Macron hat die «Faulenzer» gegen sich aufgebracht

Ein Kommentar von Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle zu Macrons Arbeitsrechtsreform.

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Magier brauchen Fingerspitzengefühl. Politiker ebenso, das zeigt sich in jedem Wahlkampf. Wie sich Emmanuel Macron in den Elysée-Palast «zauberte», verlangt Respekt ab. Der Jungspund gehe «über Wasser», ärgerten sich seine älteren, erfolglos bemühten Kontrahenten. Mit dem neuen Arbeitsrecht hat er ein durchdachtes, letztlich ausgewogenes Projekt ohne soziale Härtefälle vorgelegt; die Opposition liess er geschickt ins Leere laufen, die ­Gewerkschaften dividierte er auseinander. Die Sache schien im Sack.

Und doch gerät Macrons ehrgeiziges Reformvorhaben in die Defensive. Eine Mehrheit von 57 Prozent der Franzosen ist gemäss Umfragen dagegen. Mit einer unbedachten Äusserung, seine Gegner seien «Faulenzer, Zyniker und Extreme», schaffte der reformwillige Präsident, wovon CGT-Boss Philippe Martinez nur noch träumen konnte: Er brachte halb Frankreich gegen sich auf und damit sogar gemässigte Gewerkschafter, Beamte und Studenten in die Protestfront.

Natürlich verursacht nicht eine einzelne Bemerkung einen Meinungsumschwung in Frankreich. Macron verliert seit Wochen an Popularität. Vielleicht auch, weil er einerseits wie ein liberaler Start-up-Manager der letzten Generation antritt, anderseits aber wie ein autoritärer Wahlmonarch alter Schule.

Auf jeden Fall brüskiert er seine Landsleute zunehmend mit herablassenden Bemerkungen, als wäre ihm jedes Fingerspitzengefühl abhandengekommen. Unlängst klagte er etwa: «Die Franzosen verabscheuen Reformen.» Das war schon fast wie ein Demoaufruf gegen sein eigenes Projekt.

Vermutlich wird Macron die Reform durchbringen. Aber zu welchem Preis?Ob die Liberalisierung des Arbeitsmarktes strukturell Jobs schafft, wird sich erst nach Jahren weisen. Wichtiger schien der psychologische Effekt der Reform – die dadurch ausgelöste Aufbruchstimmung im Land. Doch wenn Macron nach den Gewerkschaften auch noch die Beamten, Rentner und Studenten auf die Strasse bringt, muss der Elan unweigerlich zum Erliegen kommen. Macron hat eine Menge «Faulenzer» aufgeweckt. Gegen sich.

ausland@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 10:07 Uhr

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