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Ein Primarlehrer will Irlands Nationalstolz wiederherstellen

Nach dreieinhalb Jahrzehnten in der Politik ist Enda Kenny ganz oben. Er wird neuer Premierminister Irlands. Dennoch galt Kenny bis vor kurzem nicht gerade als Wunschkandidat seiner Landsleute.

Neuer Hoffnungsträger: Der künftige irische Premierminister Enda Kenny.
Neuer Hoffnungsträger: Der künftige irische Premierminister Enda Kenny.
Keystone

Mit dem Sieg seiner Fine-Gael-Partei bei den irischen Parlamentswahlen steht Enda Kennys Aufstieg zum Premierminister nichts mehr im Wege. Im Wahlkampf hat der frühere Primarlehrer den Zorn der Iren auf den scheidenden Premier Brian Cowen genutzt. Wegen der Bankenkrise hatte dieser im November einem milliardenschweren Rettungspaket der Europäischen Union (EU) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) zugestimmt - für viele Iren eine nationale Schmach. Der 59-jährige Kenny will nun den Nationalstolz wiederherstellen und die Konditionen für die Hilfe neu verhandeln. Einfach wird das nicht.

Kenny wurde am 24. April 1951 in Castlebar im Westen Irlands geboren. 1975 wurde er mit nur 24 Jahren Parlamentsabgeordneter, als Nachfolger seines im Amt verstorbenen Vaters. Im ersten Drittel seiner Karriere fristete er ein Hinterbänkler-Dasein, heute ist er der dienstälteste Abgeordnete, der noch im Amt ist. 1994 brachte er es drei Jahre lang zum Minister für Handel und Tourismus. Einige sehen hinter seinem Aufstieg auch das politische Gespür seiner Frau Fionnuala, mit der er drei Kinder hat. Sie war früher Pressesprecherin der nun geschassten Regierungspartei Fianna Fail.

Eher Bürde als Hoffnungsträger

Nach einem vergeblichen Anlauf im Vorjahr übernahm Kenny 2002 die Führung der konservativen Fine Gael. Die Partei steckte damals in einer schweren Krise: Bei den Parlamentswahlen hatte sie mehr als ein Drittel ihrer Abgeordnetensitze verloren. Kennys Vorgänger Michael Noonan warf damals hin, noch bevor alle Stimmen ausgezählt waren. Böse Zungen behaupten, Kenny habe es nur deshalb an die Parteispitze geschafft, weil alle Rivalen ihr Parlamentsmandat verloren hatten.

2004 konnte er als Vorsitzender der Fine Gael dann aber einen beachtlichen Sieg verbuchen: Bei den Europawahlen schaffte es die Partei erstmals seit 1927, bei einem landesweiten Urnengang besser als die Fianna Fail abzuschneiden. Dennoch galt Kenny bis vor kurzem nicht gerade als Wunschkandidat der Iren für das Amt des «Taoiseach» (Premierministers). Im Wahlkampf schien er für seine Partei zeitweise eher Bürde als Hoffnungsträger zu sein: Die Verbesserung seiner Sympathiewerte konnte mit dem steilen Umfrageplus für die Fine Gael nicht mithalten. Die Wähler störte sein zuweilen wenig ausgeprägter Sinn fürs politische Detail und ein gestelzter Redestil.

Neuverhandlungen mit der EU

Scharf kritisiert wurde Kenny, weil er sich weigerte, an der ersten TV-Wahldebatte mit anderen Parteiführern teilzunehmen. Angeblich sollen ihn Berater vor der direkten Konfrontation gewarnt haben, weil ihm in Rededuellen das Durchsetzungsvermögen fehlt. Eine Woche später überzeugte sein Fernsehauftritt dann aber auch seine Kritiker.

Privat hält sich der begeisterte Bruce-Springsteen-Fan mit Radfahren und Wandern fit - Kenny hat schon den Kilimandscharo erklommen. Ausdauer braucht er nun, um bessere Konditionen für die EU- und IWF-Kredite in Höhe von 85 Milliarden Euro zu bekommen, die Irland wahrscheinlich noch in Jahrzehnten zurückzahlen wird. Jeder Nachlass beim Durchschnittszinsatz von fast sechs Prozent würde im irischen Haushalt Milliarden sparen.

In der Zwickmühle

Verhandlungsspielraum sehen in der EU viele - wenn überhaupt - nur, wenn Irland auch seine niedrige Unternehmensteuer von 12,5 Prozent aufgibt. EU-Schwergewichte wie Deutschland und Frankreich kritisieren sie schon lange als Wettbewerbsverzerrung. Für die Iren ist sie dagegen einer der Grundpfeiler ihres dann im Strudel der Finanzkrise verschwundenen Wirtschaftswunders seit den 90er Jahren. Kenny könnte sich damit schnell in einer Zwickmühle wiederfinden: Handelt er in Brüssel einen Kompromiss aus und hebt die Firmensteuer an, werden es ihm seine Landsleute übel nehmen.

AFP/jak

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