London vergibt Brexit-Notauftrag an Reederei ohne Schiffe

Die britische Regierung bucht Fähren für den Fall eines «No Deal»-Brexit. Eine der Firmen hat jedoch noch nie Frachtschiffe betrieben.

Die Regierung hatte für umgerechnet rund 120 Millionen Euro Fähren gebucht, um im Fall eines ungeordneten Brexit das Chaos am Hafen von Dover zu begrenzen. Bild: Reuters

Die Regierung hatte für umgerechnet rund 120 Millionen Euro Fähren gebucht, um im Fall eines ungeordneten Brexit das Chaos am Hafen von Dover zu begrenzen. Bild: Reuters

Der britischen Regierung könnte bei ihren kostspieligen Plänen für Not-Verbindungen über den Ärmelkanal nach dem Brexit Schiffbruch drohen. Eine der Reedereien, die vom Verkehrsministerium mit der Sicherstellung des Fährverkehrs nach dem EU-Austritt beauftragt worden war, hatte noch nie ein Schiff im Einsatz, wie am Montag bekannt wurde. Die Opposition sprach von einem «neuen Debakel», das Ministerium verteidigte die Auftragsvergabe.

Die Regierung hatte für umgerechnet rund 120 Millionen Euro Fähren gebucht, um im Fall eines ungeordneten Brexit das Chaos am Hafen von Dover zu begrenzen. Mit den zusätzlichen Fährverbindungen im Ärmelkanal sollten Lieferengpässe für «wichtige Waren» vermieden werden, hiess es am Wochenende aus Regierungskreisen. Die Aufträge gingen an drei Reedereien aus Frankreich, Dänemark und Grossbritannien.

Wie die BBC am Montag berichtete, erhielt die britische Reederei Seaborne Freight einen Auftrag von umgerechnet mehr als 13,8 Millionen Pfund (17,3 Millionen Schweizer Franken), obwohl sie noch nie Frachtschiffe betrieben hat. Zudem sei die Hafenanlage im südostenglischen Ramsgate, von wo aus die Reederei Fährverbindungen nach Belgien betreiben will, zu eng für die meisten modernen Handelsschiffe. Der Hafen sei seit 2013 nicht mehr kommerziell betrieben worden.

«Neuer Anbieter»: Verkehrsministerium verteidigte Entscheidung

«Nichts bringt den Brexit besser auf den Punkt als dieses neue Debakel», kritisierte der Labour-Abgeordnete Neil Coyle. Der Kommunalpolitiker Paul Messenger fragte: «Warum wählen wir ein Unternehmen aus, das in seiner ganzen Geschichte noch nie einen einzigen LKW transportiert hat?»

Das Verkehrsministerium verteidigte die Entscheidung. Es sei bekannt gewesen, dass Seaborne ein «neuer Anbieter» sei. Das Unternehmen werde die vereinbarten Leistungen erbringen und vorab kein Geld erhalten. Seaborne kündigte an, den Hafen Ramsgate bis zum EU-Austritt Ende März betriebsbereit zu machen.

Die Aufträge des Verkehrsministeriums an die drei Reedereien sollen es ermöglichen, knapp 4000 LKW pro Woche vom Festland aus zu britischen Häfen zu bringen. Damit soll vor allem der stark frequentierte Hafen Dover entlastet werden. Die britischen Behörden befürchten bei der Wiedereinführung von Grenzkontrollen infolge des Brexit eine Überlastung von Dover und Riesenstaus von Lastwagen in Hafennähe.

mch/afp

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