«Mit Verlaub: Britzerland ist ein Hirngespinst»

Seit elf Jahren lebt der Brite Diccon Bewes in der Stadt Bern. Sein Buch «Der Schweizversteher» wurde zu einem Bestseller. Im Interview erklärt der 49-Jährige, wie er beim Brexit abstimmt und was er von Britzerland hält.

Englishman in Bern: Diccon Bewes kennt die britische und schweizerische Mentalität sehr gut. Nach dem Attentat auf die sozialistische Brexit-Gegnerin Jo Cox hofft er auf mehr Sachlichkeit in der Debatte.

Englishman in Bern: Diccon Bewes kennt die britische und schweizerische Mentalität sehr gut. Nach dem Attentat auf die sozialistische Brexit-Gegnerin Jo Cox hofft er auf mehr Sachlichkeit in der Debatte.

(Bild: Andreas Blatter)

Jon Mettler@jonmettler

Mister Bewes, stimmen Sie für oder gegen den Brexit?Diccon Bewes: Leider habe ich den Termin für die briefliche Stimmabgabe verpasst. Deshalb habe ich eine Vertreterstimme organisiert. Das britische Stimmrecht ermöglicht mir das. Ich habe also meinen Vater beauftragt, vor Ort in meinem Namen abzustimmen. Für mich ist glasklar, dass ich mich für den Verbleib, fürs Verweilen, fürs Verharren – oder wie immer man das nennen will – von Grossbritannien in der EU ausspreche. (lacht)

Warum ist das so glasklar für Sie? Es gibt zwei Gründe. Der eine ist persönlich, der andere politisch. Die Befürworter des Brexit haben mir immer noch nicht verständlich darlegen können, wie sie einen Austritt aus der EU genau umsetzen wollen. Ausland-Briten wie ich haben keinen Schimmer, was mit ihnen passieren würde. Auf meinem C-Ausweis steht deutlich «EU». Wenn mein Visum ausläuft und zu diesem Zeitpunkt Grossbritannien kein EU-Mitglied mehr ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich hier in der Schweiz bleiben kann.

Was verunsichert Sie? Die Schweiz hat mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative gezeigt, dass sie nicht gerade an einem ausländerfreundlichen Klima interessiert ist. Gross­britannien wiederum wird derart beschäftigt sein, die Bedingungen für den Austritt mit Brüssel zu verhandeln, dass es sich schlicht nicht um seine Bürger in der Schweiz wird kümmern können.

Was ist der politische Grund für Ihr Brexit-Nein? Es ist irrsinnig zu glauben, dass heute ein Land in Europa alleine gedeihen und überleben kann. Diese Haltung geht zurück in die 1930er-Jahre – eine Zeit, als Staaten gegeneinander um Macht, Handel und Einfluss kämpften und Grossbritannien noch ein Empire war. Natürlich ist die EU nicht perfekt. Aber wie wir im Vereinigten Königreich sagen: «Lieber der Teufel, den man kennt.»

Sie vergleichen die EU mit dem Teufel. Moment, das Sprichwort geht noch weiter. «Lieber der Teufel, den man kennt als der Teufel, den man nicht kennt.» Die EU kennen wir Briten gut. Ich halte es für schlauer, die Union von innen zu verändern. Als Aussenseiter wird das eher schwierig. Ich betrachte mich als Mittewähler. Der Gedanke befremdet mich, dass Grossbritannien plötzlich besser sein soll als Länder der EU, nur weil es aus diesem Club austritt. Diese Haltung bezeichnen wir auf der Insel als «Little England», was vergleichbar ist mit «Bünzlischweiz».

Warum ist die EU in Grossbritannien plötzlich zum derart emotionalen Thema geworden? Seit dem Beitritt Grossbritanniens zur EU im Jahr 1973 beschäftigt uns Europa. Es gab bereits 1975 ein erstes Referendum, weil die Labour-Regierung nicht wusste, ob Grossbritannien verweilen oder austreten sollte. In den 1990er-Jahren war die EU mit ein Grund, warum Margaret Thatcher als konservative Premierministerin zurücktreten musste und weshalb die Nachfolgeregierung von John Major auseinanderfiel. Bei der aktuellen Abstimmung geht es um einen politischen Schachzug von Premier David Cameron und weniger um Moral und Gewissen. Cameron löst mit dem EU-Referendum ein Wahlversprechen ein, das er vergangenes Jahr abgegeben hatte.

Briten und Schweizer ähneln sich bei ihrer EU-Skepsis. Ist der Schweizer Sonderfall in den Debatten auf der Insel ein Thema? Das Beispiel der Schweiz taucht inzwischen weniger in den Diskussionen auf. Zu Beginn verwiesen die Befürworter des Brexit öfters auf die Schweiz und Norwegen, auch Londons früherer Bürgermeister Boris Johnson. «Hey, diese beiden Länder sind nicht in der EU, weisen aber ein hohes Bruttosozialprodukt und eine ­hohe Lebensqualität auf. Das können wir auch, wir müssen nur unabhängig werden!», sagten sie. Die Befürworter haben aber wesentliche Punkte unterschlagen. Das hat mich geärgert.

Welche denn? Etwa, dass Norwegen Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum ist. Das Land hat also durchaus Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Und die Schweiz, wie wir wissen, ist durch ihre bilateralen Verträge an den Gemeinschaftsmarkt angehängt. Die Schweiz hat zwanzig Jahre gebraucht, um diese komfortable Position auszuhandeln. Und nun meinen die Brexit-Befürworter tatsächlich, Grossbritannien schaffe das in zwei Jahren? Kommt hinzu: Die Schweiz erfährt gerade schmerzhaft, dass es den EU-Binnenmarkt nur als ­Gesamtpaket gibt.

Sie spielen auf die Personenfreizügigkeit an, welche die Schweiz neu verhandeln muss. Brüssel akzeptiert keine Rosinenpickerei. Im Grunde genommen stehen die Briten und Schweizer vor einer schwierigen Grundsatzwahl, die ein wenig ­Besinnung voraussetzt: Mehr ­nationale Kontrolle über die Einwanderung und dafür keinen ­Zugang zum europäischen Binnenmarkt? Oder Zugang zum europäischen Gemeinschaftsmarkt und dafür Personenfreizügigkeit?

Hierzulande ist die Fantasie eines Britzerland aufgetaucht, eines Schulterschlusses zwischen Switzerland und Britain. Warum nicht gleich eine neue Triple Entente zwischen Grossbritannien, Russland und der Schweiz, wenn wir schon dabei sind? Im Ernst: Ich glaube nicht, dass wir zu solchen Gebilden wie vor dem Ersten Weltkrieg zurückkehren wollen.

Wir reden doch nicht von einem Militärbündnis, sondern von einer wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit. Die Idee einer Art europäischer Freihandelsassoziation mit der Schweiz, Grossbritannien, Island, Liechtenstein und Norwegen ist sicher interessant. Es gibt aber viele Fragezeichen. Erstens würde Grossbritannien durch seine Wirtschaftsmacht ein Ungleichgewicht in diese Assoziation von kleinen Volkswirtschaften bringen. Zweitens ist unklar, zu welchem Preis die EU diesem neuen Verbund den Zugang zu ihrem Binnenmarkt gewähren würde. Denn ohne würde es schwierig. Mit Verlaub: Britzerland ist ein Hirngespinst.

Also gut. Wie wäre es, wenn bei einem Brexit Grossbritannien als 27. Kanton der Schweiz beitrete?(lacht) Dazu müssten wir erst die Monarchie abschaffen. Also eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, um wieder ernsthaft zu werden, dass Schottland sich bei einem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU als unabhängig erklärt und seinerseits eine Mitgliedschaft in der Union anstrebt.

Die Schweiz als Mitglied des Commonwealth of Nations?(lacht) Das gefällt mir schon besser. Dumm nur, dass die Schweiz nie Teil des britischen Empire war. Das ist aber eine zwingende Voraussetzung dafür, dem Commonwealth beizutreten.

Das Attentat auf die sozialistische Brexit-Gegnerin Jo Cox überschattet den Abstimmungskampf. Was bedeutet dies für den Urnengang am Donnerstag? Dieser Vorfall hat mich traurig und sprachlos gemacht. Meine Hoffnung ist, dass beide Lager ­ihre Kampagnen nun sachlicher und weniger aufhetzerisch führen. Noch am Tag des Attentats zeigte Ukip-Parteichef und Brexit-Befürworter Nigel Farage ein Poster, auf dem ein Bild von Flüchtlingen in Slowenien zu sehen war. Farage behauptete, dass Grossbritannien ein ähnliches Schicksal blühe, falls das Land in der EU bliebe. «Belastungsgrenze erreicht» stand auf dem Poster. Für den Attentäter war ganz offensichtlich auch ein Wendepunkt erreicht. Er tötete seine Volksvertreterin und rief dabei «Britannien zuerst». Britain First ist eine ganz üble rechtsextreme Partei.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt