Erdogans US-Geisel

Der Pastor Andrew Brunson wird seit 21 Monaten in der Türkei festgehalten. US-Präsident Donald Trump droht mit Sanktionen.

Unter Terror- und Spionageverdacht: Andrew Brunson, US-Pastor unter Hausarrest in Izmir.

Unter Terror- und Spionageverdacht: Andrew Brunson, US-Pastor unter Hausarrest in Izmir.

(Bild: AFP)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Donald Trump fordert von der Türkei schon lange die Freilassung von Pastor Andrew Brunson. Der 50-jährige Amerikaner wurde am Mittwoch aus der Untersuchungshaft entlassen, die Türkei darf er gleichwohl nicht verlassen. Brunson steht unter Hausarrest in Izmir. Der Pastor ist wegen Terror- und Spionageverdachts angeklagt. Sein Prozess wird am 12. Oktober fortgesetzt. Ihm droht eine Haftstrafe von bis zu 35 Jahren.

«Dieser unschuldige Glaubensmann sollte sofort freigelassen werden», twitterte Präsident Trump. Gleichzeitig drohte er der Türkei mit umfassenden Sanktionen. In den Worten von Trump ist Brunson «ein grossartiger Christ, Familienmensch und eine wundervolle Person». Brunson leide sehr, schrieb Trump. Drohungen an die Türkei hatte bereits Vizepräsident Mike Pence bei einer Konferenz über religiöse Freiheit in Washington ausgesprochen: «Lasst ihn frei oder erleidet die Konsequenzen.»

Der evangelikale Geistliche war im Oktober 2016, drei Monate nach dem gescheiterten Putschversuch, festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und insbesondere für die Gülen-Bewegung gearbeitet zu haben. Die Bewegung des in den USA lebenden islamistischen Predigers Fetullah Gülen wird von Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Putschversuch verantwortlich gemacht. Die Gülen-Bewegung gilt als Terrororganisation.

Brunson seit 23 Jahren in der Türkei

Schliesslich steht Pastor Brunson im Verdacht, für die USA spioniert zu haben. In der Erdogan-nahen Zeitung «Takvim» wird Brunson als «CIA-Pastor» bezeichnet. «Takvim» macht ihn sogar zu einem hochrangigen CIA-Agenten und hochrangigen Mitglied der Gülen-Bewegung.

Brunson weist alle Vorwürfe zurück. Er habe in seinem Leben nie einen Gülen-Anhänger gesehen. Philipp Kosnett, US-Botschafter in der Türkei, verfolgt den Brunson-Prozess. Nach der letzten Anhörung sagte Kosnett, dass er bisher keinen Hinweis für eine kriminelle oder terroristische Handlung von Brunson gehört habe.

Der aus North Carolina stammende Brunson lebt schon seit 23 Jahren in der Türkei. Mit seiner Frau betreibt der 50-jährige Pastor eine kleine protestantische Kirche in Izmir. Brunsons Ehefrau Norine, mit der er drei Kinder hat, war vor 21 Monaten ebenfalls festgenommen, aber nach 13 Tagen wieder freigelassen worden.

Pfarrer Brunson wird in den Hausarrest entlassen. (Video: AFP)

Tauschhandel Brunson gegen Gülen

Aus der Sicht der US-Behörden sind die Anschuldigungen gegen Brunson fabriziert. Nicht abwegig ist der Verdacht, dass die Türkei den Pastor als Geisel gefangen hält, obwohl sie auf die Unabhängigkeit der Justiz hinweist. Präsident Erdogan selbst hatte diesen Verdacht genährt, als er letztes Jahr eine Freilassung Brunsons in Aussicht stellte, sollten die USA den Prediger Gülen ausliefern. Auch mehrere türkische Regierungsmitglieder hatten sich ähnlich geäussert. Bislang sahen die US-Behörden keinen Grund, den in Pennsylvania lebenden Gülen an die Türkei zu übergeben.

Nach den jüngsten Twitter-Attacken von Trump hat sich die Türkei jede Art von Drohungen verbeten. «Niemand macht der Türkei Vorschriften», twitterte Aussenminister Mevlüt Cavusoglu. «Der Rechtsstaat gilt für alle – ohne Ausnahme.»

Der Fall Brunson sorgt für angespannte Beziehungen zwischen Ankara und Washington. Deren Verhältnis wird aber auch durch weitere Streitfragen belastet. Nach der Entscheidung der Türkei, von Russland S-400-Luftabwehrraketen zu kaufen, gab es Forderungen im US-Kongress, Ankara keine F35-Kampfflugzeuge zu verkaufen. Ein weiterer Streitpunkt ist die US-Militärhilfe für die syrischen Kurden.

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