Mehr als 11’000 Flüchtlinge in sechs Tagen

Flüchtlinge kommen zu Tausenden nach Italien – per Boot vom Mittelmeer her. Es gibt verschiedene Vorschläge, wie damit umgegangen werden soll.

Bei den Überfahrten kommt es zu unzähligen Todesfällen: Migranten warten auf einem Boot in einem sizilianischen Hafen. (17. April 2015)

Bei den Überfahrten kommt es zu unzähligen Todesfällen: Migranten warten auf einem Boot in einem sizilianischen Hafen. (17. April 2015)

(Bild: Reuters)

Mehr als 11'000 Flüchtlinge sind in den vergangenen sechs Tagen über das Mittelmeer nach Italien gelangt. Am Freitag trafen hunderte weitere Flüchtlinge auf italienischen Mittelmeerinseln ein, wie die Küstenwache mitteilte.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte die Politik auf, sichere Wege für Flüchtlinge nach Europa zu schaffen. Die EU-Kommission wies den Vorwurf der Untätigkeit zurück und kündigte an, im Mai eine umfassende Strategie vorzulegen.

Durch Explosion getötet

Mehr als 300 Flüchtlinge trafen nach Angaben der Küstenwache am Freitagmorgen im Hafen von Pozzallo auf Sizilien ein. Ihr Boot war auf dem Weg von Libyen nach Italien im Mittelmeer abgefangen worden. Unter den Passagieren waren 45 Frauen und 23 Minderjährige.

Eine weitere Gruppe von etwa 90 Flüchtlingen wurde laut Behördenangaben auf die vor der Küste Tunesiens gelegene Insel Lampedusa gebracht. Eine Frau war während der Überfahrt durch die Explosion einer Gasflasche getötet worden. Etwa 15 weitere Insassen wurden verletzt.

Tausende kommen ums Leben

Auf ihrem Weg von der afrikanischen Küste über das Mittelmeer in die EU kommen jährlich tausende Menschen ums Leben. Die allermeisten von ihnen ertrinken, weil ihre überladenen Schiffe kentern. Erst am Sonntag waren bei einer Flüchtlingstragödie vermutlich 400 Menschen ums Leben gekommen. Ihr Boot war auf dem Weg von Libyen nach Italien gekentert.

Unterdessen ermitteln die italienischen Behörden gegen 15 Personen aus Mali, dem Senegal und der Elfenbeinküste, die auf einem Flüchtlingsschiff zwölf Menschen aus Ghana und Nigeria über Bord geworfen haben sollen. «Die Ermittlungen stehen noch am Anfang. Die Festgenommenen wurden mehrmals verhört, auch diejenigen, die sie beschuldigt haben», sagte Staatsanwalt Francesco Lo Voi der Zeitung «La Repubblica».

Italiens Aussenminister Paolo Gentiloni forderte im Zusammenhang mit dem Vorfall erneut mehr Unterstützung von der EU. «Es ist nicht möglich, dass die EU nur drei Millionen Euro pro Monat für das Schicksal der Flüchtlinge zur Verfügung stellt, eine beschämende Zahl im Vergleich zum EU-Haushalt», sagte er.

Amnesty verlangt sichere Wege

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte sichere Wege für Flüchtlinge nach Europa, um weitere Unglücke zu verhindern. Es müsse die Möglichkeit geben, schon vor der Überfahrt über das Meer Asyl zu beantragen, sagte der Generaldirektor der Organisation in Italien, Gianni Rufini, am Freitag im Deutschlandfunk.

70 Prozent der Flüchtlinge, die 2014 im Mittelmeer gerettet worden seien, seien Asylbewerber gewesen, sagte Rufini. Für sie müssten «sichere Wege» nach Europa geschaffen werden.

Rufini schlug vor, in nordafrikanischen Städten Zentren einzurichten, wo diese Menschen Asyl beantragen könnten. Damit könne auch der Menschenhandel der Schlepperbanden stark verringert werden. Doch Europa verhalte sich schwach und begegne den vielen Flüchtlingen «mit einer Logik der Nothilfe».

EU will Plan vorlegen

Die EU-Kommission wies die Vorwürfe zurück. «Schuldzuweisungen bringen uns in der Frage nicht weiter», sagte eine Kommissionssprecherin am Freitag in Brüssel. Es gebe Gespräche darüber, «wie die Lage verbessert werden kann.» Für das Problem gebe es aber keine «Wunderlösung von heute auf morgen».

Die Kommission arbeite an einer umfassenden Strategie zur Migrationsfrage, die im Mai vorgelegt werden soll. Dazu würden derzeit Gespräche mit den Mitgliedstaaten geführt. Ein Krisentreffen sei nach derzeitigem Stand nicht geplant.

rar/sda

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