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Geisterschiffe sind ein «neuer Grad der Grausamkeit»

Die italienischen Behörden haben in der Nacht vor der Küste die Rettung eines Schiffes mit Flüchtlingen eingeleitet – dessen Besatzung sich abermals aus dem Staub gemacht hat. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex ist empört.

Fotos einer jungen Frau zeigen die Situation im Schiffsbauch der Blue Sky M: Flüchtlinge liegen auf dem Boden oder sitzen auf Geländern. (25. Dezember 2014)
Fotos einer jungen Frau zeigen die Situation im Schiffsbauch der Blue Sky M: Flüchtlinge liegen auf dem Boden oder sitzen auf Geländern. (25. Dezember 2014)
AFP
Die Fotografin ist im siebten Monat schwanger und reiste mit ihren Eltern und Geschwistern nach Europa: Junger Mann hockt auf dem Boden des Schiffs. (25. Dezember 2014)
Die Fotografin ist im siebten Monat schwanger und reiste mit ihren Eltern und Geschwistern nach Europa: Junger Mann hockt auf dem Boden des Schiffs. (25. Dezember 2014)
AFP
Ein Flüchtlingsdrama konnte verhindert werden: Eine Mutter mit ihrem Kind wird an Land gebracht. (31. Dezember 2014)
Ein Flüchtlingsdrama konnte verhindert werden: Eine Mutter mit ihrem Kind wird an Land gebracht. (31. Dezember 2014)
AP Photo/ Ivan Tortorella, Keystone
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Zum zweiten Mal in nur drei Tagen haben Schleuser hunderte Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ihrem Schicksal überlassen. Die italienische Küstenwache übernahm nach Angaben der Marine heute das führerlos bei rauer See treibende Flüchtlingsboot Ezadeen, das mit rund 450 Menschen an Bord auf die Südküste Italiens zusteuerte.

Die italienischen Behörden sind gestern auf den Frachter Ezadeen aufmerksam geworden, als er sich rund 150 Kilometer vor der Küste von Crotone in der süditalienischen Region Kalabrien befand. Die Behörden versuchten, die Besatzung zu kontaktieren, aber niemand antwortete. Einer Passagierin gelang es schliesslich, die Küstenwache per Funk darüber zu informieren, dass die Crew von Bord gegangen sei. «Wir sind allein, hier ist niemand, helfen Sie uns», sagte die Frau laut Küstenwache-Sprecher Filippo Marini.

Dem 73 Meter langen Frachter war den Angaben zufolge mittlerweile der Treibstoff ausgegangen und er steuerte manövrierunfähig auf die süditalienische Küste zu. Die Küstenwache rief zunächst ein isländisches Patrouillenboot zur Hilfe, das in der Nähe für die EU-Grenzschutzagentur Frontex im Einsatz war, doch deren Besatzung konnte wegen des schlechten Wetters nicht an Bord gehen.

Hier seilen sich Retter auf das Geisterschiffe ab. (Video: Reuters)

Die italienische Luftwaffe schickte schliesslich einen Helikopter los. Heute Morgen seilten sich sechs Männer der Küstenwache auf die Ezadeen ab und übernahmen die Kontrolle über das Schiff, das sich mittlerweile 37 Kilometer vor der Küste befand. Das Schiff sollte je nach Wetterlage in einen der Häfen um Crotone gebracht werden. Auch drei Ärzte von dem isländischen Boot sollten nach Armeeangaben per Hubschrauber auf die Ezadeen gebracht werden, um die Passagiere an Bord zu versorgen.

Der 50 Jahre alte Frachter, der unter der Flagge von Sierra Leone fährt, ist normalerweise für Viehtransporte vorgesehen und war offiziell auf dem Weg von Famagusta in Nordzypern in die südfranzösische Hafenstadt Sète. Nach Angaben eines Internetdienstes, der den Schiffsverkehr verfolgt, kam das Schiff ursprünglich aus dem syrischen Hafen Tartus.

Besatzung hatte Steuerung blockiert

Im vergangenen Jahr sind mehr als 170'000 illegale Einwanderer an den italienischen Küsten gelandet, die meisten kamen aus Syrien und Eritrea. Mindestens 3400 Flüchtlinge ertranken nach UN-Angaben bei der gefährlichen Überfahrt nach Europa. Während die meisten Flüchtlinge bislang mit Schlauchbooten oder alten Fischerbooten in See stachen, scheinen die Schleuser seit diesem Winter zunehmend grössere Schiffe zu nutzen.

Erst am Dienstag hatte die italienische Küstenwache, die Anfang der Woche auch an der dramatischen Rettungsaktion der brennenden Autofähre Norman Atlantic beteiligt war, in letzter Minute ein Flüchtlingsdrama verhindert. Beamte der Küstenwache, die sich ebenfalls von einem Helikopter abseilten, brachten einen Frachter mit rund 770 Flüchtlingen an Bord von einem Kollisionskurs mit der apulischen Küste ab. Die Besatzung hatte die Steuerung blockiert und das Schiff und die Insassen sich selbst überlassen. Die Blue Sky M wurde schliesslich in den süditalienischen Hafen Gallipoli gebracht.

Geisterschiffe «neuer Grad der Grausamkeit»

Mit «Geisterschiffen» im Mittelmeer, die ohne Besatzung und vollgepfercht mit Flüchtlingen ihrem Schicksal überlassen werden, zeigen Schleuserbanden nach Ansicht der EU-Grenzschutzagentur Frontex «einen neuen Grad der Grausamkeit». «Das ist eine neue Erscheinung dieses Winters», sagte Frontex-Pressesprecherin Ewa Moncure.

Schon immer seien die internationalen Schleuserbanden rücksichtslos und menschenverachtend gewesen und hätten den Tod von Flüchtlingen auf Booten von Afrika nach Europa in Kauf genommen. «Wenn ein nicht seetüchtiges Schiff, das völlig überladen ist, in Seenot gerät, haben die im Lagerraum eingeschlossenen Menschen keine Chance.»

«Das ist ein Multimillionengeschäft», sagte Moncure über den Schmuggel von Flüchtlingen, die auf eine bessere Zukunft in Europa hoffen. «Aus jedem dieser Flüchtlinge werden mehrere tausend Euro oder Dollar für den Transport auf See gepresst. Da lässt sich leicht ausrechnen, wie viel bei einem Schiff mit mehreren hundert Menschen zusammenkommt.» Für die Schmuggler lohne sich daher die Rechnung, wenn ein ohnehin bereits ausgemustertes Schiff ohne Crew und Treibstoff auf dem Meer zurückgelassen werde.

Auch die EU-Kommission hat die neue Strategie der Menschenschmuggler gebrandmarkt. Die Fälle der führerlos im Meer entdeckten Flüchtlingsschiffe Ezadeen und Blue Sky M zeigten, «dass Schleuser neue Wege finden, in EU-Territorium zu gelangen», sagte ein EU-Kommissionssprecher der Nachrichtenagentur AFP. Die EU-Kommission verfolge diese Fälle genau. Der Kampf gegen Menschenschmuggel werde auch im neuen Jahr zu den Prioritäten der EU-Einwanderungspolitik gehören, sagte der Sprecher.

sda/AFP/ajk/bru

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