Erzbischof fordert Rücktritt des Papstes

Ein früherer US-Nuntius behauptet, Franziskus habe den Missbrauchsskandal vertuscht. Dieser will «kein Wort» zu den Vorwürfen sagen.

Papst Franziskus (hier während seines Irlandbesuchs am 26. August) betete für die Missbrauchsopfer. Foto: Gregorio Borgia (Keystone)

Papst Franziskus (hier während seines Irlandbesuchs am 26. August) betete für die Missbrauchsopfer. Foto: Gregorio Borgia (Keystone)

Michael Meier@tagesanzeiger

Der Missbrauchsskandal in Pennsylvania überschattete dieses Wochenende den Papstauftritt in Irland. Damit nicht genug: Während Franziskus am Sonntagmorgen am Wallfahrtsort Knock für die Missbrauchsopfer betete, brauten sich über ihm dunkle Wolken zusammen. Ein elfseitiges Schreiben wurde publik, in dem ihn der frühere Nuntius der USA, Carlo Maria Vigano, zum Rücktritt auffordert: Franziskus habe den Missbrauch des früheren Erzbischofs von Washington, Theodore McCarrick, an einem Minderjährigen sowie an Seminaristen vertuscht.

Schon Franziskus’ Vorgänger, Papst Benedikt XVI. soll laut Vigano 2009 und 2010 gegen McCarrick Sanktionen verhängt haben, die nie öffentlich wurden: Er musste das Seminar verlassen, in dem er lebte, durfte nicht mehr reisen, öffentlich die Messe feiern oder Vorträge halten. Der Vatikan-Diplomat schreibt, er habe Franziskus 2013 über diese Sanktionen gegen McCarrick informiert und ihm gesagt, dass dieser ein Serientäter sei. Franziskus habe den Kardinal gedeckt, die von Benedikt verhängten Sanktionen aufgehoben und ihn zu einem wichtigen Berater gemacht. McCarrick sei zum Königsmacher für Bischofsernennungen in den USA avanciert und im Vatikan zum meistgehörten Berater für die Beziehungen zur Obama-Regierung.

Vorwürfe sind begründet

Am 20. Juni nun hat Franziskus gegen den heute 88-jährigen McCarrick ähnliche Sanktionen verhängt wie damals Benedikt und ihn aus den Kardinalsstand entlassen. Zu diesem Zeitpunkt erhärtete eine Untersuchung der Erzdiözese New York das schwerwiegend unmoralische Verhalten des US-Kardinals. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Minderjährigen wurde als begründet beurteilt, ebenso die Anschuldigungen wegen sexuellen Fehlverhaltens gegenüber erwachsenen Männern.

Das Gewissen gebiete ihm, so Vigano in seiner beispiellosen Anklage gegen das Kirchenoberhaupt, die Wahrheit publik zu machen, da die Korruption die Spitze der Kirchenhierarchie erreicht habe. Nicht nur Franziskus, auch Kardinäle hätten über die Untaten McCarricks Bescheid gewusst, etwa Staatssekretär Pietro Parolin und der amtierende Erzbischof von Washington, Donald Wuerl. Dieser bestritt gestern jedoch, von früheren Sanktionen gegen seinen Vorgänger gewusst zu haben.

Vigano, bis 2016 der päpstliche Gesandte in Washington, fordert Franziskus auf, sein Mandat niederzulegen. Er solle den Kardinälen und Bischöfen ein Beispiel geben, die McCarricks Missbrauch vertuscht hätten, und mit ihnen gemeinsam zurücktreten. Der konservative Ex-Diplomat versetzt damit den Franziskus-kritischen rechten Flügel der US-Kirche in helle Empörung.

Vigano wirft Franziskus auch vor, das Vertuschungsgebaren von Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga in Honduras zu schützen. Der Erzbischof von Tegucigalpa ist einer der wichtigsten Berater des Papstes.

Es ist nicht das erste Mal, dass Franziskus vorgeworfen wird, fehlbare Würdenträger zu decken. Anfang Jahr hatte er den Vertuschungsvorwurf gegen den chilenischen Bischof Juan Barros als Verleumdung abgetan. Später dann entschuldigte er sich für diese Fehleinschätzung und nahm den Rücktritt gleich mehrerer chilenischer Bischöfe an.

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