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Jihadisten benutzen Italien als Basis

Italien Fast alle Terroristen des Islamischen Staates, die die Attentate von Paris, Brüssel, Berlin und Marseille verübt hatten, waren für längere Zeit in Italien. Das führt zum Schluss, dass der IS Basen in Italien aufbaut.

Wolf H. Wagner, Florenz
Ein Sticker an einer Moschee in Aprilia, Italien, wo Ahmed Hanachi lebte, der in Marseille zwei Frauen erstach: Der erhobene Zeigefinger soll die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis symbolisieren. Eine Geste, die auch vom Islamischen Staat verwendet wurde.
Ein Sticker an einer Moschee in Aprilia, Italien, wo Ahmed Hanachi lebte, der in Marseille zwei Frauen erstach: Der erhobene Zeigefinger soll die Shahada, das islamische Glaubensbekenntnis symbolisieren. Eine Geste, die auch vom Islamischen Staat verwendet wurde.
Keystone

Anis Hanachi, mutmasslicher Kopf des jüngsten Messerattentats in Marseille, ist vor kurzem im italienischen Ferrara festgenommen worden. Von 2014 bis 2016 diente er als sogenannter Foreign Fighter dem Islamischen Staat (IS) in Syrien und im Irak. Mit seiner Familie und seinem Bruder Ahmed – der im Namen Allahs zwei junge Frauen in Marseille niedergestochen hatte – war Hanachi vor Jahren nach Italien eingewandert und hatte inzwischen die Staatsbürgerschaft angenommen.

Anis Amri, der Lastwagenterrorist von Berlin, war mit 18 Jahren über Lampedusa nach Italien eingereist, wo er bis zu dem Attentat vor Weihnachten 2016 lange Zeit lebte. Auch einer der Führer des Terroranschlags im Bataclan in Paris, Salah Abdeslam, lebte etliche Zeit in Bari. Youssef Zaghba, einer der Terroristen von der London Bridge, lebte mit seiner Familie in Bologna, die Mutter wohnt immer noch in der Emilia-Romagna.

IS rekrutiert gezielt in Clans

Spezialagenten der Carabinieri kommen zu zwei Schlüssen: Erstens rekrutieren sich IS-Zellen auf der Basis familiärer Clans. Zweitens könnte ein bisheriges Verschonen Italiens mit Anschlägen damit zusammenhängen, dass die Terroristen ihre Basen nicht gefährden wollen.

Italien wurde bisher unter anderem nicht von Terroristen angegriffen, weil sie ihre Basis in Italien nicht gefährden wollen.

Ermittlungsergebnisse

Umfragen im hier lebenden muslimischen Milieu bestätigten, dass jeder vierte die «Beweggründe der Terroristen verstehen» könnte. Ermittlungen der Spezialeinheit ROS der Cara­binieri stellten fest, dass aus ­Syrien oder dem Irak zurück­gekehrte IS-Kämpfer jüngere ­Familienmitglieder indoktri­nierten.

Jeder vierte Muslim kann die Beweggründe der Terroristen verstehen.

Ergebnis italienischer Umfragen

Oftmals seien Familienclans mit vermuteten terroristischen Zellen identisch. Der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, suchte Schutz im familiären Umfeld im Norden von Mailand und wäre dort untergetaucht, hätte ihn nicht eine Zufallsstreife vorher gestellt.

Allerdings machen die Sicherheitskräfte auch einen neuen Täterkreis aus, den sie «Einsame Wölfe» nennen. Es handelt sich dabei um radikalisierte Einzel­täter, die keiner der bislang ­bekannten Gefährdergruppen angehören und daher von den Sicherheitskräften nur schwer auszumachen und zu überwachen sind. So der Libyer Salman Abedi, der in Manchester auf dem Konzert von Ariana Grande 22 Menschen mit in den Tod riss.

Innenministerium und Sicherheitskräfte verweisen darauf, dass auch ihre Strategie einer ­raschen Ausweisung von Gefährdern und ehemaligen Foreign Fighters Grund dafür ist, dass bislang in Italien noch kein Attentatsversuch zum Erfolg führte.

Viele Gefährder ausgewiesen

In den vergangenen drei Jahren wurden 215 Terrorismusverdächtige des Landes verwiesen, allein 2017 schon 83. Die meisten dieser Verdächtigen hatten versucht, in Grossstädten unterzutauchen. Zudem konzentrieren sich die Aufenthaltsorte auf den italienischen Norden. Aus Mailand wurden 20 Ausweisungen gemeldet, aus Brescia 8. Allein aus der Lombardei wurden 46 Verdächtige abgeschoben, gefolgt von der Emilia-Romagna mit 25 und Venetien mit 18. Offensichtlich versuchen die mutmasslichen Terroristen nach ihrer Landung auf Lampedusa oder Sizilien, schnell in den italienischen Norden und schliesslich von dort in die EU-Länder nördlich der Alpen zu gelangen.

Argumente für Grenzschutz

Diese Erkenntnisse der italienische Ermittler sind Wasser auf die Mühlen österreichischer und deutscher Grenzschützer. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die sich meist im zweistelligen Bereich befindlichen Zahlen von Terrorverdächtigen oder IS-Kämpfern in keiner Weise mit den 200 000 Flüchtlinge korrelieren, die in diesem Jahr in Italien angekommen sind.

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