Nach der Flucht kommt die Kälte

Seit März letzten Jahres gilt die Balkanroute offiziell als abgeriegelt, doch noch immer sind Tausende von Flüchtenden unterwegs. Nicht nur die Kältewelle in Südosteuropa macht ihnen auf ihrer lebensgefährlichen Odyssee zu schaffen.

Obwohl die Balkanroute seit einem Jahr geschlossen ist, sind immer noch viele Tausende Flüchtende unterwegs: bei eisiger Kälte.

Obwohl die Balkanroute seit einem Jahr geschlossen ist, sind immer noch viele Tausende Flüchtende unterwegs: bei eisiger Kälte. Bild: Keystone

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Endlich ist auch diese eisige Nacht ohne Schlaf vorbei. Fahles Winterlicht fällt durch die klaffenden Löcher im Dach des herunter gekommenen Hangars unweit des Belgrader Bahnhofs. An kokelnden Feuern suchen sich Dutzende übernächtigter Gestalten in dem wilden Flüchtlingslager still und benommen aufzuwärmen.

Auf minus 15 Grad waren die Temperaturen in der Nacht zuvor in Serbiens Hauptstadt gesackt. Er habe sich in alle seine Kleider und in drei Decken gehüllt, berichtet der 21-jährige Wirtschaftsstudent Ibrahim aus der afghanischen Provinz Paktia: «Es nutzte nichts – und war unerträglich. Selbst Tiere würden das kaum überleben.»

Menschen erfrieren

Die am Vorabend von einer Hilfsorganisation installierten Heizluftgeneratoren haben nur «noch mehr kalte Luft» in die Halle geblasen, in der rund 300 Menschen auszuharren versuchen.

Mit zitternder Stimme berichtet der Mann mit dem lila Schal über die nächtlichen Frostschrecken: «Irgendwann fühlst Du Deinen Körper nicht mehr, weisst Du nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war, kannst Du Dich nicht mehr erinnern, wann und was Du zum letzten Mal gegessen hast. Das ist der Zustand meiner Seele, meines Lebens. Ich fühle mich leer – und weiss nicht mehr weiter.»

Erneut sind am Wochenende zwei irakische Flüchtlinge in einem bulgarischen Wald unweit der Grenze zur Türkei erfroren: Schon an Neujahr hatte die Polizei im südbulgarischen Dorf Radinowo die Leiche einer erfrorenen Frau aus Somalia aufgefunden. Doch nicht nur die grimmige Kälte macht den unerwünschten Grenzgängern auf der sogenannten Balkanroute zu schaffen.

Vor Jahresfrist wurden die in Richtung Westeuropa ziehenden Flüchtlingen noch von einem Heer von Hilfsinstitutionen eskortiert. Doch statt Mitgefühl schlägt ihnen bei den Anrainern der seit Frühjahr weitgehend abgeriegelten Route vermehrt Gleichgültigkeit oder gar offene Feindseligkeit entgegen.

Die verschärfte Gangart der Polizei geht auch in Serbien vermehrt mit illegalen Abschiebungen über die grüne Grenze gepaart.

Flüchtlinge warten auf den Morgen

Die züngelnden Flammen in der düsteren Halle vermögen die schneidende Kälte kaum zu vertreiben. Er sei 21 Jahre alt, berichtet der fröstelnde Rohit. Doch seine Odyssee hat das gezeichnete Gesicht des Afghanen früh altern lassen.

Er wolle nach Deutschland, Deutsch habe er schon in der Schule gelernt, sagt der frühere Gymnasiast Rohit. Über Pakistan, Iran, Türkei und Bulgarien sei er vor 45 Tagen nach Serbien gelangt.

In ein offizielles Aufnahmelager wolle er nicht, weil er von Landsleuten gehört habe, die nach ihrer Aufnahme kurzerhand von Serbiens Polizei nach Mazedonien oder Bulgarien deportiert worden seien, erklärt er seinen mehrwöchigen Aufenthalt in dem zugigen Backsteinbau: «Niemand kann in dieser Kälte schlafen. Alle warten auf den Morgen. Doch das grösste Problem bleiben für uns die geschlossenen Grenzen.»

«Nur ein Platz im Leben»

Mit klammen Fingern zeigt Ibrahim beim Abschied auf seinem Handy die Fotos aus seinem glücklicheren verlorenen Leben. Ein junger Mann posiert lächelnd mit der Schwester, den Eltern, Nichten und Neffen vor der Kamera.

Fast niemand seiner Angehörigen sei noch am Leben, sagt er mit gebrochener Stimme. Es seien auch die Amerikaner und die Europäer gewesen, die den Krieg und die Waffen in seine Heimat gebracht hätten – und nun den Flüchtlingen aus Afghanistan die Zuflucht verwehrten: «Ich sah selbst, wie US-Soldaten den Taliban ihre Waffen verkauften.» In der Heimat sei er des Lebens nicht sicher, aber nach sechs Monaten auf seiner entbehrungsreichen Flucht fühle er sich «nur noch schwach»: «Ich habe keinen Plan, weiss nicht wohin. Egal wo - ich will einfach nur einen Platz zum Leben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 12:15 Uhr

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