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Finanzkrise erschüttert britische Tories

Verunsicherte Gesichter beim Parteitag der Konservativen. Auf das Finanzchaos waren sie nicht gefasst. Labour holt auf. Tory-Chef David Cameron braucht eine neue Strategie.

Für einmal gab sich David Cameron staatsmännisch. Die Partei, sagte der Vorsitzende der britischen Konservativen seinen verblüfften Parteigängern, werde der Labour-Regierung Gordon Browns bei der Bewältigung der gegenwärtigen globalen Finanzkrise fest zur Seite stehen. Die Sache müsse «gemeinsam angepackt» werden, sagte Cameron auf dem Tory-Parteitag in Birmingham. Was man nicht brauchen könne im Vereinigten Königreich, sei «die Art übler politischer Streiterei», die man gerade in Washington erlebt habe.

In einen Topf mit den US-Republikanern wollen die Insel-Konservativen nicht geworfen werden – auch wenn sie diesen, in ihrer traditionellen Marktbegeisterung, relativ nahe stehen. Finanzsprecher George Osborne, der Schattenschatzkanzler, wurde jedenfalls umgehend nach London entsandt, um sich mit der Regierung diskret auf ein gemeinsames Programm zu einigen. Seriosität, politische Weitsicht war das Gebot der Stunde für Cameron.

Cameron beschwört den Wandel

Das Tory-Fussvolk, scharfe Angriffe auf Labour gewohnt, schaute sich verwundert um. Immerhin wehrte sich ihr Parteichef nachdrücklich gegen Browns Diktum vom Labour-Parteitag der letzten Woche, in der jetzigen Krise werde «kein Neuling» gebraucht. «Mehr als Erfahrung brauchen wir Charakterstärke und Urteilsvermögen», setzte Cameron gestern dagegen. «Um unsere Wirtschaft wieder aufzubauen und unsere bröckelnde Gesellschaft zu reparieren, brauchen wir nicht mehr vom Gleichen, sondern echten Wandel.»

Ansonsten aber war Cameron durchwegs um eine ernste Miene zum globalen Spiel bemüht. Die Konservativen würden sich als «verantwortungsbewusste Opposition» erweisen, sagte er. Schliesslich gebe es gegenwärtig nichts Wichtigeres, als mit vereinten Kräften «die Stabilität des Banken- und Finanzwesens zu sichern».

Nicht nur die Stabilität der Banken, auch die eigene Stabilität liegt der Tory-Spitze am Herzen. Im Vorfeld ihres Parteitags hatten die Konservativen keinen klaren Kurs zur Finanzkrise erkennen lassen. Schattenschatzkanzler George Osborne hatte zunächst abgestritten, dass die Finanzmärkte für die wachsenden ökonomischen Probleme im Lande verantwortlich zu machen seien. Er hatte die umstrittenen Leerverkäufe von Aktien der jüngsten Vergangenheit verteidigt, die Verstaatlichung von Banken abgelehnt und erklärt, zu einem funktionierenden Kapitalismus gehöre nun mal, dass Profit auch aus menschlichem Elend geschlagen werde.

Erst diese Woche wechselte Osborne die Position und drohte mit einem Mal City-Bankern, man werde sie haftbar machen für das «Chaos», das sie im «kapitalistischen Casino» angerichtet hätten. Und Tory-Chef Cameron erklärte, er und seine Partei hätten «keine Angst, sich dem Big Business in den Weg zu stellen». Die Nase im Wind, war der Tory-Chef zu der Tatsache erwacht, dass das Bündnis seiner Partei mit dem grossen Geld unter Wählern, die um Ersparnisse, Arbeitsplätze, Renten bangen, erstmals Unmut hervorrief – und mühsam erkämpfte Stimmen kostete.

Der Vorsprung hat sich halbiert

Die jüngste Unordnung auf den Finanzmärkten hat, wie sich in Birmingham zeigte, das Selbstvertrauen der Tories ordentlich erschüttert. Seit vielen Monaten führen die Konservativen in allen Umfragen vor der regierenden Labour Party. Noch vor ein paar Wochen wurde ihnen eine Zweidrittelmehrheit im nächsten Unterhaus vorausgesagt. Gordon Brown schien allen Kredit im Lande verspielt zu haben. Cameron sah die Schlüssel zu No. 10 Downing Street in Greifweite vor sich. Dann kam die Finanzkrise, der Kollaps von Banken, das Chaos in Washington. Und Browns wundersame Rehabilitation als Experte mit der nötigen Erfahrung. Während die Tories noch die Freiheit der Märkte verteidigten, setzte sich Labour vorsichtig für Regulierung ein. Brown führte eine kollabierende Bank in die Arme einer anderen und nahm eine dritte in staatlichen Besitz. Mittlerweile kann der Premier darauf verweisen, dass wieder mehr Briten ihm in Sachen Wirtschaft vertrauen als Cameron. Selbst der im Sommer gewaltig gewachsene Abstand zwischen Tories und Labour in den Umfragen ist von 20 auf 10 Prozentpunkte geschrumpft.

Unsicherheit in der Krise hat die Konservativen merklich abgebremst. Auf dem Parteitag suchte Cameron den Seinen einzuschärfen, dass sie bald wieder beschleunigen würden. Aber er schaute auch in den Rückspiegel – und was er sah, konnte ihm kaum gefallen.

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