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«In einer schlimmen Weise das Asylrecht diskreditiert»

Wieder Terror in Deutschland: Nach der Explosion in Ansbach nahm Bayerns Innenminister Joachim Herrmann noch in der Nacht Stellung.

Bayern kommt nicht zur Ruhe: In der Nacht sprengte sich in Ansbach ein Flüchtling in die Luft. (Video: Reuters)

Herrmann zeigte sich nach einem Besuch am Tatort entsetzt und sprach von einem «weiteren schlimmen Tag für unser Land». Zwölf Menschen seien verletzt worden, drei von ihnen schwer. In Lebensgefahr schwebe aber keiner von ihnen, sagte Herrmann. Herrmann hält es für wahrscheinlich, dass der Bombenanschlag von Ansbach das Werk eines islamistischen Selbstmordattentäters gewesen ist. Konkrete Beweise fehlen zwar. Er zieht diesen Schluss aber aus den äusseren Umständen.

«Meine persönliche Einschätzung ist, dass ich es leider für sehr naheliegend halte, dass hier ein echter islamistischer Selbstmordanschlag stattgefunden hat», sagte Herrmann am frühen Montagmorgen der Nachrichtenagentur dpa.

Ein IS-Anschlag?

Auf die Frage, ob der Täter im Zusammenhang mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stehe, sagte der Minister: «Es ist dies auf jeden Fall nicht auszuschliessen.» Konkrete Hinweise auf den IS gebe es allerdings noch nicht.

«Ich bin entsetzt, dass jemand die Möglichkeit, sich in unserem Land aufzuhalten, derartig missbraucht»: Herrmann an der nächtlichen Pressekonferenz.
«Ich bin entsetzt, dass jemand die Möglichkeit, sich in unserem Land aufzuhalten, derartig missbraucht»: Herrmann an der nächtlichen Pressekonferenz.

«Aber nachdem er einen Rucksack mit Sprengstoff hatte, in dem gleichzeitig auch viele scharfkantige Metallteile gepackt waren, die ja geeignet sind im Zusammenhang mit einer solchen Bombe dann möglichst viele Menschen im Umkreis zu verletzen, müssen wir davon ausgehen dass es keine reine Selbstmordtat war, sondern dass er möglichst viele Menschen mit ins Verderben stürzen wollte.»

«Ich bin entsetzt»

Hermann sagte weiter: «Das ist die Situation eines typischen Selbstmordanschlags.» Das sei noch nicht endgültig bewiesen, nur die äusseren Umstände deuteten darauf hin. «Die Kriminalpolizei wird jetzt in den nächsten Stunden und Tagen alles unternehmen, um dies restlos aufzuklären.»

Reaktionen auf den Anschlag in Ansbach: Die bayrische Landesregierung verstärkt ihr Personal bei Polizei und Justiz. (27. Juli 2016)
Reaktionen auf den Anschlag in Ansbach: Die bayrische Landesregierung verstärkt ihr Personal bei Polizei und Justiz. (27. Juli 2016)
Daniel Karmann, Keystone
Ein Tag nach dem Anschlag: Die Spielkarten der Gäste liegen noch auf dem Tisch. Hier waren die ahnungslosen Besucher des Lokals «Eugen's Gaststube» in der Ansbacher Altstadt von der Bombenexplosion überrascht worden.
Ein Tag nach dem Anschlag: Die Spielkarten der Gäste liegen noch auf dem Tisch. Hier waren die ahnungslosen Besucher des Lokals «Eugen's Gaststube» in der Ansbacher Altstadt von der Bombenexplosion überrascht worden.
EPA/Karl-Josef Hilfebrand
Weil der Täter nicht auf das Gelände des Musikfestival gelassen wurde, zündete er die Bombe vor dem Eingang. (25. Juli 2016)
Weil der Täter nicht auf das Gelände des Musikfestival gelassen wurde, zündete er die Bombe vor dem Eingang. (25. Juli 2016)
Daniel Karmann, Keystone
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Besonders beunruhigt zeigte sich der Minister über die Tatsache, dass die Tat von einem Asylbewerber verübt wurde. «Ich bin entsetzt, dass jemand die Möglichkeit, sich in unserem Land aufzuhalten, derartig missbraucht», sagte Herrmann. Es sei nicht von der Hand zu weisen, «dass das in einer ganz schlimmen Weise das Asylrecht in unserem Land diskreditiert.»

«Wir müssen alles dafür tun...»

Herrmann mahnte politische Konsequenzen an: «Wir müssen alles dafür tun, dass solche Gewalt in unserem Land von Menschen, die als Asylbewerber in unser Land gekommen sind, nicht weiter um sich greift.»

Video – Terror in Ansbach:

Auf einer nächtlichen Pressekonferenz in Ansbach schilderten Herrmann und Polizeipräsident Roman Fertinger den Hergang der Tat: Der 27-jährige Syrer - der als abgelehnter, aber geduldeter Asylbewerber seit rund zwei Jahren in der mittelfränkischen Stadt gelebt habe - habe gegen 22 Uhr versucht, auf das Gelände des Open-Air-Festivals zu kommen. Der Zutritt sei ihm verwehrt worden, weil er keine Eintrittskarte besass.

Schon zwei Suizidversuche

Daraufhin habe der Mann den in einem Rucksack versteckten Sprengsatz gezündet. Bei dem Festival waren nach Polizeiangaben rund 2500 Besucher. Es sei «glücklichen Umständen» zu verdanken, «dass nicht weitere Menschen zu Tode gekommen sind», sagte Herrmann. Staatsanwalt Michael Schrotberger sagte auf der Pressekonferenz, es werde wegen Mordversuchs in zwölf Fällen ermittelt.

Der Täter war nach Angaben des Ministers wegen zweier Suizidversuche in Ansbach in medizinischer Behandlung gewesen. Polizeipräsident Fertinger berichtete, der Mann sei wegen Drogen- und Nötigungsdelikten polizeibekannt. Eine Sonderkommission prüfe nun, ob er Verbindungen ins islamistische Milieu gehabt haben könnte. Wegen politisch radikaler Ansichten sei er den Behörden bislang noch nicht aufgefallen.

Metallteile im Rucksack

Auch den Sprengsatz nahmen die Ermittler unter die Lupe: Es seien Metallteile freigesetzt worden, sagte der Polizeipräsident. Es werde geprüft, ob es sich um eine Nagelbombe handle. Auf die Frage, ob die Zündung eines mit Metallteilen gespickten Sprengsatzes nicht auf einen Selbstmordanschlag hindeute, sagte Fertinger: «Das ist nicht von der Hand zu weisen.» Es sei aber noch «zu früh», eine derartige Bewertung vorzunehmen.

Innenminister Herrmann wies darauf hin, dass es sich nach der Zugattacke von Würzburg und dem Amoklauf von München bereits um die dritte grosse Bluttat binnen weniger Tage in Bayern handelte. Diese Entwicklung sei «ungeheuerlich», die Bevölkerung sei «verunsichert», sagte Herrmann.

Solche Bluttaten seien «sicherlich nicht typisch für Flüchtlinge in unserem Land», fügte Herrmann hinzu. «Aber die Sorgen und Ängste in unserer Bevölkerung werden zunehmen.» Am Dienstag wolle die bayerische Regierung auf ihrer Klausur am Tegernsee über Konsequenzen für einen besseren Schutz der Bevölkerung beraten.

afp/dpad

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