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Macht der Nobelpreis Europa chinesischer?

Redaktion Tamedia-Autor Philipp Löpfe freut sich über den Friedenspreis für Europa. Er ist ein willkommenes Signal für mehr Einigkeit.

Europa und China unterscheiden sich in einem Punkt fundamental: Historisch gesehen besteht für Europäer der Normalfall darin, dass rund 30 Nationen in wechselnden Allianzen sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Bei den Chinesen ist es genau umgekehrt: Der Idealfall ist ein vereintes Riesenreich, in dem sich die Menschen gar der gleichen Ethnie zugehörig fühlen. Die EU ist für die Europäer nach wie vor eine Sondersituation, eine Abweichung vom Normalfall. Deshalb wird sie von allen Europäern mit grossem Misstrauen betrachtet und für alles verantwortlich gemacht, was schiefgehen kann.

Im Ausnahmezustand

In den letzten Jahren ist vieles schiefgegangen, vor allem die Einheitswährung hat sich als ein Produkt mit sehr vielen und teils gravierenden Kinderkrankheiten herausgestellt. Seit mehr als zwei Jahren befindet sich die EU deswegen in einem Ausnahmezustand. Während Politiker von einem Krisengipfel zum nächsten eilen, lässt die Bevölkerung ihre Wut am Euro aus. Dabei wird teils massiv über das Ziel hinausgeschossen.

Die Wirtschaftskrise ist die Folge einer Finanzkrise. Eine Flut von billigem Geld hat seit der Jahrhundertwende die Welt überschwemmt und für Vermögensblasen gesorgt. Vergessen wir nicht: Der Ausgangspunkt der Krise war in den USA, wo im Sommer 2007 eine riesige Immobilienblase geplatzt ist. Das hat die Banken ins Wanken und damit beinahe das internationale Finanzsystem zum Einsturz gebracht. Auch auf dem Alten Kontinent waren es die Nicht-Euro-Länder Grossbritannien und Island, die anfänglich am meisten in Schwierigkeiten gerieten.

Europa braucht eine Einheitswährung

In der aktuellen Europa-Diskussion wird dies weitgehend unter den Tisch gewischt. Das ist nicht nur faktisch falsch, sondern gefährlich. Der Euro wird als Sündenbock gesehen, dabei ist Europa in einer hyperglobalisierten Welt dringend auf eine Einheitswährung angewiesen. Das gilt auch für das derzeit vor Selbstbewusstsein strotzende Deutschland. Dank dem Euro kann die deutsche Wirtschaft gleichzeitig Weihnachten und Ostern feiern, sie hat eine schwache Währung und tiefe Zinsen.

Wie es einer grossen Wirtschaftsmacht geht, die diesen Vorteil nicht hat, zeigt das Schicksal von Japan. Japanische Ingenieure und Facharbeiter sind genauso tüchtig wie deutsche, aber weil der Yen seit Jahren überbewertet ist, und weil die Bank of Japan auf sich allein gestellt vergeblich dagegen ankämpft, kommt die japanische Wirtschaft nicht vom Fleck. Deutschland würde es nicht besser gehen, würde die D-Mark wieder eingeführt.

Die älteste Zivilisation der Welt als Vorbild

Die Einheit Europas ist in Gefahr. Wenn nicht bald eine dauerhafte Lösung für den Euro gefunden wird, ist ein Auseinanderbrechen der EU denkbar geworden. Bereits warnt deshalb der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy vor neuen Kriegen in Europa. Das mag übertrieben sein, doch der politische Kollateralschaden eines Zusammenbruchs des Euro ist nicht kalkulierbar und auf jeden Fall sehr beträchtlich. So gesehen ist der Nobelpreis aus Oslo erstens höchst verdient und zweitens ein Anstoss für die Europäer, sich endlich wieder einmal die Vorteile eines geeinten Kontinents vor Augen zu führen. Nicht von ungefähr ist China schliesslich die älteste Zivilisation der Welt.

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