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Friedensnobelpreis geht an die EU

Seit sechs Jahrzehnten ohne Krieg: Das Nobelpreiskomitee zeichnet die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis 2012 aus.

Dem Anfang wohnte wenig Zauber inne, dafür viel bittere Ironie. Erst die verheerende Erfahrung zweier Weltkriege und der sich anbahnende Ost-West-Konflikt verhelfen der europäischen Idee 1957 zum Durchbruch: Riesenflagge in Barcelona. (9. Mai 2008)
Dem Anfang wohnte wenig Zauber inne, dafür viel bittere Ironie. Erst die verheerende Erfahrung zweier Weltkriege und der sich anbahnende Ost-West-Konflikt verhelfen der europäischen Idee 1957 zum Durchbruch: Riesenflagge in Barcelona. (9. Mai 2008)
Reuters
Vorläufer der EG: Der französische Aussenminister Robert Schuman unterzeichnet den Vertrag zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. (1950)
Vorläufer der EG: Der französische Aussenminister Robert Schuman unterzeichnet den Vertrag zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. (1950)
AFP
Angela Merkel an der deutschen Grenze zu Polen. (21. Dezember 2007)
Angela Merkel an der deutschen Grenze zu Polen. (21. Dezember 2007)
AFP
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José Manuel Barroso ist stolz und auch ein bisschen überrascht: «Ich muss sagen, als ich heute morgen aufgewacht bin, habe ich nicht erwartet, dass es so ein guter Tag wird», verkündet der Präsident der Europäischen Kommission in Brüssel. Kurz zuvor gab das Norwegische Nobelkomitee bekannt, dass die Europäische Union in ihrer schwersten Krise den Friedensnobelpreis bekommt. Dem angeschlagenen Staatenbund könnte der Preis neuen Schwung bei der Bewältigung der Krise und den Arbeiten an einer erneuerten Europäischen Union geben – er ist jedoch auch eine Warnung.

Gute Nachrichten sind die EU-Vertreter nicht mehr gewöhnt: Seit bald drei Jahren geht es nur noch um die Schuldenkrise und den Streit ums Geld. Zwischen armen und reichen Ländern, zwischen Norden und Süden sind nationale Ressentiments aufgeflammt, in mehreren Ländern ist der Aufstieg populistischer Anti-Europa-Parteien zu beobachten. Champagnerflaschen seien zwar im Hauptquartier der EU-Kommission noch nicht entkorkt worden, aber: «In einer dunklen Zeit ist das ein Lichtstrahl», heisst es von den Sprechern der Brüsseler Institution über den Friedensnobelpreis.

Krieg ist undenkbar

Das Nobelkomitee ehrt mit seiner Entscheidung den Beitrag der EU für ein stabiles und friedliches Europa. «Die Union und ihre Vorgänger haben über sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte beigetragen», lautet die Begründung. «Über einen Zeitraum von 70 Jahren haben sich Deutschland und Frankreich in drei Kriegen bekämpft. Heute ist ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar», nennt das Komitee die beiden früheren Erzfeinde und Gründungsmitglieder der EU als Beispiel.

Die EU ist in der Tat mehr als, wie oft behauptet, ein Bürokratiemonster, das Glühbirnen verbietet und die Krümmung von Gurken festlegen will. Der Staatenbund ist nach dem Zweiten Weltkriegs entstanden, als Europa in Trümmern lag. Im Lauf der Jahrzehnte wurden ebenso Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland eingebunden, die Militärdiktaturen erlebt hatten, wie frühere kommunistische Staaten, die durch den Eisernen Vorhang von ihren heutigen Nachbarn getrennt waren. Nun streben mehrere Balkanländer einen Beitritt an, die vor nicht einmal 20 Jahren die bisher letzten Kriege in Europa kämpften.

Er ist auch eine Ermahnung

«Die EU ist die grösste friedensstiftende Institution, die jemals in der Weltgeschichte geschaffen wurde», zeigt sich EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy geradezu euphorisch über die «grösstmögliche Anerkennung für die tiefen politischen Motive» der EU. Doch der Nobelpreis ist mehr als eine Anerkennung – er ist auch eine Ermahnung. Die Ehrung müsse die EU daran erinnern, über ihre eigenen Grenzen hinweg für ihre Werte zu werben, sagt Louise Arbour, Präsidentin der Denkfabrik International Crisis Group. «Zuletzt musste sie sich aufgrund der Krise viel um eigene Probleme kümmern, im Ausland war sie weniger präsent.»

Angesichts von vielerorts gekürzten Sozialleistungen, wütenden Protesten gegen die Sparpolitik und Rekordarbeitslosigkeit in vielen Ländern kann der Preis jedoch auch als deutlicher Hinweis gesehen werden, Zusammenhalt und Frieden in der EU nicht zu gefährden. «Die EU erlebt derzeit ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten und bedeutende soziale Unruhen», warnt das Nobelkomitee die Europäer, die wohl schon in einer Woche auf einem EU-Gipfel wieder über die Aufsicht von Banken und Lehren aus der Schuldenkrise streiten werden.

«Was bei uns bedroht ist, ist der Frieden nach innen», räumt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz inmitten der Feierstimmung ein. «Wir sind der reichste Kontinent der Welt, aber wir haben eine sehr schlechte Verteilung dieses Reichtums.» Dies sei einer Union, die den Friedensnobelpreis bekommt, «unwürdig», findet der deutsche SPD-Politiker. «Wir müssen Europa selbst die Kraft geben, ein Stück mehr an Gerechtigkeit, das wir dringend brauchen, nach innen zu verwirklichen.»

Die fünf letzten Gewinner des Friedensnobelpreises:

2007: Al Gore, früherer US-Vizepräsident, und der Weltklimarat (IPCC) 2008: Martti Ahtisaari, ehemaliger finnischer Präsident 2009: Barack Obama, US-Präsident 2010: Liu Xiaobo, chinesischer Dissident 2011: Ellen Johnson Sirleaf, liberianische Präsidentin, Leymah Gbowee, liberianische Aktivistin, und Tawakkul Karman, jemenitische Bürgerrechtlerin

(sda/AFP)

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