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Russland rehabilitiert den letzten Zaren und seine Familie

Jetzt ist es amtlich: Die Kommunisten hätten Zar Nikolai II. und seine Familie nicht erschiessen dürfen. Das hat der Oberste Gerichtshof entschieden.

Er ist seit neunzig Jahren tot, aber er geistert immer noch durch Russland: Zar Nikolai II. beschäftigt Historiker, Richter – und die Volksseele sowieso. Seit gestern Freitag ist die Saga um den letzten Imperator und seine Familie um ein Kapitel reicher: Der Oberste Gerichtshof hat den Zaren, dessen Ehefrau und fünf Kinder rehabilitiert. Sie seien unbegründet Opfer sowjetischer Repression geworden, hiess es in dem Urteil.

Die Zarenfamilie war in der Nacht auf den 17. Juli 1918 von den Kommunisten in der Verbannung bei Jekaterinburg im Ural erschossen worden. Bisher hatte die russische Justiz die Tat nicht als politischen Mord, sondern als gewöhnliches Verbrechen bewertet und deswegen eine Rehabilitierung verweigert.

Dass die Richter ihre Meinung gerade jetzt änderten, dürfte kaum Zufall sein: Russland sucht derzeit verstärkt nach einer neuen Identität – und findet sie in einer Mischung aus Sowjetnostalgie und Wiederkehr des Zarenkults.

Leichen mit Säure übergossen

Zar Nikolai II. und seine Familie übernehmen dabei die Rolle des medialen Dauerbrenners: Mit Spannung verfolgt wird vor allem die wissenschaftliche Arbeit an zwei Skeletten, welche im Sommer 2007 in einer Feuergrube in der Nähe von Jekaterinburg entdeckt wurden. Dabei soll es sich um die sterblichen Überreste der Zarenkinder Alexei und Maria handeln. Die Identifizierung bleibt aber trotz DNA-Analysen schwierig: Um die adligen Leichen unkenntlich zu machen, waren sie von den Kommunisten mit Säure übergossen und angezündet worden.

Einfacher gestaltet sich die Umdeutung der historischen Rolle von Nikolai II. Die orthodoxe Kirche hat den letzten Zaren der Romanow-Dynastie schon im Jahr 2000 heilig gesprochen. Inzwischen arbeitet auch das staatliche Fernsehen fleissig am Image des adligen Herrschers: «Nikolai II. hat eine konsolidierende Bedeutung für unsere Zivilgesellschaft», säuselten kürzlich die Macher einer historischen Sendung. Die Verfasser eines neuen Geschichtsbuches rechtfertigen derweil den Reformstau, der unter Nikolai II. geherrscht hatte. Der Zar habe sich gegen sämtliche Veränderungen gewehrt, weil «jede Schwächung der Machtvertikale das Land in eine Katastrophe geführt hätte», heisst es in dem Werk.

Konkrete Folgen hat der gestrige Gerichtsentscheid keine. Das russische Gesetz sieht zwar vor, dass die Familien von Rehabilitierten eine staatliche Entschädigung erhalten. Zudem haben sie das Recht, an ihren früheren Wohnort zurückzukehren. Der Winterpalast in St. Petersburg, einst Zarenresidenz und heute Museum, wird aber nicht wieder zum Wohnhaus: Das Recht auf Schadenersatz gilt nur für Verwandte in direkter Linie, und solche gibt es nicht mehr.

Entfernte Angehörige des Zaren dagegen melden sich immer wieder zu Wort. So auch nach dem gestrigen Urteil: «Wir können den Gerichtsentscheid nur begrüssen», sagte ein Mitarbeiter des Hauses Romanow. Dadurch werde «die historische Kontinuität des tausendjährigen russischen Staates» gestärkt.

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