Spanier schreiten zum Boykott

Katalonien

Die spanischen Verbraucher reagieren auf den Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens. 23 Prozent der Spanier kaufen keine Produkte mehr aus der rebellischen Region. Auch die Firmenabwanderung dauert an.

Einst war Barcelona Hauptstadt einer boomenden Region. Heute wird Katalonien zunehmend boykottiert.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Einst war Barcelona Hauptstadt einer boomenden Region. Heute wird Katalonien zunehmend boykottiert.

(Bild: Keystone)

Die Fiestas an Weihnachten und Silvester sind auch in Spanien eine Zeit des erhöhten Sektkonsums. Der kommt üblicherweise aus Katalonien. In diesem Jahr suchen die Spanier beim Einkauf zunehmend Sprudelflaschen aus anderen Landesteilen. Der Grund: Katalanische Waren werden zunehmend boykottiert.

Nach Erhebungen des Reputation Institute haben 23 Prozent der Spanier – ohne Katalonien – aufgehört, katalanische Produkte zu kaufen. Zudem tragen sich 21 Prozent mit dem Gedanken, das in Zukunft zu tun. Als Grund nennt das weltweit tätige Institut in seinem Bericht die «Auswirkungen der separatistischen Herausforderung auf den Ruf der ­katalanischen Unternehmen».

Grosse Ablehnung

Würde die Region tatsächlich unabhängig von Spanien, also eine eigenständige Republik Katalonien, dann wären die Auswirkungen noch schlimmer. 40 Prozent der in Katalonien produzierten Waren gehen in den Rest Spaniens. In diesem Fall würden die Spanier, wieder ohne die katalanische Bevölkerung, die Produkte Kataloniens zu 49,1 Prozent boykottieren, so die Studie. Das würde einen Verlust von 20 Milliarden Euro (23 Milliarden Franken) für die Produzenten in der Region ausmachen, wie der für Spanien und Lateinamerika zuständige Direktor des Instituts, Enrique Johnson, mitteilte.

Von den verbleibenden 50,9 Prozent sind 15,4 Prozent unsicher, was ihr künftiges Kaufverhalten betrifft. Nur 35,5 Prozent lehnen einen wirtschaftlichen Boykott Kataloniens ab. Allerdings ergab die Studie auch, dass nur 24 Prozent der Spanier ausserhalb Kataloniens in der Lage sind, die Herkunft der Produkte aus Katalonien korrekt festzustellen, mehr als 40 Prozent können das gar nicht und der Rest nur ungefähr.

Den Wegzug von Firmen aus Katalonien seit dem Referendum zur Unabhängigkeit am 1. Oktober finden 77,5 Prozent der Spanier (wieder ohne Katalanen) gut. Und der Exodus der Firmen hält ungebrochen an. Nach den Daten des Handelsregisters waren es vom 1. Oktober bis zum 8. November 2276 Unternehmen.

Darunter sind fast alle grossen und börsennotierten Unternehmen. Von den 7 bisher in Katalonien ansässigen Firmen, die im Madrider Ibex 35 gelistet sind, ist nur der Pharma- und Chemiekonzern Grifols in Barcelona geblieben. Allein der Wegzug von 62 Grossunternehmen bedeutet einen Verlust von 11,5 Millionen Euro im katalanischen BIP oder 6,4 Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung.

Modebranche im Minus

Klagen sind auch aus der katalanischen Modebranche zu hören. Im September hatten die Verkäufe dort noch steigende Zahlen ­erreicht. Seit Oktober ist der Verkauf allerdings nach Angaben des Fachverbandes Acotex stark rückläufig, trotz des im Herbst sonst anstehenden Wechsels von der Sommer- zur Herbst- und Winterkleidung. Acotex repräsentiert unter anderem die führenden Modeverkäufer wie Inditex, El Corte Ingles und H & M. Der Rückgang in der Branche liegt bei 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Nicht allein die Firmensitz­verlagerungen – weg von Katalonien – machen der einst so wirtschaftsstarken Region zu schaffen. Es werden angesichts der politischen Krise auch weniger Firmen neu gegründet. Im Jahresvergleich ist die Gesamtzahl der Unternehmensgründungen um 26,6 Prozent zurückgegangen, deutlich mehr als im nationalen, ebenfalls rückläufigen Durchschnitt von 9,2 Prozent. Madrid, das Barcelona den Spitzenplatz als Wirtschaftsstandort schon vor der Krise knapp ab­gelaufen hatte, legt dagegen zu. 1563 Neugründungen wurden hier registriert, ein Plus von 10,5 Prozent im Jahresvergleich.

Berner Zeitung

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