Nur der Hass zählt

Italiens Innenminister Salvini hetzt gegen Roma und Sinti. Er will sie zählen lassen, sie registrieren wie in düstersten Zeiten. Etwa jene im Campo River in Rom.

Alte Wohnwagen, Baracken, Container, kleine Behelfshütten am Tiber: Roma im Campo River in Rom. Foto: Alberto Pizzoli (AFP)

Alte Wohnwagen, Baracken, Container, kleine Behelfshütten am Tiber: Roma im Campo River in Rom. Foto: Alberto Pizzoli (AFP)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Da vorne hört die Welt auf. An der Via Tenuta Piccirilli, im Norden Roms, es ist eine Sackgasse. Gesäumt wird sie von stillen Fabriken, einem Autofriedhof und einer langen Reihe verkohlter Mülltonnen. Danach kommt der Tiber, braun und dreckig. Manchmal fischen die Roma und Sinti in der Brühe, viel gibt der Fluss aber nicht her. Sie leben hier, am Ende der Strasse, in alten Wohnwagen, Baracken, Containern, kleinen Behelfshütten. «River Village», steht auf einem grossen Schild über dem Eingangstor. So hiess der Ort einmal, als er eine Ferienanlage war, ein Camping, lange her. Es sieht aus wie die kaputte Kulisse aus einem alten Western. Und rundherum, wie hingewürfelt, die Container und Baracken. Der Ort ist jetzt ein Abstellplatz für 420 Menschen, die nirgends willkommen sind. Die Zeitungen nennen es «Campo River». Aber auch von hier, vom Camp am Fluss, müssen diese Menschen bald weg. 

Ein feuchter Sommernachmittag, 32 Grad. «Setzen Sie sich ruhig zu uns in den Schatten», sagt Luciana, sie ist dreissig. Ihre Meinung sage sie gern, der volle Name aber soll nicht in die Zeitung. Warum nicht? Sie schüttelt den Kopf. Die junge Rumänin sitzt in einem langen, grünen Kleid vor ihrem Wohnwagen, die Beine über Kreuz. Leere Plastiktüten und Papierfetzen treiben im Wind, es riecht nach frittiertem Ölfett. Vom Tiber wabert modriger Geruch herüber. Aus einem Wohnwagen dröhnt Balkan-Pop mit viel zu viel Bass, aber das stört niemanden.

Ein kleiner Trump 

«Sie kommen wegen Salvini, nicht wahr?», sagt Luciana. «Ach, dieser Salvini ist ein kleiner Trump, echt, der will wie Trump sein.» Ihr Italienisch ist fast perfekt, nur einige Wortendungen passen nicht zusammen. Sie sei eben schon lange da, sagt Luciana. Das halbe Leben lang, fünfzehn Jahre, immer im «River». Ihre drei Kinder hat Luciana in Rom zur Welt gebracht. Der Erstgeborene ist jetzt vierzehn, er sitzt neben der Mutter, schaut sehr gelangweilt, sagt kein Wort. «Italia è casa», sagt Luciana. Italien sei ihr Zuhause. Wenn sie nach Rumänien fahre, zu ihrer Mutter nach Calarasi, bekomme sie immer Heimweh nach dem «River».

Die ersten paar Einheiten im hinteren Teil des Camps hat die römische Stadtverwaltung schon zerstört. Mit einem Bagger sind sie gekommen, wie Matteo Salvini das gefällt. Alte Öfen und Kühlschränke stehen noch herum. In einigen Tagen soll das Campo ganz verschwinden. «Es ist tragisch», sagt Luciana. Salvini will alle Camps der Roma und Sinti in Italien wegräumen lassen, die offiziellen und die wild gewachsenen. Bulldozern, wegbaggern, plattmachen. Das ist eines seiner grossen Ziele. Er wiederholt es seit Jahren und bei jeder Gelegenheit. Die Macht dazu liegt aber bei den Stadtverwaltungen. Salvini will die Roma und Sinti Italiens auch zählen lassen, es sind etwa 140’000. «Früher hätte man das einen Zensus genannt», sagte Salvini im Fernsehen. «Aber das darf man heute ja nicht mehr sagen, also nennen wir es ein Personenregister oder eine Bestandsaufnahme.»

Man wies ihn darauf hin, dass eine solche Zählung nach ethnischen Kriterien verfassungswidrig sei, dass sie an düsterste Zeiten im vergangenen Jahrhundert erinnere, als die Nazis die Roma und Sinti registrierten, sie verfolgten und vergasten. Wie die Juden. Doch die Einwände kümmerten ihn nicht, Hetze ist sein Programm. Am Liebsten würde Salvini alle Roma aus dem Land werfen. Er sagte: «Die Italiener unter ihnen müssen wir leider behalten.»

Es ist ein ständig schwelendes Feuer, und Salvini bläst nun mächtig Luft rein.

«Ich bin Europäerin», sagt Luciana. Sie gehöre nach Europa. «Wo will er mich denn hinbringen?» Bis zur Geburt ihres jüngsten Kindes vor zwei Jahren arbeitete sie als Haushälterin bei einer italienischen Familie, daneben putzte sie eine Kirche an der Via Cassia. «Beides mit Vertrag», sagt sie, es ist ihr wichtig, alles nach Gesetz. Seit die Kleine auf der Welt ist, arbeitet nur noch ihr Mann. «Er heuert auf Baustellen an, macht Arbeiten, für die sich die Italiener zu schade sind», sagt Luciana. Für 20 Euro am Tag und ein Panino. «Aber wir klagen nicht.»

Etwa die Hälfte der Roma und Sinti in Italien sind italienische Staatsbürger, manche von ihnen sind es seit vielen Generationen schon. Von der anderen Hälfte stammen etwa achtzig Prozent wie Luciana aus Ländern der Europäischen Union. Und der Rest? Sie flüchteten einst aus Jugoslawien, vor allem aus dem heutigen Bosnien, aus Mazedonien und Montenegro, als der Staatenbund im Krieg auseinanderfiel. Viele von ihnen sind deshalb staatenlos, sie können nicht repatriiert werden, wohin auch? Zieht man also von den 140’000 Roma im Land alle ab, die legal in Italien leben, bleiben noch einige Hundert übrig, die Salvini tatsächlich ausweisen könnte. Vielleicht sind es 200, vielleicht 300.

«Sein Gepolter ist reine Propaganda», sagt Carlo Stasolla, der Präsident der Vereinigung Articolo 21 Luglio. Seit dreissig Jahren setzt sich Stasolla für die Minderheit ein, zählt Diskriminierungen, klärt die Bevölkerung auf über hartnäckige Vorurteile und über Missverständnisse. Es gehe Salvini doch nur darum, den Hass gegen die Roma zu schüren, sagt er. Und das geht in Italien ganz einfach. In keinem anderen Land der Welt, das ergab eine internationale Studie, ist die Intoleranz gegenüber Roma und Sinti grösser als hier. Mehr als achtzig Prozent der Italiener sagen, sie hätten ein Problem mit ihnen. Der Wert ist konstant und deutlich höher als in anderen Ländern Europas, in denen zwei- oder dreimal so viele Roma leben wie in Italien.

Salvini bläst Luft ins Feuer

Der Grund dafür, sagt Stasolla, liege in einer dramatischen Fehlleistung der italienischen Politik in den Neunzigerjahren. Damals, nach dem Fall der Berliner Mauer und später nach dem Kollaps Jugoslawiens, kamen Zehntausende Roma und Sinti nach Italien. Die Italiener hielten sie für Fahrende, obwohl die allermeisten schon lange keine mehr waren, und siedelten sie in Camps an, also auf Zeit. Auch linke Regierungen dachten, sie würden die Menschen schützen, wenn sie ihnen das Leben in Wohnungen und Häusern ersparten. «So entstanden die Ghettos am Rand der Städte. Natürlich wuchs da auch die Kriminalität», Stasolla. Und mit ihr die pauschale Verschmähung aller Roma und Sinti als Diebe und Bettler, als Parias. Es sei ein Teufelskreis. Ein ständig schwelendes Feuer, und Salvini bläst da mächtig Luft rein, damit es wieder brennt.

Das «River» war eines dieser Camps, vom Staat eingerichtet und finanziert. Neben den offiziellen Camps gibt es auch viele spontane Lager, ohne Wasser und Strom. Man findet sie unter Hochstrassen, an Autobahnkreuzen, an Bahnlinien. Man nennt sie «kleine Kalkuttas». In keiner anderen Stadt Italiens gibt es mehr von diesen Armenvierteln als in Rom.

Neue Hoffnung gab es mit Virginia Raggi, der Bürgermeisterin von den Cinque Stelle. Als die junge Anwältin vor zwei Jahren an die Macht kam, versprach sie den Roma ein besseres Leben, integriert in die Gesellschaft, ausserhalb der Ghettos. Die Stadt bot den Roma an, mit monatlichen Zuschüssen zu helfen, 800 Euro pro Familie. Sie müssten dafür nur eine Wohnung finden, mit Mietvertrag.

«Es ist wie im Krieg»

«Das war wie ein Witz», sagt eine Tante Lucianas, die bis jetzt still zugehört hat. «Wer gibt uns Zigeunern schon eine Wohnung?» Im vergangenen Herbst lief die Frist ab, nur vier Familien hatten etwas gefunden. Raggis Modellfall «River» verkam zum Flop, die Stadt zog sich zurück. Seitdem leben die meisten ohne Strom. Wasser? Es wird jeden Morgen angeliefert, um 9.30 Uhr. Der Tankwagen hält draussen vor dem Tor. «Es ist wie im Krieg», sagt Bacio. Er ist Mitte fünfzig, trägt ein ärmelloses Shirt, einen grauen Bart, auch er ist Rumäne, aus Craiova. Er sagt, im Kampf um das Wasser denke jeder nur an sich, und verschränkt die Arme vor der Brust.

Bacio ist das italienische Wort für Kuss, so lässt er sich rufen, das muss reichen. Er ist die gute Seele des Camps. Die Kinder scharen sich jetzt um ihn: «Ist etwas passiert, Bacio?», fragt ein Mädchen. Er sagt: «Nein, nein, wir reden nur übers ‹River›. Lauf!» Man hält hier zusammen, viele kommen aus derselben Ecke in Rumänien. Unter einer Pinie spielen vier Männer Karten, oder wenigstens tun sie so. Sie hören natürlich alle hören zu, was Bacio erzählt. Einer ruft dazwischen: «Matteo Salvini? Der ist wie Heil Hitler.» 

In Rom lebt Bacio seit zehn Jahren, er baut Bühnen auf für Rockkonzerte. Wenn es keine Aufträge gibt, stellt er sich einfach an die nächste Ampel, als Tagelöhner. Die Italiener seien keine Rassisten, sagt Bacio, nicht mehr als andere jedenfalls. Und dann sagt Bacio etwas, was man nicht erwartet. Salvinis Idee, die Roma zu zählen, sagt er, sei am Ende vielleicht gar nicht so schlecht. So würde man wenigstens genau wissen, wer wo lebe. Das schütze auch sie, die rechtschaffenen Roma: «Stell dir vor, da kommt ein ferner Vetter aus Frankreich, der dort Schlimmes angestellt hat, und taucht hier unter. Gäbe es ein Register, könnten wir beweisen, dass der mit uns nichts zu tun hat, dass der nicht im ‹River› lebt.» Das Problem sei nämlich, dass sie, die Roma, immer alle in einen Topf geworfen würden. Gut möglich, dass sich Bacio unter dem Register etwas anderes vorstellt als Salvini. Und jetzt, wo gehen sie alle hin, wenn das Camp weggeräumt wird? Was wird aus den vielen Kindern, wenn sie an einen Ort kommen, an dem es keinen Schulbus gibt wie hier? Manche haben das Angebot der Stadt angenommen und ziehen in eine Sozialwohnung. Doch viele wollen das gar nicht, sie fürchten, dass die Trennung ihren Zusammenhalt schwächt. Ihre ganze Stärke.

Tages-Anzeiger

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