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Einer glaubt noch an François Hollande – er selbst

In einem Jahr sind in Frankreich Präsidentschaftswahlen. Doch schon jetzt verstrickt sich Amtsinhaber François Hollande beim Kampf um seine Wiederwahl in ein geradezu shakespearesches Drama.

François Hollande versuchte sich als «président normal» – und nahm statt des Präsidialjets den Zug.
François Hollande versuchte sich als «président normal» – und nahm statt des Präsidialjets den Zug.
Keystone

Die Präsidenten der Fünften Republik Frankreichs hatten bisher etwas gemeinsam: Ob Charles de Gaulle oder François Mitterrand, ob Jacques Chirac oder Nicolas Sarkozy – jeder von ihnen war der «candidat naturel» für seine Wiederwahl. Nicht alle wurden wiedergewählt: Valéry Giscard d’Estaing verpasste die Wiederwahl 1981, Sarkozy 2012. Doch jeder war der logische, der unangefochtene Anwärter seines politischen Lagers – schon aufgrund seiner Amts- und Machtfülle, aber auch wegen der quasimonarchischen Aura seiner Funktion.

Der «Pedalo-Kapitän»

Unter dem amtierenden Staatschef ist alles anders. Hollande möchte im Mai 2017 auch wieder antreten. Der 61-jährige Sozialist legt zu diesem Zweck sogar eine unverwüstliche Energie, gute Laune und Entschlossenheit an den Tag. Er will es noch einmal wissen, aber er hat ein Problem: Die Franzosen wollen nichts mehr von ihm wissen.

Der letzte grosse Fernsehauftritt des Präsidenten im April kam auf eine tiefere Einschaltquote als eine beliebige TV-Serie auf dem Nachbarsender. «Du jamais vu», lautete das Presseecho. «Noch nie gesehen» war auch die Behandlung, die Hollande zuteilwurde: Als er in der Sendung behauptete, sein Land verhalte sich gegenüber den Flüchtlingen so humanitär wie Deutschland, fiel ihm die Journalistin Léa Salamé ins Wort: «Das ist wohl ein Witz?» Ein de Gaulle oder ein Mitterrand – unter dem Hollande als Berater seine ersten Sporen abverdient hatte – wäre nicht so behandelt worden, und wenn, wäre die Journalistin nicht lange auf ihrem ­Posten geblieben.

Jean-Luc Mélenchon, Chef der Linken, bezeichnete Hollande schon als «Pedalo-Kapitän», und die Sängerin Carla Bruni, deren Gatte Sarkozy mit Hollande seit 2012 eine Rechnung offen hat, trällert in einem verkappten Hollande-Chanson: «Schau her, Pinguin, du siehst ja ganz einsam aus in deinem Garten.»

Ja, der Präsident ist einsam in seinem Stadtpalast, und erste Berater suchen bereits das Weite. Das ist nicht neu: Gemäss Umfragen wollen 80 Prozent nicht, dass Hollande noch einmal antritt. Der konservative Abgeordnete Hervé Mariton twitterte: «Sogar eine Ziege würde François Hollande 2017 schlagen.»

Der Inkompetente

Ein Umstand ist besonders bitter für den Präsidenten, der im Wahlkampf 2012 erklärt hatte, seine Priorität sei es, dass es der Jugend zum Ende seines Man­dates besser gehe: 87 Prozent der stimmberechtigten Jugendlichen wollen ihn nicht mehr als Kandidaten. Im eigenen Lager klingt es nicht viel besser. Für den linken Soziologen Michel Wieviorka steht eine Wiederkandidatur Hollandes bei der Präsidentschaftswahl 2017 nicht mehr zur Diskussion: «François Hollande wird nur ein Mandat absolvieren. Er wird wie Ludwig XV. enden, der nachts und heimlich begraben wurde, weil er das Volk dermassen gegen sich aufgebracht hatte.»

Auch Starökonom Thomas Piketty («Das Kapital im 21. Jahrhundert») wirft ihm vor, er neu­tralisiere mit seiner Austeritätspolitik alle Anstrengungen, den Konjunkturmotor wieder anzuwerfen. Und als Hollande vom Front National die Idee übernehmen wollte, Terroristen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, urteilte Piketty: «Zur Inkompetenz kommt auch noch die Schmach.»

Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte ein sympathischer Vollblutpolitiker so tief fallen, nachdem er den «Zampano» Sarkozy 2012 recht souverän geschlagen hatte? Nicht zu vergessen: Hollande, der nur eine Ersatzlösung für den sexualpolitisch gestrauchelten Favoriten Dominique Strauss-Kahn war, kam in der Wahl zugute, dass die Franzosen «tous sauf Sarkozy» (alle, nur nicht Sarkozy) wollten.

Der Gefühllose

Guten Willens, wie er ist, versuchte sich Hollande als «président normal». Er nahm anfangs den TGV statt des Präsidialjets – und das Motorrad, wenn er zur Geliebten Julie Gayet fuhr. Das machte den Präsidenten zum Gespött und untergrub seine Autorität. Hollande zeigt keine Reaktion; er lächelt nur und schweigt zur Frage, ob Frankreich noch eine First ­Lady habe, mit Verweis auf seine «Privatsphäre». «Er hat keine ­Gefühle», meint der ehemalige Arbeitsminister und Hollande-Vertraute François Rebsamen, das joviale Image seines ehemaligen Vorgesetzten infrage stellend: «So etwas habe ich noch nie erlebt. Dieser Mann ist aus Stein.»

Zum Verhängnis wurde Hollande aber nicht sein Privatleben, sondern sein Versprechen, er werde die Arbeitslosigkeit senken. Sie ist seit 2012 um 600'000 «chômeurs» gestiegen. Hollandes Reformen verkommen meist zu blossen Retuschen. Als wäre er noch an der Verwaltungseliteschule ENA, «synthetisiert» er seine Vorhaben, passt sie der Stimmung im Land an, einmal nach links, dann wieder nach rechts.

Ein Schritt zu den Grünen hin, einer zur Nuklearindustrie. Er versucht sich als Schröder und als Renzi und bringt es doch nie weiter als zum «Monsieur normal». Gewiss erinnert er sich selbst noch an die Ausstrahlung seines ersten wichtigen Arbeit­gebers, François Mitterrand, der jeweils wie auf einer Wolke in den Festsaal des Elysées geschwebt war. Tritt Hollande ein, geht kein Raunen durch den Saal. Schüttelt er die Hände, wähnt man sich immer noch dem einstigen Parteifunktionär gegenüber.

Der Ach-so-Normale

Kurzum: Frankreichs ach so normaler Bürgerpräsident will es allen recht machen und bringt nur alle gegen sich auf, seinen linken Parteiflügel genauso wie die Rechtsopposition. Es ist wie verhext, muss er sich sagen.

Doch Hollande wäre nicht Hollande – sprich: ein unverbesser­licher Optimist –, wenn er nicht selbst in diesem Umstand eine Chance sähe. Seine Spindoktoren im Elysée erklären, dass die diversen sozialistischen Umfragefavoriten letztlich zu wenig breit abgestützt seien: Premierminister Manuel Valls und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron seien für die Partei zu rechts, die Ex-Minister Arnaud Montebourg oder Benoît Hamon für die Mittewähler zu links. Nur einer vermöge Wähler von weit links bis ins Zentrum hinter sich zu scharen: der Gleiche, der schon 2012 gewonnen habe.

Ist Hollande tatsächlich der Einzige seines Lagers, der es in die Stichwahl schaffen könnte und dort zumindest gegen Marine Le Pen intakte Wahlchancen hätte? Das Szenario überzeugt partei­ungebundene Kritiker wie Piketty oder Wieviorka nicht. Sie verlangen mit Nachdruck, dass die Linken in einer Vorausscheidung einen Präsidentschaftskandidaten küren. Und zwar, wie sie rücksichtslos präzisieren, am besten ohne den Loser im Elysée. Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis, ein Hollande-Vertrauter, kann sich der Forderung nach einem linken Einheitskandidaten nicht gut widersetzen. Aber er schweigt zur entscheidenden ­Frage, ob sich der Präsident dieser Primärwahl unterziehen müsste.

Erniedrigend wäre für den Staatschef allein schon der Umstand, mit einem Dutzend anderer Kandidaten debattieren zu müssen. Der hohe Präsident der Republik in den Untiefen der Parteipolitik – undenkbar! Und doch feilscht Hollande im Hintergrund verzweifelt um seinen Rang: Er sei «nicht grundsätzlich gegen» eine Primärwahl, lavieren seine Berater; Bedingung sei aber, dass der Staatschef neben den Kandidaten der Grünen oder der Kommunisten der einzige Vertreter der Sozialisten sei.

Der Unpopulärste

Trotz allem wäre es falsch, Hollande abzuschreiben. Die Wirtschaft wächst etwas schneller als erwartet, die Zahl der Arbeits­losen sinkt seit einem Monat. In den Pariser Medien taucht effektiv die Frage auf, ob Frankreich vielleicht über dem Berg sei. Der Präsident prägt einen neuen Slogan: «Ça va mieux» – es gehe Frankreich besser. Und bereits legt er in den Umfragen ganz leicht zu.

Der unpopulärste Staatschef der Fünften Republik sei «wie euphorisiert», vermelden Insider. Als wäre er schon im Wahlkampf, verteilt er Geschenke an einzelne Bevölkerungsgruppen: Für Landwirte, junge Arbeitslose, Beamte und Lehrer stellte er in den letzten Wochen insgesamt 2,4 Milliarden Euro bereit. Kein Entscheid, kein Auftritt, der nicht die Königswahl von 2017 im Visier hätte.

Hollandes Kampf gegen seine Fama, gegen die bösen Auguren, die Miesmacher, ist lanciert. Es ist ein einsamer Kampf des ewig Unterschätzten, der beweisen will, dass er es nicht von ungefähr bis ins Elysée geschafft hat und dass er nicht auf verlorenem Posten steht. Das ist Shakespeare-Stoff, die Reconquista des Monarchen, des Obersten im Land, der zuunterst gelandet ist, aber nie aufgehört hat, an sich zu glauben. François Hollande ist der Mann, der seine Chance noch packen würde, auch wenn er keine mehr hätte.

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