«Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet»

AfD-Chef Gauland sorgte mit seiner «Vogelschiss»-Aussage für Empörung. Jetzt hat er Stellung genommen.

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Angesichts der massiven Empörung über eine Äusserung zum Nationalsozialismus hat der deutsche AfD-Chef Alexander Gauland seine Aussage relativiert. «Es war nicht meine Absicht, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu bagatellisieren», sagte Gauland am Montag.

Seine Wortwahl verteidigt er, allerdings habe er von «Fliegenschiss» gesprochen: «Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein», hiess es in einer persönlichen Stellungnahme.

Er müsse aber zur Kenntnis nehmen, dass viele in dem Begriff eine unangemessene Bagatellisierung gesehen hätten. «Nichts lag mir ferner als einen solchen Eindruck entstehen zu lassen, was sich aus dem übrigen Teil der Rede auch zweifelsfrei ergibt», betonte er. «Die entstandene Wirkung bedaure ich. Niemals war es meine Absicht, die Opfer dieses verbrecherischen Systems zu bagatellisieren oder gar zu verhöhnen.»

Kritik von Steinmeier

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte eine Relativierung der Verbrechen der Nationalsozialisten scharf, ging aber nicht direkt auf Gauland ein. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble forderte einen verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit, das Internationale Auschwitz Komitee nannte Gaulands Aussage «widerlich».

Gauland, auch Fraktionschef im Bundestag, hatte am Samstag beim Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative im thüringischen Seebach erklärt: «Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.»

Applaus der AfD-Jugend

Der Satz fiel nach einem Bekenntnis zur Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus mit Millionen ermordeten Juden und Millionen Kriegstoten. «Ja, wir bekennen uns zur Verantwortung für die zwölf Jahre», sagte Gauland, aber: «Wir haben eine ruhmreiche Geschichte - und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre.» Die AfD-Jugend reagierte mit Beifall und «Gauland, Gauland»-Rufen.

Die rechtspopulistische AfD sorgt mit Thesen zum Umgang mit der deutschen Geschichte immer wieder für Aufregung. Der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke, der am Samstag ebenfalls Gast in Seebach war, hatte 2017 mit der Forderung nach einer «erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad» heftige Debatten ausgelöst. Gauland forderte das Recht ein, stolz auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen zu sein.

Steinmeier betonte am Sonntag bei einem Festakt zum 10. Jahrestag des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen: «Wer heute den einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, kleinredet oder relativiert, der verhöhnt nicht nur die Millionen Opfer, sondern der will ganz bewusst alte Wunden aufreissen und sät neuen Hass, und dem müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen.»

Schäuble sagte der «Bild»-Zeitung: «Verantwortungsvoller Umgang mit den Abgründen der nationalsozialistischen Verbrechensherrschaft gehört zum Grundkonsens unseres demokratischen Rechtsstaats.» Als Bundestagspräsident wie als Patriot müsse er darauf bestehen. Martin Schulz verurteilte die Äusserung Gaulands auf Twitter scharf: «Gauland ist eine Schande für den Deutschen Bundestag.»

Das Internationale Auschwitz Komitee nannte Gaulands Äusserung unerträglich: «Für Auschwitz-Überlebende wirken die kühl kalkulierten und hetzerischen Äusserungen Gaulands nur noch widerlich.»

Der AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen distanzierte sich von der Äusserung seines Co-Vorsitzenden. «Der Herrn Gauland angelastete Satz - insbesondere die Bezeichnung ‹Vogelschiss› - ist in der Tat ausgesprochen unglücklich und die Wortwahl unangemessen», sagte Meuthen Zeit Online.

Reaktionen aus anderen Parteien

Die anderen Parteien reagierten entsetzt. CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb auf Twitter: «50 Millionen Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein ‹Vogelschiss›! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus.»

Der SPD-Vizevorsitzende Ralf Stegner bezeichnete Gauland auf Twitter als einen «Hetzer der übelsten Sorte» und schrieb: «Solche Typen gehören nicht ins Parlament. Aufstehen! Rauswählen!»

Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: «Dieser Vergleich ist eine Geschmacklosigkeit und mehr als nur eine Entgleisung (...).»

Der erste Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte, nannte Gaulands Äusserungen «zynisch und geschichtsvergessen». Sätze wie dieser seien «keine Ausrutscher sondern System», schrieb der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck auf Twitter.

(sep/sda)

Erstellt: 04.06.2018, 08:31 Uhr

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