Ein Diktator wird umgebettet

Die Gebeine des Gewaltherrschers Francisco Franco wurden exhumiert. Ein Zeichen für Opportunismus?

Verwandte von Franco tragen den Sarg mit dessen sterblichen Überresten. Foto: Reuters

Verwandte von Franco tragen den Sarg mit dessen sterblichen Überresten. Foto: Reuters

Thomas Urban@SZ

44 Jahre nach seinem Tod sind am Donnerstag die sterblichen Überreste von Diktator Francisco Franco umgebettet worden. Der Sarg wurde aus der eigens für ihn angelegten Höhlenbasilika in den Bergen nordwestlich von Madrid herausgeholt und mit einem Helikopter zum Friedhof der Siedlung Mingorrubio am Nordrand der spanischen Hauptstadt gebracht. Dort befindet sich ein kleines Mausoleum seiner Familie, in dem bislang seine Frau begraben war. Im nahe gelegenen Schloss El Pardo hatte Franco residiert. Seine Umbettung hatte der sozialistische Premierminister Pedro Sánchez vorangetrieben. In einer Regierungserklärung legte er dar, dass damit ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Franco-Diktatur (1939 bis 1975) getan sei.

Die Demonstranten zeigten den Gruss der Faschisten, den ausgestreckten rechten Arm, und riefen im Chor: «Es lebe Franco!»

Sánchez kündigte an, dass das Tal der Gefallenen, in dem sich die Höhlenbasilika befindet, zu einer Gedenkstätte umgestaltet werden solle. Das Grab Francos hatte sich bislang hinter dem Hauptaltar befunden. Das Tal der Gefallenen mit seinen monumentalen Säulengängen, einem 150 Meter hohen gewaltigen Betonkreuz auf einem Felsen darüber sowie einem weitläufigen Exerzierplatz hatte Franco planen lassen. Wie der Triumph­bogen im Madrider Stadtteil Moncloa, in dem sich auch der Regierungspalast befindet, stand es für den Sieg der Truppen des nationalkatholischen Rebellengenerals im Bürgerkrieg (1936 bis 1939) gegen die linksgerichtete republikanische Regierung.

Nachkommen tragen Sarg

Franco hatte die Bauarbeiten damals persönlich überwacht. Nach Berichten von Zeitgenossen wollte er sich damit ein Denkmal nach dem Vorbild des Königs Philipp II. setzen, während dessen Herrschaft im 16.Jahrhundert das spanische Weltreich entstanden war. Das Tal der Gefallenen befindet sich nur wenige Kilometer vom Schloss El Escorial entfernt, das der König aus dem Hause Habsburg für sich hatte errichten lassen. In den Wänden der Basilika wurden die Gebeine von Tausenden von Toten des Bürgerkriegs beigesetzt, darunter auch von Gefallenen der republikanischen Truppen, ohne dass deren Angehörige ihr Einverständnis gegeben hatten.

Den Sarg trugen Enkel und Urenkel Francos aus der Basilika zu einem silbergrauen Leichen­wagen. Insgesamt waren 22 Familienmitglieder zusammengekommen; Franco hatte eine Tochter, die wiederum sieben Kinder zur Welt gebracht hatte. Daneben waren nur Protokoll­beamte sowie als Vertreterin der Regierung die Justizministerin Dolores Delgado zugegen, die auch das Amt des obersten Notars des Königreichs Spanien versieht und sichtbar Distanz zur Franco-Familie hielt. Als der Wagen abfuhr, riefen die Angehörigen im Chor: «Es lebe Franco! Es lebe Spanien!»

Der Wagen brachte den Sarg zum wenige Hundert Meter entfernten Helikopterlandeplatz. Vergeblich hatte die Familie Franco ein zweites Begräbnis mit militärischen Ehren gefordert, das Verteidigungsministerium hatte dies abgelehnt. Ebenso wurde ihr Wunsch ignoriert, dass die spanische Nationalflagge den Sarg bedeckt, es wurde lediglich eine Fahne mit dem Wappen der Familie Franco zugestanden. Darauf lag ein schlichter grüner Kranz mit einer Schleife in den Nationalfarben Rot und Gelb. Die Familie hatte versucht, juristisch die Exhumierung zu verhindern, war aber damit gescheitert: Vor drei Wochen hatte das Oberste Gericht in Madrid das Vorgehen der Regierung für rechtmässig erklärt.

Hunderte Anhänger vor Ort

Ebenso hatte das Kabinett Sánchez das Ansinnen der Angehörigen zurückgewiesen, Franco in einem Familiengrab in der Madrider Almudena-Kathedrale beizusetzen. Francos Tochter hatte dort eine Grabstelle gekauft, was Sánchez nicht bekannt gewesen war. Sánchez wollte auf keinen Fall zulassen, dass im Herzen Madrids eine neue Kultstätte der Franquisten entsteht. Dies könnte allerdings auch mit dem Friedhof von Mingorrubio geschehen. Das Tal der Gefallenen dagegen ist abgelegen, die jährlichen Treffen von Franquisten zum Geburtstag des Diktators wurden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Die neue Grabstätte liegt 34 Kilometer Luftlinie vom Tal der Gefallenen entfernt. Unweit des Friedhofs hatten sich mehrere Hundert Anhänger der Franco-Diktatur versammelt. Unter ihnen war der 87 Jahre alte frühere Offizier Antonio Tejero, einer der Anführer des gescheiterten Putschversuchs von Franco-Anhängern im Februar 1981. Die Bilder, wie Tejero mehrere Schüsse im Plenarsaal des Parlaments abgab, waren damals um die Welt gegangen. Als der Helikopter den Ort überflog, riefen die Demonstranten im Chor «Es lebe Franco» und zeigten den faschistischen Gruss, den ausgestreckten rechten Arm. Der Gruss der Faschisten war in Spanien bis 1945 offizielle Begrüssungsgeste. Die Szene wiederholte sich, als die Angehörigen Francos vor dem Friedhof eintrafen.

Francos sterbliche Überreste exhumiert und umgebettet (24. Okotber 2019). Video: euronews

Einige Demonstranten skandierten: «Sánchez – politische Hure!» Der sozialistische Ministerpräsident hatte die Exhumierung und Umbettung gegen viele Widerstände durchgesetzt. Noch am Vorabend hatte der Abt der Benediktiner, die die Hausherren der Basilika sind, erklärt, dass sein Orden das Vorgehen der Behörden als schwere Verletzung des Konkordats mit dem Vatikan ansieht, das die Unversehrtheit von Kirchenräumen vorsieht. Allerdings hatte die spanische Bischofskonferenz zuvor erklärt, dass sie die Entscheidung der weltlichen Behörden anerkennt.

Die Opposition warf Sánchez wegen der Umbettung der Gebeine Francos Opportunismus vor. Die rechts orientierten Gruppierungen beschuldigten ihn, ein tragisches Kapitel der Geschichte Spaniens für seinen Wahlkampf auszuschlachten. Spanien wählt am 10. November ein neues Parlament. Der Vorsitzende des linksalternativen Bündnisses Podemos Unidas, Pablo Iglesias, erklärte, die Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur sei eine viel zu ernsthafte Angelegenheit, als dass sie «Gegenstand der Propaganda» werden dürfe.

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