offiziell gewürdigten Opfer des Nationalsozialismus gefordert.

«Die Bundesrepublik Deutschland hat lange genug auf Zeit gespielt», hiess es in ihrem in der «Frankfurter Rundschau» und der «Berliner Zeitung» veröffentlichten Aufruf.

«Gefahr für die Sozialsysteme»

Als Beispiele für noch nicht anerkannte Opfergruppen nannten die Unterzeichner ehemalige sowjetische Kriegsgefangene und die Überlebenden des «Euthanasie»-Programms.

Zugleich forderten sie in dem Appell ein Ende der Stigmatisierung heute lebender Roma als «Gefahr für die Sozialsysteme».

«Statt bewegender Reden fordern wir Taten», heisst es in dem Aufruf, der unter anderem von den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, des American Jewish Committee Berlin, des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas, aber auch von der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und dem Grünen-Bundestagspolitiker Volker Beck unterzeichnet wurde.

Insgesamt zahlte Deutschland nach Regierungsangaben bisher rund 70 Milliarden Euro Entschädigung an die Opfer von nationalsozialistischem Terror. Das Geld floss und fliesst aufgrund verschiedener internationaler Abkommen und Programme an die ehemals Verfolgten, etwa jüdische Holocaust-Überlebende und aus Osteuropa nach Deutschland verschleppte Zwangsarbeiter.

Sowjetische Kriegsgefangene nie entschädigt

Nicht entschädigt wurden bisher unter anderem die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. Während des Zweiten Weltkriegs gerieten schätzungsweise 4,5 bis sechs Millionen von ihnen in die Hände der deutschen Armee.

Mehr als drei Millionen starben unter grausamen Bedingungen in überfüllten Gefangenenlagern unter freiem Himmel oder kamen später bei brutaler Zwangsarbeit ums Leben. Es war das schlimmste Massenverbrechen des Nazi-Regimes neben dem Holocaust an den Juden.

An diesem Samstag jährt sich die so genannte Reichspogromnacht – lange als Reichskristallnacht und unter Historikern zunehmend auch als Novemberpogrome bezeichnet – zum 75. Mal. Bei von den Nazis organisierten Ausschreitungen wurden rund 1400 Synagogen sowie tausende jüdische Geschäfte und Wohnhäuser verwüstet, zerstört und geplündert. 91 Menschen starben Schätzungen zufolge. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30'000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt.

Nach Ansicht von US-Präsident Barack Obama ist die Pogromnacht eine Mahnung, gegen Antisemitismus und Intoleranz zu kämpfen. Es gelte, die Toten zu ehren und für alle Zeiten zu sagen: «Niemals wieder».

Wörtlich meinte Obama in einer Erklärung des Weissen Hauses: «Die Kristallnacht lieferte eine Vorahnung auf das Abschlachten von sechs Millionen Juden und Millionen anderer unschuldiger Opfer.» Er sprach von «tragischen Folgen des Schweigens».

Gauck würdigt stille Helden

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte am Freitag die stillen Helden im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Auch in schlechten Zeiten habe man immer die Wahl, das Richtige zu tun und seinem Gewissen zu folgen, sagte Gauck in Berlin.

Dort besuchte das deutsche Staatsoberhaupt das Museum «Blindenwerkstatt Otto Weidt». Der Bürstenfabrikant Weidt (1883-1947) beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs hauptsächlich blinde und gehörlose Juden. Er versuchte, sie vor der Deportation in die Vernichtungslager zu bewahren.

Gauck nimmt am Jahrestag der Pogrome an diesem Samstag zunächst an einer Gedenkveranstaltung im brandenburgischen Eberswalde teil. Am Abend spricht er in Frankfurt an der Oder vor einem Konzert des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt.

Auch in anderen deutschen Städten wird an diesem Wochenende an den Nazi-Terror erinnert und der Opfer gedacht. Rund 200 Rabbiner aus ganz Europa kommen zudem in Berlin zusammen.

mw/sda

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