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Gabriels neues Gewicht

Der neue deutsche Aussenminister fliegt befreit von der Last des SPD-Chefpostens routiniert durch die Welt. Bei Differenzen zeigt er Haltung. Und plötzlich ist Sigmar Gabriel auch beliebt.

Reiselust statt SPD-Frust: Sigmar Gabriel in einem Flüchtlingslager im somalischen Baidoa. Das Amt des Aussenministers beschert ihm in der Heimat mehr Rückhalt als der Vorsitz bei den Sozialdemokraten.
Reiselust statt SPD-Frust: Sigmar Gabriel in einem Flüchtlingslager im somalischen Baidoa. Das Amt des Aussenministers beschert ihm in der Heimat mehr Rückhalt als der Vorsitz bei den Sozialdemokraten.
Keystone

Somalia statt Gelsenkirchen. Im Leben von Sigmar Gabriel hat sich vieles geändert. Als SPD-Chef und Kanzlerkandidat hätte er am 1. Mai womöglich an der zentralen Maikundgebung der Gewerkschaften im Ruhrgebiet teilgenommen. Doch Gabriel stand am gleichen Tag in einem somalischen Flüchtlingslager im Schlamm und versprach mehr Hilfen für das von Krieg und Dürre geplagte Land.

Seit der 57-Jährige Ende Januar auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur verzichtet sowie das Auswärtige Amt übernommen hat, lernt Deutschland einen neuen Gabriel kennen. Aus dem mitunter poltrigen Politiker, der seine Partei mit Meinungsschwenks überrascht hatte, ist schnell der deutsche Chefdiplomat geworden. Statt Energiewende und Digitalisierung lauten die Themen jetzt Syrien, Nahost, Türkei und die Zukunft Europas. Gabriel wirkt befreit im neuen Amt.

Omnipräsenz ist geblieben

Nach sieben Jahren an der SPD-Spitze hatte er eingesehen, dass die Partei mit ihm chancenlos sein würde. Er stand für die Grosse Koalition, unter Kanzlerin Angela Merkel diente er als Umwelt-, Wirtschafts- und nun als Aussenminister. Für die SPD hat er noch Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident durchgesetzt und Martin Schulz zu seinem Nachfolger erkoren.

Die anfängliche Euphorie um Schulz ist zwar abgeebbt, dennoch stehen die Sozialdemokraten aktuell mit rund 30 Prozent deutlich besser da als unter Gabriel. Geblieben ist Gabriels Omnipräsenz. Oft besucht er mehrere Länder pro Woche. Die erste Reise galt Paris. Mit dem französischen Amtskollegen Jean-Marc Ayrault suchte und fand er schnell eine gemeinsame Basis. Sie geben mitunter gemeinsame Erklärungen ab, Anfang April flogen sie gemeinsam nach Mali.

Ähnlich eng ist das Verhältnis zu den Niederlanden. Mit Aussenminister Bert Koenders eröffnete Gabriel auf Malta die «Diplo-WG». Die Botschaften beider Länder arbeiten unter einem Dach. «Ein gutes Zeichen für Europa», twitterte Gabriel.

Zu den ersten Reisen zählte der Trip in die USA Anfang Februar, wo Gabriel auf Vizepräsident Mike Pence und Aussenminister Rex Tillerson traf. Die drei Novizen in ihren Ämtern verstanden sich gut. Ein wenig war Gabriels Visite auch der Eisbrecher für Merkels Besuch im Weissen Haus sechs Wochen später. Seine Ansicht zur neuen US-Administration verpackte Gabriel geschickt. Beim Besuch der Kongressbibliothek las er vor Kameras Sätze aus einer deutschen Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung von 1776 vor.

Deutlicher wurde Gabriel in Moskau im März, wo er unter anderen Präsident Wladimir Putin traf. Dem Vorwurf Moskaus, die Nato kreise Russland ein, widersprach er. Vorher hatte er noch Warschau besucht und dort die Stationierung von 4000 Nato-Soldaten in Polen und im Baltikum verteidigt. Auch die drei baltischen Staaten hat Gabriel besucht. Es ist ein Kontrapunkt zu Vorgänger Steinmeier, der 2016 die Nato vor «Säbelrasseln und Kriegsgeheul» gewarnt hatte.

Lob für Hartnäckigkeit

Auf Gabriels Reiseplan standen auch schon die Ukraine, Grossbritannien, der Irak, Serbien, Kosovo und Griechenland. Heikel war die jüngste Visite in Israel. Weil er darauf bestand, sich auch mit regierungskritischen Gruppen zu treffen, strich Premier Netanyahu ein Gespräch mit dem Deutschen. Merkel stellte sich hinter ihren Aussenminister, der für seine Hartnäckigkeit von der deutschen Presse viel Lob bekam.

Gabriel wirkt zufrieden. Dazu trägt auch persönliches Glück bei. Am 4. März kam Tochter Thea zur Welt. Eine Magenoperation kurz vor Weihnachten führte zu einer deutlichen Gewichtsabnahme. Und in Umfragen hat er Schulz ein- oder gar überholt. Gut vorstellbar, dass Gabriel die Aufgabe nach der Bundestagswahl gern weiter erfüllen würde.

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