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Nur noch Alkohol und Babynahrung

Der russische Importstopp für Nahrungsmittel aus dem Westen stellt die Grossstädte vor erhebliche Probleme.

Strafe für das eigene Volk: Die russische Landwirtschaft kann die Nachfrage im eigenen Land nicht befriedigen.
Strafe für das eigene Volk: Die russische Landwirtschaft kann die Nachfrage im eigenen Land nicht befriedigen.
Keystone

Regierungschef Dmitri Medwedew bemühte sich, den Importstopp als Chance darzustellen. «Ich bin sicher, dass wir die Lage zu unserem Vorteil wenden können», sagte er auf der Kabinettssitzung. Die Massnahmen würden «die Regale in den Geschäften praktisch für Waren unserer Hersteller frei machen». Zwar müssten russische Landwirte noch einiges tun, um aufzuholen, doch gerade deshalb sollten sie «diese einzigartige Chance nicht verstreichen lassen».

Dabei will die Regierung sie mit etwa einer Milliarde Euro unterstützen. Viel Zeit haben sie für die Aufholjagd allerdings nicht. Der Importstopp gilt per sofort und soll ein Jahr dauern. Das könne aber überdacht werden, «falls unsere Partner ein konstruktiveres Verhalten demonstrieren», sagte der Premier an die Adresse der westlichen Regierungen gerichtet. Russlands EU-Botschafter Wladimir Tschischow wurde konkreter: «Sie werden aufgehoben, sobald die Europäische Union ihre Sanktionen der sogenannten dritten Stufe zurücknimmt.»

Fleisch, Getränke und Milchprodukte

Die russische Landwirtschaft ist derzeit nicht in der Lage, die Nachfrage im Land zu befriedigen. Die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten ist in der Regierungszeit Wladimir Putins sogar stark gestiegen. Berechnungen des Moskauer Instituts für komplexe strategische Studien zufolge hat sich der Import von Lebensmitteln und Agrarprodukten zwischen den Jahren 2000 und 2013 mehr als versechsfacht – von etwa 5,2 Milliarden Euro auf über 32 Milliarden. Den grössten Anteil daran haben Fleisch, Getränke und Milchprodukte. Im vergangenen Jahr lieferten EU-Länder Fleisch im Wert von 1,6 Milliarden und Milchprodukte im Wert von fast 1,5 Milliarden Euro nach Russland. Alkoholische Getränke sowie Babynahrung sind von dem Importverbot ausgeschlossen.

Zudem wird der russische Luftraum für ukrainische Fluggesellschaften gesperrt, ein Entzug der Überflugrechte für europäische Airlines auf dem Weg nach Asien wird erwogen. Möglich seien zudem «Schutzmassnahmen im Flugzeug- und Schiffbau sowie in der Automobilindustrie». Sollte Paris also unter dem Druck anderer europäischer Regierungen sowie der USA die bestellten Mistral-Hubschrauberträger doch nicht liefern, wäre das wohl für die europäische Industrie der letzte Auftrag aus Moskau.

Import ist billiger und besser

Der russische Verband für Verbraucherschutz hatte bereits am Mittwoch davor gewarnt, dass Sanktionen gegen ausländische Lebensmittel die Versorgung im Land deutlich verschlechtern würden. Einheimische Hersteller seien nicht in der Lage, die Lücke zu füllen, hiess es in einer Erklärung. Ihre Produkte seien erstens meist teurer, entsprächen zweitens oft nicht den Normen, und drittens könnten die Produzenten nicht mit der erforderlichen Zuverlässigkeit liefern. Steigende Preise bereiten den russischen Verbrauchern bereits jetzt Sorgen. Die Inflationsrate liegt über sieben Prozent, nun könnten noch einmal ein bis zwei Prozentpunkte dazukommen.

Wenn der Importstopp für Westwaren auch nicht gleich sowjetische Verhältnisse in den Geschäften zurückbringen wird – den sowjetischen Witz zumindest hat er zurückgebracht. Blogger veröffentlichten Bilder von leeren Regalen und langen Schlangen vor Milch- und Fleischtheken aus der Endzeit der Sowjetunion und den frühen 90er-Jahren. «Als Zeichen des Protests gegen die Sanktionen des Westens hat die russische Regierung einen Hungerstreik angekündigt», schrieb Tichon Djadko, ein Moderator des liberalen Fernsehsenders Doschd, auf Twitter. Rustem Adagamow, einer der bekanntesten Blogger des Landes, veröffentlichte ein Rezept, wie man selbst aus Reis Milch herstellen kann. Und Georgi Alburow, ein Mitarbeiter der Stiftung für den Kampf gegen Korruption, fragte: «Warum sind die Sanktionen des Westens gegen die Freunde Putins gerichtet, aber die Russlands – gegen die eigenen Bürger?»

Allerdings gehören die Blogger zu jener urbanen Mittelschicht, die von den Importverboten am stärksten getroffen wird. In die Provinz indes dringen die Importwaren nur in geringem Umfang vor, da Infrastruktur und Logistik nach wie vor zu schwach entwickelt sind. Dort ist die Unterstützung für den Regierungskurs gross, durch den Importstopp wird sich für die Menschen im Alltag wenig ändern, und viele vertreten dort die Ansicht, es sei höchste Zeit gewesen, auf die «Erpressungen» des Westens endlich zu reagieren.

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