Sightseeing in der Hoffnungslosigkeit

Es gibt Experten, die sagen, Kosovo sei als Land gescheitert. Zu Tausenden verlassen die Menschen die jüngste Nation Europas. So erlebt ein Tourist Kosovo.

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Dominik Galliker@DominikGalliker

Im Flughafen kommt ein Taxifahrer auf uns zugestürmt. «Pristina, Pristina», ruft er, harte Züge, ein Hemd wie eine Fahne. Er hastet voraus zu seiner rostigen Karre, die er auf dem Pannenstreifen der Autostrasse abgestellt hat. 18 Kilometer lang ist die Fahrt ins Zentrum der jüngsten Hauptstadt Europas. Zu dem Platz, auf dem am 17. Februar 2008 Tausende Kosovaren die Abspaltung von Serbien feierten.

Der Taxifahrer lacht, als wir fragen, ob es nicht illegal sei, ohne Lizenz zu fahren. «We are in Kosovo», meint er nur. Dann kramt er im Handschuhfach, reicht einen Studentenausweis nach hinten. Sport habe er studiert. Und nun wolle er eigentlich als Sportlehrer arbeiten. Aber die Lage sei halt schwierig. In Kosovo beträgt die Arbeitslosigkeit 50, je nach Quelle sogar 70 Prozent.

Raki und wackelige Betten

Die Übernachtung im Hostel kostet 13 Euro. Für Touristen ist das Land billig – selbst für den Balkan. Dafür funktioniert im oberen Stock die Spülung nicht, die Kajütenbetten wanken wie ein Boot im Meer.

Eine Volontärin zeichnet die Sehenswürdigkeiten auf einer Karte ein. Ein paar Museen und Parks. Bars, die guten Raki verkaufen. Den «Bill Klinton»-Boulevard. Und ein Monument aus den Buchstaben «Newborn» – das aktuell etwas zynisch wirkt.

Die Gewalt ist grösstenteils aus dem Kosovo verschwunden. Mit ihr aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Jeder Dritte lebt hier mit weniger als zwei Franken pro Tag. Experten wie Andrea Capussela, der frühere Leiter der Wirtschaftseinheit der EU-Rechtshilfemission, halten Kosovo für gescheitert.

Leuchtreklamen und Soldaten

Stetig fliesst der Verkehr über den Bulevardi Deshmoret e Kombit. Die Hauptachsen in Pristina sind eingerahmt von verblichenen Leuchtreklamen. Pristina ist die Hauptstadt, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich und kulturell. Hier laufen die Verkehrsstränge zusammen, hier haben Banken und Telecomfirmen ihren Sitz. Der Tourismus aber, der liegt grösstenteils brach.

Denn nein, schön ist Pristina nicht. Mercedes weichen den Schlaglöchern aus, am Strassenrand sitzt ein Mann vor einer Personenwaage – einmal wägen kostet fünf Cents. Im Laden kaufen Soldaten der KFOR, der Nato-Truppe Kosovo Force, einen Caramelkuchen, auf dem Rummelplatz fährt ein einzelnes Mädchen auf der Drachenbahn, deren Räder bedrohlich wackeln. Wenn schon, dann ist die Stadt von einer interessanten Hässlichkeit.

Wir nehmen den Fernbus Richtung Süden. Während der Fahrt laufen Musikvideos auf einem winzigen Fernseher. Alte Männer singen, und junge Frauen haben wenig an. Draussen zieht eine hüglige Landschaft vorbei, das Gras ist trocken und gelb.

Gässchen und Auswanderer

Unser Ziel ist Prizren, eine Stadt, welche nahe der albanischen Grenze liegt. Prizren ist zerschnitten von einem Fluss. Das Wasser und die zahlreichen Brücken, welche an die Zeit des Osmanischen Reiches erinnern, verleihen der Stadt Ruhe. Die Häuser der Altstadt sind klein und alt, die Backsteingässchen eng. Die teure Bijouterie steht direkt neben einer verlassenen Lotterbude mit eingeschlagenen Fenstern – Gegensätze liegen im Kosovo nahe beieinander.

Sechs Jahre nachdem die Kosovaren die Unabhängigkeit feierten, hat der Exodus begonnen. Seit dem Winter 2014 läuft dem Land seine Jugend davon. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres verliessen 80'000 Menschen Kosovo – anteilsmässig ist das, als käme der Schweiz innert sechs Monaten das Tessin abhanden. Sie reisen illegal nach Ungarn und von dort in die Schweiz oder nach Deutschland. Auf der Suche nach einer Zukunft.

Muezzins und Helikopter

Ein schmaler Weg führt nach oben zur Festung, die über der Altstadt von Prizren thront. Die Sonne brennt. Eine Frau in High Heels posiert fürs Foto neben einer Kanone. Von den Mauern aus hat man einen Überblick über die Stadt. Hunderte kleiner Häuser, die kreuz und quer angeordnet sind, dazwischen ragen Minarette in die Höhe.

Eine Stadt mitten im Grünen, dahinter der Mount Pastrik. Am Mittag legt sich der Gesang der Muezzins über Prizren, durchmischt sich mit dem Dröhnen eines Helikopters der KFOR-Truppen.

Es sind solche Störgeräusche, die Kosovo für Touristen interessant macht. Es ist nicht so, dass Prizren nicht schön wäre. Doch schöne Städte gibt es im Balkan viele, zum Beispiel Ulcinj oder Kotor an der Küste Montenegros. Was Prizren von diesen Städten unterscheidet, ist ihr authentischer Alltagsbetrieb. Wer Kosovo bereist, der sollte vor allem eines tun: Sich hinsetzen und beobachten.

In einem der vielen Cafés in der Altstadt lassen wir den Menschenstrom an uns vorbeiziehen. Ein Bub hält uns einen Sack Haselnüsse hin. «Please, one Euro, please, one Euro», wiederholt er pausenlos, alles Abwehren nützt nichts.

Erst der Kellner kann ihn verscheuchen. Er stellt zwei Cappuccini auf den Tisch. Bei jenem für die Frau ist ein Smiley in den Schaum gezeichnet, bei jenem für den Mann ein Herz. Im Hintergrund grinst der Barkeeper breit. Er hätte es andersrum vorgesehen gehabt.

Berner Zeitung

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