Muslim, Grüner und EU-Parlamentarier

Magid Magid kam als Flüchtling aus Somalia und vertritt jetzt Grossbritannien in Brüssel – bis zum Brexit.

«Ich ­möchte Immigranten und jungen Leuten eine Stimme geben»: Magid Magid.

«Ich ­möchte Immigranten und jungen Leuten eine Stimme geben»: Magid Magid.

Hans Brandt@tagesanzeiger

«Sei nett, sei kein Arschloch.» Das war sein Motto im Wahlkampf. Magid Magid wird nächsten Monat 30, sein Politikstil ist unkonventionell. Die persönliche Ausstrahlung, aber auch die grüne Welle bei der Wahl zum EU-Parlament haben ihm nun seinen grössten Erfolg gebracht. Als Spitzenkandidat der britischen Grünen wird Magid EU-Parlamentarier. «Ich ­möchte Immigranten und jungen Leuten eine Stimme geben», sagte er.

Weltweit bekannt wurde Magid 2018. Da wurde der Somalier, der als Fünfjähriger nach Grossbritannien ge­kommen war und kein Wort Englisch sprach, zum Bürgermeister von Sheffield ernannt. Ein schwarzer, muslimischer Immigrant, knapp 28 Jahre alt, trug seine goldene Amtskette zu T-Shirt, Doc-Martens-Stiefeln und umgedrehter gelber Basecap. Für das offizielle Porträt balancierte er auf einem Pfeiler im imposanten Treppenhaus des Rathauses.

Mit Mutter und Schwester war Magid aus Somalia geflüchtet, jenem Land, in dem es keinen Staat gibt, wo ­rivalisierende Milizen um die Macht kämpfen. Die kleine Familie landete in einer der ärmsten Gegenden von Sheffield. Die Stadt war einmal ­berühmt für die Qualität ihrer Messer. Aber die glorreichen Zeiten sind längst vorbei. Magid hatte eine harte Kindheit, war Mitglied in Jugendgangs, bekam es mit der Polizei zu tun.

Als Bürgermeister verbot er Donald Trump den Zutritt zur Stadt. Zwar hat er gar nicht die Macht, ein solches Verbot zu verhängen. Aber es machte Magid noch beliebter.

Seine Rettung war sein Fernweh. Er wollte unbedingt auf den Kilimanjaro, den höchsten Berg Afrikas. Dafür arbeitete er, sparte Geld. Als Magid zurückkam, begann er ein Studium der Zoologie, wurde in der Studentenpolitik aktiv, schloss sich der Grünen Partei an. Die gibt es zwar schon seit 1990, doch das britische Mehrheitswahlrecht macht es kleineren Parteien fast unmöglich, gross zu werden. In jedem Wahlkreis gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen, alle anderen gehen leer aus. Im britischen Parlament haben die Grünen eine einzige Abgeordnete. Erfolg­reicher sind sie in der Lokalpolitik. In Sheffield ist Magid Mitglied des Gemeinderats. So kam er zum symbolischen Amt des Bürgermeisters, das reihum unter den Parteien vergeben wird. Als Chef verbot er Donald Trump den Zutritt zur Stadt. Zwar hat der Bürgermeister gar nicht die Macht, ein solches Verbot zu verhängen. Aber es machte Magid noch beliebter.

Die EU-Wahl betrachtete Magid auch als eine Abstimmung über den Brexit. «Brexit hat die Zahl der Hassverbrechen in diesem Land in die Höhe schiessen lassen», sagte er. «Es geht um die Seele Grossbritanniens.» Tatsächlich haben die Pro-Europa-Parteien eine deutliche Mehrheit der Stimmen erhalten. Und die EU-Wahl fand nach dem Verhältniswahlrecht statt: Jede Partei erhielt Sitze im Verhältnis zu der Zahl der Stimmen, die für sie abgegeben wurden. Die britischen Grünen haben ihren Anteil mehr als verdoppelt.

Magid wird im EU-Parlament der Fraktion der Grünen angehören, die ihren Einfluss erheblich vergrössert haben. Sie werden bei der Suche nach Mehrheiten eine wichtige Rolle spielen. Aber wie lange er auf dieser grossen Bühne wird mitreden dürfen, weiss derzeit niemand. Sobald der Brexit umgesetzt wird, müssen auch die britischen Abgeordneten ihr Amt aufgeben.

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