Genie des schlechten Geschmacks

Markus Somm über Boris Johnson.

Markus Somm@sonntagszeitung

Noch vor wenigen Wochen hiess es in gut informierten Kreisen, Boris Johnson würde nie Premierminister von Grossbritannien werden. Zu umstritten, zu faul, zu verhasst. Seit Donnerstag scheint das Gegenteil einzutreffen. 160 konservative Parlamentarier, mehr als die Hälfte der Fraktion, stimmten für ihn als neuen Parteichef und erhoben ihn damit faktisch zum Premierminister. Jeremy Hunt, der Aussenminister und letzte Konkurrent, erzielte bloss 77 Stimmen. Wenn Johnson in den kommenden Wochen keinen Fehler macht, wenn es darum geht, die eigenen Parteimitglieder zu gewinnen, dann dürfte er schon im August in Downing Street residieren.

Mit Boris, wie ihn die Briten meistens nennen, ist es so eine Sache. Seit er denken kann, so scheint es, will er Premierminister werden, weswegen man ihn bekämpfte und verspottete, und doch wirkte er immer unvermeidlich. Das personelle Angebot ist inzwischen überschaubar in der Politik, auch in Grossbritannien, und wenn einer so gut schreiben und reden kann, dass ihn die halbe Welt kennt, ja, wenn einer sogar in der Lage ist, eine Frisur zum Markenzeichen zu machen, allein indem er sich nicht kämmt, dann deutet das auf ein ausgeprägtes Talent hin. Die Frage ist bloss: welches Talent? Hat Johnson das Zeug zum guten Politiker, oder ist er nur ein Star, der nichts kann, aber hell leuchtet, bevor er verglüht?

Als Boris Johnson 2014 sein Buch über Winston Churchill schrieb, muss er gewusst haben, dass man ihm vorhalten würde, er schreibe nur über sich selbst. Zu offensichtlich berauschte er sich an den Ähnlichkeiten zwischen ihm und seinem berühmten Protagonisten: beide formulieren wie Götter, beide besitzen Witz im Übermass, und beide sind berüchtigt dafür, einem Witz alles zu opfern, ob die Wahrheit, den guten Geschmack oder gar die Karriere. Churchill machte sich im Lauf seines langen Lebens unmöglich, weil es ihm so leicht fiel, andere zu beleidigen, ebenso mangelte es ihm oft an Demut.


Video: Boris Johnsons lustigste Momente

Der prominenteste innerparteiliche Kritiker von Theresa Mays Brexit-Kurs polarisiert – und ist immer für einen Witz gut. Video: Tamedia


Von Churchill sind keine Entschuldigungen überliefert, auch wenn ihm recht viele Fehler unterliefen. Am Ende reichte es, dass er sich in den wesentlichen Fragen nicht irrte. Auch Johnson sprüht vor Geschmacklosigkeiten, und er gehört zu jenen Journalisten, die für eine Geschichte auch ein Zitat erfinden. Um fair zu sein, machte er das nur einmal, als er für die «Times» arbeitete, und wurde dafür entlassen. Doch es war mit Sicherheit nicht die einzige Sünde, die er sich leistete: Wann immer Boris sich bewegte, bebte die Erde, und Mütter holten ihre Kinder von der Strasse – sinngemäss. Der Mann ist ein Populist im Guten wie im Schlechten. Dafür hassen und lieben ihn viele Briten.

Dass er jetzt zum Zug kommt, ist so gesehen ein Desaster und deutet darauf hin, wie verzweifelt die Lage sein muss. Ironischerweise gleicht sein Aufstieg jenem von Churchill – oder wie dieser es mit Blick auf die Amerikaner ausgedrückt hat: «Die Amerikaner tun immer das Richtige – nachdem sie alle Alternativen ausgeschöpft haben.» Churchill, den die eigenen Parteifreunde wie einen Feind behandelt hatten, wurde 1940 nur Premierminister, weil sonst das Land untergegangen wäre.

So schlimm steht es um England nicht: Doch Johnson, der einstige Journalist, ist jetzt gezwungen, zu beweisen, dass er Geschichte so gut zu machen versteht, wie er darüber schreiben kann. Rüpel oder Genie? Nachdem seine Vorgängerin Theresa May an der EU gescheitert ist, weil sie so liebenswürdig und autistisch zugleich versuchte, den Brexit zu vollenden, mag das Kontrastprogramm eher zum Ziel führen. Johnson ist alles andere als höflich, dafür bietet er stets, was die Engländer als «good company» bezeichnen: Mit ihm wird es einem nie langweilig. Selbst EU–Funktionäre lachen hin und wieder mit, wenn er seine Spässe macht – wenn auch auf den Stockzähnen.

Gewiss, Herkulesaufgaben stehen den Briten bevor, und Boris ist das letzte Aufgebot. Doch den Konservativen bleibt keine andere Wahl. In einer Umfrage hat eine Mehrheit ihrer Mitglieder vor kurzem angegeben, dass ­ihnen mehr daran liegt, dass der Brexit endlich vollzogen wird, als dass die eigene Partei überlebt. Wenn Johnson nicht zustande bringt, was das britische Volk vor drei Jahren beschlossen hat, dann wird es bald keine Tories mehr geben, und Jeremy Corbyn, der ausgesprochen linke Labour–Führer, kommt an die Macht. Dann doch lieber Boris, sagte sich eine der machterprobtesten Parteien der Welt. Wer jahrhundertelang richtig lag, irrt sich auch 2019 selten.



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