«Mein Sohn muss geschützt werden» 

Der in Genf lebende Sohn des tschechischen Premiers Andrej Babis behauptet, der eigene Vater habe ihn entführen lassen. Dem widersprechen nun seine Mutter und ein Genfer Anwalt.

Prag, Mitte November: Demonstranten fordern den Rücktritt des unter Betrugsverdacht stehenden Premierministers Babis. Foto: Michal Cizek (AFP)

Prag, Mitte November: Demonstranten fordern den Rücktritt des unter Betrugsverdacht stehenden Premierministers Babis. Foto: Michal Cizek (AFP)

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Wo ist Andrej Babis junior? Zwei Jahre lang hatten Reporter den 35-jährigen Sohn des tschechischen Premiers Andrej Babis senior gesucht. Dann fanden sie ihn in der Wohnung seiner Mutter in Genf. Nun ist Babis junior, der seit seiner Kindheit die Schweizer Staatsbürgerschaft hat und in Genf zur Schule ging, wieder nicht erreichbar. Zumindest nicht für Journalisten.

Beatrice Babisova sagt, sie wolle ihren Sohn schützen: «Ich muss als Mutter handeln, weil diese politische Affäre eine beachtliche Dimension angenommen hat. Mein Sohn steht unter Druck, was seine ohnehin fragile Gesundheit beeinträchtigt. Ich habe Angst, dass sich sein Zustand verschlechtert.»

Mit versteckter Kamera

Babisova gab der «Tribune de Geneve» und dieser Zeitung ein Interview im Büro des Genfer Rechtsanwalts Alexandre de Senarclens. Sie spricht fliessend Französisch, fotografieren lässt sie sich nicht. Als Präsident der FDP Genf ist de Senarclens derzeit mit der Affäre um Staatsrat Pierre Maudet beschäftigt. Als Anwalt hat er seit Juni ein Mandat von Mutter und Sohn Babis und bot ein Gespräch mit der Mutter an. Die Bitte um ein persönliches Gespräch mit Andrej Babis junior lehnt er ab: «Herr Babis junior steht unter unerträglichem Druck.»

Babis junior, seine Schwester und ein weiteres Familienmitglied waren als Besitzer des tschechischen Wellnesshotels Storchennest eingetragen, als dieses zwei Millionen Euro EU-Förderung für kleine und mittelständische Betriebe bekam. Tatsächlich dürfte das Hotel jedoch zur milliardenschweren Holding Agrofert gehört haben, die von Andrej Babis senior gegründet wurde. Nun ermitteln die Anti-Betrugs-Behörde der EU und die tschechische Justiz. Der Verdacht: Subventionsbetrug.

Im April dieses Jahres schickte die Staatsanwaltschaft Prag ein Rechtshilfeersuchen an die Staatsanwaltschaft Zürich. Diese bestätigt, dass die Tschechen um Sicherstellung von Bankunterlagen im Fall Andrej Babis senior bitten. Das Ersuchen ist von den Schweizern noch nicht behandelt worden.

Von allen Seiten unter Druck: Andrej Babis senior. Foto: Reuters

Andrej Babis junior hätte zu diesem Fall längst von den Ermittlern befragt werden sollen. Doch er blieb zwei Jahre lang verschwunden und tauchte erst vor etwa zehn Tagen wieder auf – in Genf. Zwei Reporter des Nachrichtenportals «Seznam Zpravy» fanden ihn in der Wohnung seiner Mutter, der ersten Frau des tschechischen Regierungschefs. Sie filmten das Gespräch mit versteckter Kamera: Babis junior erzählt, dass er in einer psychiatrischen Klinik in Prag gewesen sei und von dort gegen seinen Willen auf die Krim gebracht worden sei. Die Halbinsel gehört zur Ukraine, wurde aber von Russland okkupiert. Mit der unfreiwilligen Reise sei er vor der Polizei versteckt worden, so Babis junior zu den Reportern: «Mein Vater wollte, dass ich verschwinde.» Der Regierungschef konterte: Die Journalisten hätten seine Familie angegriffen.

Beatrice Babisova bestätigt nun, dass ihr Sohn auf der Krim gewesen sei: «Aber er wurde sicher nicht entführt.» Babis junior sei auf die Krim gereist, weil zu jener Zeit Journalisten in Prag starken Druck auf ihn ausgeübt hätten, sagt seine Mutter: «Wir mussten einen Ort finden, an dem er neue Kraft gewinnen konnte.»

Die Journalisten von «Seznam Zpravy» behaupten, Babis junior habe nach ihrer ersten Begegnung in Mails seine Aussagen gegen den Vater bestätigt und sie um Hilfe gebeten: Er wolle vor der tschechischen Polizei aussagen. Auf die Frage, ob ihr Sohn mit der Polizei kooperieren wolle, antwortet seine Mutter im Gespräch: «Er wurde kontaktiert. Aber seine Krankheit erlaubt es ihm in diesem Stadium nicht, Fragen klar zu beantworten. Er muss geschützt werden.»

«Babis kam nach Genf, um seinen Sohn zu trösten. Sie plauderten, spielten Schach.»

Die tschechischen Reporter kehrten vergangenen Freitag nach Genf zurück, doch sie konnten nicht mehr mit Babis junior sprechen. Stattdessen sei Alexandre de Senarclens auf sie zugekommen und habe sie aufgefordert, das Filmen einzustellen, schreiben sie im Internet. Die Journalisten hätten sich vor dem Gebäude niedergelassen, in dem Babisova und ihr Sohn wohnen, bestätigt de Senarclens: «Ich ging zu ihnen und verlangte, dass sie den Ort verlassen, um die Gesundheit von Herrn Babis junior zu schützen.»

Der Anwalt reicht nun Strafanzeige gegen die Reporter ein wegen unerlaubter Aufzeichnung eines Gesprächs. Der Direktor von Seznam, Jakup Unger, entgegnet, dass die Journalisten im öffentlichen Interesse handelten: «Es war der Premierminister selbst, der seine Kinder in diese Affäre verwickelte.» Babis junior habe in Genf vor zehn Tagen freiwillig mit den Journalisten gesprochen und ihnen sogar seine Kontaktdaten gegeben. Die Mutter sei daneben gestanden, sagt Unger: «Sie hätte ihn stoppen können, aber sie fügte sogar noch Details hinzu, die ihr Sohn vergessen hatte.»

Wie lange sich Babis junior auf der Krim aufhielt, ist unklar. Seine Mutter sagt, er sei im Juni dieses Jahres in eine Spezialabteilung des Universitätsspitals Genf gebracht worden: «Heute ist sein Zustand stabil, er wird ambulant behandelt. Er möchte ganz aufrichtig ein neues, normales Leben beginnen und friedlich in Genf arbeiten.»

Kein Auftritt in Zürich

Nach den Anschuldigungen seines eigenen Sohnes steht der tschechische Premier unter enormem Druck: Die Opposition fordert seinen Rücktritt. In Prag wird gegen ihn demonstriert. Babis senior aber reiste vergangenen Samstag nach Genf. «Er kam nur, um seinen Sohn zu trösten. Sie plauderten und spielten Schach. Es war ein emotionaler Besuch, die Affäre wurde nicht erwähnt», sagt seine Ex-Frau Beatrice. Anwalt de Senarclens fügt hinzu, er habe Babis senior nicht getroffen. Auf schriftliche Fragen zu dem Besuch in Genf antwortete der Premierminister nicht.

In Tschechien wird spekuliert, Regierungschef Babis werde alles tun, damit sein Sohn nicht zum Fall Storchennest aussagt. Seznam-Direktor Ungar sagt, dass seine Reporter bis zum Tag vor der Reise von Babis senior nach Genf mit dem Junior in Kontakt standen: «Er schickte uns noch eine Nachricht, dass sein Vater Druck auf seine Mutter ausübe und er die Kommunikation nun einstellen müsse.»

Von Druck könne keine Rede sein, sagt Beatrice Babisova: «Das ist ein weiteres Gerücht von Opposition und Journalisten, die meinen Sohn diskreditieren wollen. Babis senior ist vor allem Vater, er würde das niemals tun.»

Andrej Babis senior hätte am 3. Dezember im Europainstitut der Universität Zürich eine Rede halten sollen. Der Auftritt wurde gestern abgesagt – angeblich wegen zu starker Arbeitsbelastung des Regierungschefs.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt