Moderate und proeuropäische Tories treten ab

Dutzende Parlamentarier stellen sich für die Wahlen am 12. Dezember nicht mehr zur Verfügung.

«Order, order!»: Die Künstlerin Andrea Deans hat John Bercow ein temporäres Denkmal gesetzt. Foto: Reuters

«Order, order!»: Die Künstlerin Andrea Deans hat John Bercow ein temporäres Denkmal gesetzt. Foto: Reuters

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

In Westminster hat das grosse Abschiednehmen begonnen. Seit dem Beschluss von Neuwahlen sagen viele Abgeordnete dem Unterhaus Farewell. Rund sechs Dutzend Parlamentarier haben sich zu Beginn des Wahlkampfs entschieden, nach dem 12. Dezember nicht länger auf den grünen Bänken zu sitzen. Einige prominente Minister und Ex-Minister und der inzwischen weltberühmter Speaker des Parlaments gehören zu ihnen.

Im konservativen Lager, bei der Regierungspartei, lässt der Abgang einen deutlichen Trend erkennen. Vor allem moderate Tories, viele proeuropäisch, geben auf. Einige machen kein Geheimnis daraus, dass ihnen die Partei unter Boris Johnson zu scharf nach rechts abdriftet. Ihnen gefällt «die neue Politik» mit ihren populistischen Zügen nicht: Sie finden sich dort nicht mehr daheim.

Johnsons Bruder tritt ab

Zu denen, die man bislang als gemässigte Tories einstufte und die nun gehen, gehören der vormalige De-facto-Vizepremier David Lidington, Ex-Innenministerin Amber Rudd und die frühere Bildungsministerin Justine Greening. Sir Nicholas Soames zählt ebenfalls dazu, ein Enkel Sir Winston Churchills, der nicht glauben konnte, dass Johnson ihn nach vielen Jahren treuer Tory-Dienste zusammen mit zwanzig anderen «Rebellen» aus der Partei zu werfen würde. Nicht mehr zur Wahl stellt sich auch Boris Johnsons eigener Bruder Jo, der selbst mal mit im Kabinett sass, den harten Brexit-Kurs des grossen Bruders aber inzwischen als unerträglich empfindet.

John Bercow war zum Schluss mehr von der Opposition als von seinen alten Parteifreunden im Amt gehalten worden.

Auf eine erneute Kandidatur verzichtet auch einer der bekanntesten britischen Politiker überhaupt – Ken Clarke, der Mann, «der Premierminister hätte sein können». Clarke ist der dienstälteste Unterhäusler überhaupt und wird damit «Vater des Hauses» genannt. Er sass 49 Jahre lang auf den grünen Polsterbänken der Commons und war ein ebenso jovialer wie hart­näckiger proeuropäischer Zeitgenosse.

Auch Johnsons gegenwärtige Kultusministerin Nicky Morgan tritt zum Wahltag hin ab, nachdem sie – wie ihre frühere Kabinettskollegin Amber Rudd – mächtig taktiert und letztlich alles Renommee im Land verspielt hat. Unterdessen ist der Graben, der sich zuletzt zwischen Amber Rudd und Boris Johnson auftat, nicht mehr zu überbrücken gewesen. Rudd trat im September aus dem Kabinett und aus der konservativen Fraktion aus, nachdem Johnson die 21 «Tory-Rebellen» aus der Partei geworfen hatte.

Im politischen Regen

Von diesen «Rebellen» sind nun zehn wieder zugelassen worden. Rudd jedoch musste draussen bleiben, vor der von ihr selbst zugeschlagenen Tür. Dort, im politischen Regen, stehe sie zu Recht, hiess es in Downing Street. Damit war ihr verwehrt, bei den Wahlen erneut als Konservative anzutreten.

Vielleicht wollte sich Johnson ja auch nur dafür rächen, dass Rudd während der Brexit-Kampagne von 2016 einmal gesagt hatte, Boris sei «nicht der Mann, von dem man sich an einem geselligen Abend gern nach Hause fahren lassen würde». Auch bei anderen Parteien verabschieden sich bekannte Namen. Bei den Liberaldemokraten zieht deren früherer Vorsitzender Sir Vince Cable einen Schlussstrich, und bei Labour gehen Leute wie der einstmalige Jeremy-Corbyn-Herausforderer Owen Smith.

Louise Ellman gibt auf, nachdem sie vor kurzem regelrecht aus der Partei geekelt worden ist: Die Labour-Veteranin jüdischer Herkunft beschuldigt Corbyn, dem Antisemitismus in der Partei Tür und Tor geöffnet zu haben.

Einstehen fürs Parlament

Last but not least verabschiedet sich Westminster von seinem Speaker, vom Sprecher des Unterhauses. Der vormalige Tory John Bercow hatte das Amt vor zehn Jahren übernommen. Bercow, der in seinen Studententagen noch ziemlich rechtslastigen Ideen anhing, hatte sich im Laufe seines Lebens zunehmend für sozialliberale Werte erwärmt – und war zuletzt mehr von den Oppositionsparteien als von seinen alten Parteifreunden im Amt gehalten worden.

Mit einer gewissen Modernisierung der Parlamentsprozeduren hatte Bercow schon in der ersten Hälfte seiner Amtszeit von sich reden gemacht. Aber zu echter Berühmtheit kam er während der Brexit-Krise, als die Volksvertretung sich von der Exekutive hart bedrängt fand in der Frage, wem in Grossbritannien die Souveränität zufiele.

Millionen Zuschauer weltweit haben dies kurios-antiquierte britische Schauspiel in den letzten drei Jahren verfolgt. Bercows trotziges Einstehen fürs Parlament und seine heiseren «Order, order»-Rufe sind zu seinem Erkennungszeichen geworden. Seine Gegner, vor allem unter den Brexiteers, sind heilfroh, dass er nun geht. Seine bittersten Widersacher in der Regierung wollen ihm den Adelstitel, der einem scheidenden Speaker normalerweise zuerkannt wird, am liebsten vorenthalten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt