Julia Skripal meldet sich erstmals nach ihrer Vergiftung zu Wort

Sie wurde zusammen mit ihrem Vater bewusstlos auf einer Parkbank gefunden – vergiftet. Nun ist die Tochter des Ex-Spions Sergei Skripal wieder wach.

Die Skripals sind nach bisherigen Erkenntnissen direkt an ihrer Haustür vergiftet worden: Bilder der Nachrichtenagentur Reuters. (4. April 2018)

Erstmals hat sich die nach einem Giftanschlag schwer erkrankte Julia Skripal in Grossbritannien zu Wort gemeldet. Die 33-Jährige und ihr Vater Sergei, ein ehemaliger russischer Doppelagent, waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden, vergiftet mit dem Nervengift Nowitschok.

«Ich bin vor über einer Woche aufgewacht und bin glücklich sagen zu können, dass es mir von Tag zu Tag besser geht», sagte die 33-Jährige am Donnerstag in einer von Scotland Yard verbreiteten Mitteilung. Sie sprach von einer «verwirrenden» Situation. Die Cousine von Julia Skripal kündigte an, ihre Verwandte nach Russland holen zu wollen. Nach den letzten Angaben der Ärzte befindet sich Sergei Skripal in einem kritischen, aber stabilen Zustand.

Ein russischer Fernsehsender veröffentlichte am Donnerstag einen angeblichen Mitschnitt eines Telefonats zwischen Julia Skripal und ihrer in Russland lebenden Cousine Viktoria Skripal. Die Talk-Show «60 Minutes» im Sender Rossija 1 behauptete, die Tonaufnahme von Viktoria Skripal zugesandt bekommen zu haben, gab aber zu, die Echtheit des Mitschnitts nicht verifizieren zu können.

In dem auf Russisch geführten Telefonat erzählte die als Julia Skripal identifizierte Frau, dass sie und ihr Vater sich auf dem Weg der Besserung befänden. «Es ist nichts Bleibendes», sagte sie. Sie könne das Krankenhaus bald verlassen. «Alles wird gut», fügte sie hinzu.

Es geht ihr wieder besser: Ein undatiertes Foto der 33-Jährigen von Facebook. (Archiv) Bild: Facebook/AP/Keystone

Im Fall um die zwei vergifteten Skripals ist die britische Regierung in den letzten Tagen unter Druck geraten, konkrete Beweise für eine Täterschaft Russlands zu liefern. Noch vor wenigen Wochen hatte Premierministerin Theresa May mit ihrer Präsentation in Brüssel, bei der sie Laboranalysen und Geheimdienstinformationen vorlegte, die Unterstützung von mehr als 20 europäischen Ländern und der Nato gewonnen. In der Folge haben 26 Staaten rund 150 russische Diplomaten ausgewiesen. Der Kreml hat «symmetrischen Massnahmen» angekündigt und ebenfalls Dutzende Diplomaten westlicher Länder ausgewiesen. Grossbritannien, die USA und die EU sehen es als «sehr wahrscheinlich» an, dass Russland hinter dem Anschlag auf Skripal steckt.

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Vor wenigen Tagen sagte dann der Chef des britischen Militär-Labors Porton Down zum Sender Sky News, dass sein Labor eine russische Herkunft nicht eindeutig belegt habe. «Wir konnten nachweisen, dass es sich um Nowitschok handelte, nachweisen, dass es sich um ein Nervengift militärischer Art handelte.» Aber sein Labor habe «nicht die genaue Herkunft» – in etwa aus Russland – belegen können. Es sei allerdings auch gar nicht die Aufgabe seines Labors, zu beweisen, wo ein solches Gift hergestellt worden sei. Das sei der Regierung so kommuniziert worden. Diese habe dann zusammen mit weiteren Quellen und Hinweisen ihre Rückschlüsse gezogen.

Über eine weitere mögliche Quelle berichtete am heutigen Donnerstag die «Times». Gemäss der Zeitung haben britische Experten das russische Labor identifiziert, aus dem das Gift für den Anschlag stammen soll. Dies sei mithilfe von wissenschaftlichen Analysen und der Geheimdienste gelungen, so die Zeitung. Die Experten seien sich «recht sicher», wenn auch nicht zu 100 Prozent. Eine klare Quelle nannte das Blatt nicht. Ein Regierungssprecher wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren.

Es mag gut sein, dass die Briten gewisse Belege nicht öffentlich machen wollen, weil sie so sensitive Quellen, Kontaktpersonen und Methoden ihrer Geheimdienste offenlegen müssten. Allerdings wäre ihnen ein solcher Schwachpunkt ihrer Anschuldigung bereits vor der Veröffentlichung klar gewesen.

«Ich glaube, die Beleglage ist nicht so robust»

Nicht überall hat die britische Argumentation restlos überzeugt. Bei manchen europäischen Nachrichtendiensten wird sie zwar als «plausibel» oder «wahrscheinlich» eingestuft – es gebe schliesslich kein anderes wahrschein­liches Szenario. Andere Dienste aber sind vorsichtiger und halten die russische Urheberschaft für «möglich.» ­Zwingende Beweise jedenfalls scheinen auch zwischen den Geheimdiensten nicht ausgetauscht worden zu sein. Offiziell will sich niemand äussern, die Sache ist heikel, es folgt der Hinweis, die Politik habe sich schliesslich schon «festgelegt». Dafür meldete sich der ehemalige Chef des deutschen Nachrichtendienstes BND, Gerhard Schindler, zu Wort: «Ich glaube, die Beleglage ist nicht so robust», sagte er.

Selbst europäische Spitzendiplomaten mahnen inzwischen, London müsse mehr Belege liefern. Man zweifele ja nicht daran, dass Russland destabilisiere und provoziere. Aber es entstehe der Eindruck, dass die bisher härteste Reaktion auf dieses Verhalten ausgerechnet auf einen Vorfall folge, bei dem die Beweislage eben doch nicht so eindeutig sei wie zunächst behauptet.

Sitzung des UN-Sicherheitsrats

Druck macht auch die britische Opposition. Labour-Chef Jeremy Corbyn warf Aussenminister Boris Johnson vor, dass er entweder nicht all sein Wissen preisgebe oder übertreibe. Labour-Politikerin Diane Abbott sprach von Irreführung der Öffentlichkeit. Johnson erwiderte, dass der Oppositionschef genauso wie Russland versuche, Grossbritannien zu diskreditieren.

Am heutigen Donnerstag will sich der UN-Sicherheitsrat mit dem Thema befassen. Die Sitzung sollte um 15 Uhr in New York stattfinden. In der Schweiz also um 21 Uhr.

mch/afp

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