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Schlägereien und Schüsse nach der Essensausgabe

Bei Zusammenstössen zwischen Flüchtlingen sind in Calais mehr als 20 Menschen verletzt worden.

Gewalt unter Flüchtlingen: Mehrere Personen erlitten lebensgefährliche Schussverletzungen. Video: Tamedia/AP

«Die Gewalt hat ein bisher unbekanntes Ausmass erreicht», stellte Frankreichs Innenminister Gerard Collomb fest, als er am Donnerstagabend im Helikopter nach Calais flog. Vier junge Männer ­rangen dort von Kugeln getroffen mit dem Tod. Insgesamt 21 Verletzte mussten am Donnerstagnachmittag in Spitäler gebracht werden, Flüchtlinge, Migranten und zwei Polizisten. Viele hässliche Szenen hat die Hafenstadt in den vergangenen zwei Jahren erlebt, weil sie Anlaufpunkt jener ist, die hoffen, von dort irgendwie nach Grossbritannien zu gelangen. Aber Schüsse in eine Menge waren bisher nicht gefallen.

Afghanen und Eritreer sind aufeinander losgegangen, und einer feuerte eine Waffe ab. Vermutlich hätten Schleuser geschossen, sagte der Minister, denn Flüchtlinge besässen keine Waffen. Wäre die Polizei nicht eingeschritten, so Collomb, wäre es noch schlimmer ausgegangen. Die Lage für die Bürger in Calais nannte er unerträglich.

Zwischen Eritreern und Afghanen kommt es in und um Calais immer wieder zu Konflikten. Foto: Keystone, AP
Zwischen Eritreern und Afghanen kommt es in und um Calais immer wieder zu Konflikten. Foto: Keystone, AP

Die Welle der Gewalt begann bei einer Essensausgabe für Migranten, die vor allem Afghanen nutzen. Was eine Prügelei zwischen etwa 100 Afghanen und 30 Eritreern, die mehr als eine Stunde dauerte, ausgelöst hatte, ist unklar. Doch offenbar sprach sich die Tragödie unter Migranten schnell herum. Wenig später machten sich im Städtchen Marck, fünf Kilometer von Calais entfernt, etwa 100 Eritreer daran, mit Eisenstangen und Stöcken auf Afghanen loszugehen. Dann gingen die Prügeleien erneut in Calais weiter. Hunderte Polizisten waren im Einsatz.

Wilde Camps unter Brücken

Calais war aus den Schlagzeilen verschwunden, seit Frankreichs Regierung dort Ende Oktober 2016 mit Polizei­gewalt den «Dschungel» räumen liess, die berüchtigte Siedlung aus Zelten und Hütten, in der bis zu 10'000 Flüchtlinge unter desaströsen Umständen hausten. Aber es kamen noch immer Flüchtlinge, die um jeden Preis auf die andere Seite des Ärmelkanals wollen. Die Polizei versucht zu verhindern, dass neue Camps entstehen. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, und Schleuser spielen mit. Immer wieder gibt es Zusammenstösse.

Etwa 800 Flüchtlinge und Migranten hielten sich derzeit in und um Calais auf, schätzen Hilfsorganisationen, Behörden gehen von 500 bis 600 aus. Es gibt etwa 200 staatliche Unterkünfte, in denen die Leute zehn Tage bleiben können. Hunderte campieren im Gebüsch, unter Brücken. Helfer verteilen Schlafsäcke, Mahlzeiten, bieten Waschgelegenheiten, aber die Umstände sind extrem. Und wegen erhöhter Sicherheitsmassnahmen sind die Chancen der Migranten schlechter denn je, in den Fährhafen zu gelangen oder auf einen der Lastwagen, die in Calais in den Eurotunnel einfahren.

Die Spannungen seien so hoch, dass jede Kleinigkeit eine Eskalation auslösen könne.

Die Spannungen seien so hoch, dass jede Kleinigkeit zwischen den Migranten – fast alles junge Männer – eine Eskalation auslösen könne, sagte ein Mitarbeiter einer katholischen Hilfsorganisation einer lokalen Zeitung. «Hinter all dem steht oft die Logik eines Kriegs um Gebiete zwischen den Gruppen.» Offenbar rivalisieren Schleuser um die strategisch besten Plätze für Migranten. Dabei sind die Aggressionen zwischen Afghanen und Eritreern besonders gross. Frankreichs Innenminister Collomb sagte in Calais, wer sich dort aufhalte, suche die Illegalität, denn jeder fände Platz in Aufnahmezentren. Von Calais gelange man nicht nach Grossbritannien. Collomb appellierte auch an Hilfsorganisationen, vor allem jene, die sich geweigert hatten, Präsident Emmanuel Macron zu treffen, als der Mitte Januar in Calais war. Sie sollten angesichts der Ereignisse überlegen, ob es richtig sei, Flüchtlinge am Staat vorbei zu verpflegen, weil es dort zur Störung der öffentlichen Ordnung komme. Die Behörden seien binnen zwei Wochen im Stande, die Menschen mit Essen zu versorgen.

Auch Macron hatte Hilfsorganisationen vorgeworfen, sie würden Migranten «ermutigen, sich in der Illegalität einzurichten, um heimlich auf die andere Seite der Grenze zu gelangen». Natacha Bouchar, Bürgermeisterin von Calais, appellierte an den Innenminister, härter gegen Migranten vorzugehen, die straffällig geworden sind. Im geplanten Immigrationsgesetz müssten Ausweisungen für sie festgeschrieben werden. Fürs Erste soll nun mehr Polizei nach Calais geschickt werden.

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