Eine Kugel als Warnung

In Montenegro stehen kritische Journalisten im Visier der Unterwelt. Und die hat Verbindungen zur Staatsmacht.

Hier wurde die Investigativjournalistin Olivera Lakic angeschossen. Foto: Risto Bozovic (AP, Keystone)

Hier wurde die Investigativjournalistin Olivera Lakic angeschossen. Foto: Risto Bozovic (AP, Keystone)

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Sie sind alle furchtbar schockiert. Die montenegrinische Regierung sagt, Angriffe auf Journalisten seien nicht akzeptabel. EU-Vertreter warnen, Attacken auf Medienleute würden das Ansehen des Balkanlandes besudeln. Die UNO sprechen von einem «Klima der Angst». In Montenegro ist vergangene Woche erneut eine Enthüllungsjournalistin ins Visier der Unterwelt geraten: Olivera Lakic stand vor ihrer Haustür, als ein unbekannter Mann das Feuer auf sie eröffnete. Die 48-Jährige wurde am rechten Bein getroffen. Die Verletzung war nicht lebensgefährlich, Lakic hat inzwischen ihre Arbeit wieder aufgenommen.

Die Reporterin ist den mächtigen Politikern der Adriarepublik seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie recherchiert für die Tageszeitung «Vijesti» über organisierte Kriminalität, Korruption und Zigarettenschmuggel. In ihren Artikeln wirft sie hochrangigen Polizeibeamten und Politikern vor, sie seien in illegale Geschäfte verwickelt. Lakic war bereits 2012 von einem Unterweltboss verprügelt worden, nachdem sie über eine illegale Zigarettenfabrik in Mojkovac im Norden Montenegros geschrieben hatte. Die Besitzer sollen enge Verbindungen zur Staatsführung unterhalten.

Letzte Woche wurde Olivera Lakic angeschossen, inzwischen hat sie ihre Arbeit wieder aufgenommen. Foto: Boris Pejovic

Die meisten nach Westeuropa geschmuggelten Zigaretten kommen nach Angaben der EU-Kommission aus China. An zweiter Stelle folgt bereits Montenegro. Wer über die Machenschaften der Tabakmafia auspackt, lebt gefährlich. Der Jäger Muharem Fejzic alarmierte die Öffentlichkeit über den Zigarettenschmuggel von Montenegro nach Kosovo. Daraufhin wurde er entführt und in der Umgebung der kosovarischen Stadt Peja verprügelt. Nach seiner Freilassung erhielt Fejzic von der montenegrinischen Justiz eine saftige Busse, weil er dem Geheimdienst vorgeworfen hatte, den illegalen Handel zu decken. Der Whistleblower aus dem Wald, wie Fejzic genannt wird, sagt, er erhalte immer noch Morddrohungen.

In Montenegro werden Journalisten wie Freiwild behandelt. In den letzten Jahren wurden mehrere investigative Reporter angegriffen, vor ihren Häusern explodierten Sprengsätze, es gab Mordversuche und Drohungen. 2004 fiel Dusko Jovanovic, Chefredaktor der Tageszeitung «Dani», einem Attentat zum Opfer. In den 90er-Jahren hatte er kurzzeitig die Finanzpolizei Montenegros geleitet und dadurch einen tiefen Einblick in die Strukturen der organisierten Kriminalität gewonnen. Schon damals galt Montenegro als Drehscheibe für den Zigarettenschmuggel über die Adria nach Westeuropa. Laut einem Bericht der italienischen Anti-Mafia-Kommission stammte zeitweise etwa die Hälfte des Bruttoinlandprodukts der Zwergrepublik aus dem Zigarettenschmuggel.

Premier, Staatschef, Oberschmuggler

An der Spitze des gekaperten Staates steht seit 30 Jahren Milo Djukanovic – als Premier, als Staatschef und mutmasslich als Oberschmuggler. Im April hat er die Präsidentenwahl gewonnen, diese Woche wird er in der alten Hauptstadt Cetinje seinen Amtseid ablegen.

Video – Djukanovic gewinnt Präsidentenwahl

Bei der Präsidentenwahl in Montenegro ist Milo Djukanovic ein Comeback gelungen. Video: Tamedia/Reuters

Djukanovic gilt als Chamäleon der Macht. Er war zu Beginn der Jugoslawienkriege ein glühender Anhänger des serbischen Gewaltherrschers Slobodan Milosevic, doch ab Mitte der Neunzigerjahre kehrte er seinem Ziehvater den Rücken und schwenkte auf einen proeuropäischen Kurs ein. Unterstützt wird er dabei auch von ethnischen Minderheiten, die er nicht unterdrückt, sondern mit Posten und Pfründen bei der Stange hält.

Sein umfassendes Klientelsystem hat immer noch viele Anhänger. Djukanovics sogenannte Demokratische Partei der Sozialisten (DPS) gewinnt Wahl um Wahl auch deshalb, weil viele Oppositionelle die Existenz einer montenegrinischen Nation infrage stellen. Sie schwadronieren über die serbische Identität der Montenegriner und verehren Wladimir Putin, anstatt über drängende Wirtschaftsprobleme zu streiten. Djukanovic gelang 2006 der grösste Erfolg seiner politischen Karriere: Eine Mehrheit der Montenegriner stimmte für die Unabhängigkeit ihrer Republik und die Auflösung des Staatenbundes mit Serbien.

Wegen seiner Methode, mit politischen Gegnern abzurechnen, wird Milo Djukanovic «britva», «das Rasiermesser», genannt.

Als funktionierende Demokratie kann Montenegro kaum bezeichnet werden. Es ist eher ein Familienbetrieb, der von Djukanovic geleitet wird. Sekundiert wird der ungekrönte König von Montenegro von seinem Bruder Aco (ihm gehören die grösste Bank des Landes und unzählige Immobilien, nicht nur an der Adriaküste), Schwester Ana ist eine bekannte Anwältin und zieht die Fäden bei jeder Privatisierung (ihr Name taucht auch in den Paradise Papers auf), Djukanovics Sohn Blazo besitzt mehrere Firmen.

Konsequente Politik der Westbindung

Wegen seiner Methode, mit politischen Gegnern abzurechnen, wird Milo Djukanovic «britva», «das Rasiermesser», genannt. Kurz vor dem Angriff auf die Journalistin Olivera Lakic beschuldigte der Herrscher die Zeitung «Vijesti», sie verbreite «faschistische Ideen». «Vijesti»-Gründer und Mitbesitzer Zeljko Ivanovic spricht von einer «kriminellen Familie Djukanovic», die unabhängige Journalistin Milka Tadic von einem «gesetzlosen Land». Andere Beobachter in der Hauptstadt Podgorica übertreiben wahrscheinlich nur ein wenig, wenn sie Montenegro als Räubernest bezeichnen.

Dennoch soll das Land bis 2025 der EU beitreten, derzeit wird mit Brüssel verhandelt. Djukanovic hat in den letzten Jahren den russischen Einfluss zurückgedämmt, er trägt die EU-Sanktionen gegen Moskau mit. Und vor einem Jahr ist die winzige Republik – mit 13'812 Quadratkilometern ist Montenegro etwa so gross wie die beiden Kantone Graubünden und Bern zusammen – der Nato beigetreten. Der Kreml protestierte dagegen, denn mit der Aufnahme Montenegros schliesst das westliche Verteidigungsbündnis die Adriaflanke. Der Stabilokrat Djukanovic wird für seine konsequente Politik der Westbindung Montenegros in Brüssel und Washington geschätzt. Man gibt sich dort mit der demokratischen Fassade des Balkanlandes zufrieden, die westlichen Werte werden aus geopolitischem Kalkül nicht eingefordert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 20:14 Uhr

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