Freier schlagen, Prostituierte treffen

Ausgerechnet das traditionell libertäre Frankreich will die Prostitution offiziell «abschaffen»: Ein Gesetz bestraft die Freier und auferlegt ihnen Entwöhnungskurse. Die Prostituiertenorganisationen laufen Sturm gegen das Gesetz.

Mit dem neuen «Antifreiergesetz» will Frankreich den Markt des Sex­gewerbes, wie hier im Pariser Pigallequartier, austrocknen.

Mit dem neuen «Antifreiergesetz» will Frankreich den Markt des Sex­gewerbes, wie hier im Pariser Pigallequartier, austrocknen.

(Bild: afp)

Der Besuch des Pariser Rotlichtviertels Pigalle kann in Zukunft ganz schön ins Geld gehen. Und das nicht nur wegen der «Tarife» des horizontalen Gewerbes: Wer von der Polizei in flagranti mit einer «Belle de Nuit», einer «Nachtschönen», erwischt wird, zahlt in Zukunft 1500 Euro Busse. Im Wiederholungsfall sind es sogar 3750 Euro. Ergänzend kann ein «Stage zur Sensibilisierung» angeordnet werden. Ein Anlass, den man auf Deutsch etwa als Entwöhnungskurs wie bei Alkoholikern oder als Resozialisierungsprogramm für Verkehrssünder bezeichnen würde.

Das entsprechende Gesetz will die Nationalversammlung in Paris heute definitiv verabschieden. Die Annahme durch die rot-grüne Parlamentsmehrheit scheint gesichert. Zwar ist der konser­vativ dominierte Senat dagegen, das Gesetz kann er aber nicht verhindern.

Zuhälterei einschränken

Feministisch orientierte Ministerinnen wie Marisol Touraine und Najat Vallaud-Belkacem hatten sich jahrelang für die «Abschaffung» der Prostitution eingesetzt. Darunter verstehen sie nicht etwa ein Verbot, sondern den intensivierten Kampf gegen Zuhälterei und Menschenhandel: 90 Prozent der «prostituierten Personen», wie es geschlechtsneutral heisst, stammen aus dem Ausland – aus China, Osteuropa oder im Fall der Transvestiten aus Südamerika.

Die Hauptbetroffenen laufen allerdings noch immer Sturm gegen das Gesetz. Dieses stelle ihr Gewerbe infrage, meint etwa das «Syndikat der Sexarbeit» (Strass). Und die Organisation gilt keineswegs als politisch reaktionär – ihr Büro betreibt sie bei der militanten Organisation Act Up, die sich den Einsatz für Aidskranke auf die Fahnen geschrieben hat. Für heute ruft Strass zu einer Demonstration vor der Nationalversammlung auf, weil das Gesetz «gefährlich» sei für Prostituierte.

Der Gewalt ausgeliefert

Mit dem neuen Recht würden Prostituierte von der Strasse vertrieben und in versteckte Hinterzimmer abgedrängt, wo sie gewalttätigen Kunden, Zuhältern oder Polizisten stärker ausgeliefert seien als bisher.

Die Initiantin des Gesetzes, die sozialistische Abgeordnete Maud Olivier, entgegnete in der Parlamentsdebatte, in Ländern wie Schweden, Norwegen und Island habe die bereits eingeführte Freierbusse zu positiven Resultaten geführt: Die Prostitution sei um die Hälfte zurückgegangen, und die anfänglich skeptische öffentliche Meinung sei heute klar ­dafür.

Gegen den Willen des Volkes

In Frankreich sind derzeit 68 Prozent der Befragten dagegen. Viele von ihnen wollen nicht verstehen, dass das nicht nur katholische, sondern auch libertäre Frankreich dem skandinavischen Modell folgen soll. Diverse Petitionen mit sprechenden Namen wie «Hände weg von meiner Hure» oder Prominente wie Schauspielerin Catherine Deneuve wandten sich gegen die «Verbotskultur». Patrick Pharo von der französischen Forschungszen­trale CNRS meinte, die Prostitution erlaube über die Zwänge des Eheregimes hinaus eine «Bereicherung der sexuellen Praktiken», was auch in der Literatur und in Filmen zum Ausdruck komme.

Feministischer Protest

Für die Juristin und Frauenrechtlerin Christine Le Doaré geht es hingegen darum, «Schuld und Beweislast» von den Prostituierten auf die Freier zu verlagern. Deshalb streicht das Gesetz auch das Verbot des «Anmachens» auf der Strasse. Prostituierten war es in Frankreich bisher untersagt, Kunden auf der Strasse auch nur durch augenfällige Kleidung anzuziehen.

Gegen das Gesetz sind aber auch Feministinnen wie Elisabeth Badinter. «Ich finde es nicht normal, dass man den Frauen erlaubt, sich zu prostituieren, aber den Männern untersagt, zu ihnen zu gehen», meinte sie. Generell widerspreche das Gesetz dem hart erkämpften Frauenrecht, frei über den eigenen Körper verfügen zu können.

Moderne Sklaverei

Le Doaré entgegnete, diese angebliche Freiheit sei in den meisten Fällen eher ein Fall moderner Sklaverei. Es gehe nicht um Moral oder Prüderie, sondern um das «Austrocknen» des Marktes. Das neue Gesetz sieht deshalb auch vor, dass ausländische Prostituierte, die auf illegale Weise nach Frankreich gekommen sind und ihr Metier aufgeben wollen, eine Starthilfe in Form einer sechsmonatigen Aufenthaltsbewilligung erhalten.

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